Die Bremser-Funktion der islamischen Staaten in Sachen Gleichberechtigung für Frauen stand wieder mal ganz oben auf der Tagesordung der UN-Konferenz.
Cheikha Rimitti, mit inzwischen 77 Lenzen die Grande Dame des algerischen Raï, kämpft schon seit ihrer Jugend um die Gleichstellung der Frau, allerdings mit ihren Mitteln. Und die sind der Raï, denn "Raï" bedeutet "Meinung". Zu Beginn der 50er Jahre nahm sie ihre ersten Platten auf, auf denen sie Allah’s Lobpreisungen mit dem Verlangen nach Aufhebung der alltäglichen geschlechtlichen Benachteiligung verband.
Die Zensur führt ins Pariser Exil
Durch das Besingen leidenschaftlicher körperlicher Liebe in moralisierenden Männerkreisen verachtet und ab 1962 durch die herrschende FLN-Partei unter Präsident Boumédienne zensiert und mit Auftrittsverboten belegt, agierte sie fortan im Untergrund und verließ schließlich Anfang der 80er Jahre das Land, um im Pariser Exil neue Freiheit zu erlangen.
1994 bzw. 1995 erregte sie mit den Alben "Sidi Mansour" und "Cheikha" weltweites Aufsehen, als sie u. a. mit Robert Fripp, Flea von den Red Hot Chili Peppers und den Fowler-Brüdern ein experimentelles Rock-Raï-Album vorlegte, das ungefähr vom Raï eines Khaled so weit entfernt war, wie Britney Spears von Yo La Tengo.
Erdige Authentizität und moderner Sound
Nun, mit reifen 77, erscheint von ihr "Nouar", eine Rückkehr zu traditionellen Wurzeln. "Nouar" (die Blume) ist ein "echtes" Raï-Album ohne süßlich-synthetisierte Flöten-Fakes und andere typische Merkmale eines glattgehobelten Nordafrika-Sounds.
Cheikha Rimittis herbe, männliche Stimme erschallt kraftvoll über vom Winde verwehter Holzblasmusik. Die Derbouka und diverse andere Perkussions-Instrumente Nordafrikas ergeben zusammen mit spritziger Maghreb-Trompete, andalusischen Gitarrenriffs, schaukelndem Accordeon und vielstimmigen Männerchören im Hintergrund einen Roots-Raï voll erdiger Authentizität.
Aber trotz der traditionellen Ingredienzien ist "Nouar" andererseits auch das, was man unter einem "Global Dance Album" versteht: hypnotischer Trance-Groove mit typischem Call-and-Response-Gesang, verziert mit leichtem Programming, am ehesten noch vergleichbar mit Rachid Taha’s Album "Diwan".
Bis heute Tabubruch
Cheikha Rimitti begeht in ihren Texten bis heute unverändert einen Tabubruch. Gegen weitverbreiteten islamischen Konservatismus und Machismos setzt sie ihr Plädoyer für eine offene Gesellschaft und eine freie weibliche Sexualität. Die auf den ersten Eindruck schwülstigen Liebeslieder auf "Nouar" enthalten gesellschaftspolitische Statements, für die sie in ihrer Heimat unweigerlich auf der Todesliste islamischer Fundamentalisten erscheinen wird.
Cheikha Rimitti beweist aber noch etwas, dass man auch noch im vorgerückten Rentenalter in der Lage ist, den jungen Raï-Poppern Paroli zu bieten und sie stets daran erinnert, wo die eigentlichen Wurzeln des Raï liegen. In den ärmlichen Gassen von Oran nämlich.
Cheikha Rimitti - Nouar
Musikstil: Weltmusik/Raï
Label: Sonodisc/Exil Musik
VÖ: 29.05.2000
Cover von "Nouar": Copyright liegt bei Sonodisc