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Moldawien

Ein Blick übers Land

Autor :  Thomas Mehlhausen
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 15.06.2002

Studenten verlassen Moldawien so bald wie möglich, und auch für Touristen scheint das Land nicht reizvoll genug zu sein. Thomas Mehlhausen berichtet.


Nachdem wir Transnistrien genau unter die Lupe genommen hatten, brachen wir Richtung Chisinau auf, um in der Hauptstadt Moldawiens die andere Seite des Dnjestr-Ufers kennen zu lernen. Als ich aus dem über die holprige Straße fahrenden und dabei bedrohlich klappernden Bus herausschaute und mir die kaum bewaldete, hügelige Landschaft anschaute, blieb mein Blick für kurze Zeit an einem auf eine weiße Rampe gestellten Panzer hängen.

Ein Land "ohne wirkliche Identität"

In der Stadt angekommen parkten wir direkt vor dem Eingang des Palastes der Republik, der mit seinem großen Bruder im Herzen Berlins verblüffende Ähnlichkeit aufwies. Im Eilschritt gingen wir zur deutschen Botschaft, wo der Botschafter Michael Zickerick über die politische Lage in Moldawien berichten sollte. In dem kleinen Raum stand auf einem mächtigen Tisch für uns Knabbereien und Getränke bereit.
Nach einem interessanten einstündigen Vortrag über das Land, das keine "wirkliche Identität" besitze, dessen politische Parteienlandschaft keine tragende Kraft kenne und dessen wirtschaftliche Situation existenzbedrohend sei, fuhren wir weiter zu einem Mitarbeiter vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, Dr. Dintera.

Auch er äußerte sich besorgt. Zwei Jahre zuvor hatte er mit einem ehrgeizigen Projekt begonnen - eine für moldawische Deutschlehrer herausgegebene deutschsprachige Zeitung und eine für deutsche Moldawieninteressierte erstellte Homepage. Nun gibt er enttäuscht zu: "Die Zeitung wurde eingestellt, da fast alle engagierten und talentierten studentischen Mitarbeiter, sobald sie die Möglichkeit hatten, ins Ausland gegangen sind. Etwa 80 Prozent der Austauschstudenten, die für mehr als ein halbes Jahr ins Ausland gegangen sind, bleiben dort."

Die Sendepolitik des staatlichen Fernsehens

Wir steigen in den Bus, dessen Motor nun schon an jeder zweiten Kreuzung absäuft. Das nächste Treffen ist mit dem Chef des staatlichen Fernsehsenders TVM sowie dessen streikenden Mitarbeitern geplant. Letztere berichteten: "Der regierungstreue Sender lehnt jegliche Reformbestrebungen ab, die das arme Land dringend bräuchte. Wir widersetzen uns der manipulativen Sendepolitik von TVM und werden von dem Europarat darin unterstützt, der die Öffnung des vom moldawischen Präsidenten abhängigen TV-Senders bis zum 31.Juli fordert."

Der Chef des TV-Senders sagte zu dem Streik, über ihm ein Bild des freundlich lächelnden Präsidenten Wladimir Woronin, dass er gegen die Forderungen des Europarats nichts einzuwenden hätte: "Doch die Probleme liegen in der Finanzierung. Bislang wird der Sender vom Staat bezahlt. Als unabhängiger Sender ohne finanzielle Unterstützung könnte er sich nicht tragen". Die Frage nach Zensur beantwortet er offen: "Die Zensur findet im Kopf statt. Bei kritischen Berichten kommt es gelegentlich zu Anrufen vom Ministerium, das übrigens auch unseren Programmdirektor einsetzt."
Eine der streikenden TV-Mitarbeiterinnen sagte: "Seit der kommunistische Präsident Woronin an die Macht gekommen ist, gibt es keine Pressefreiheit. Körperliche Übergriffe oder Entführungen gab es zum Glück noch nicht, aber gelegentliche Bedrohungen per Telefon."

"Russisch wird hier nicht gesprochen"

Kurze Zeit später befinden wir uns in dem modern eingerichteten Redaktionsbüro der unabhängigen und besonders populären Zeitung "Timpul". Eine Anfrage, ob das Gespräch auch auf Russisch geführt werden könne, um die Übersetzung zu erleichtern, wird von der blondhaarigen Mitarbeiterin knapp beantwortet: "In unseren Redaktionsräumen wird kein Russisch gesprochen." Auf die Frage nach der von der Zeitung vertretenen Position bezüglich der Lösung des Transnistrien-Konflikts, erklärte uns ein anderer Mitarbeiter mit reicher Gestik: "Von allen möglichen Lösungen sehen wir die Eingliederung Transnistriens in die Ukraine bei territorialem Ausgleich nördlich von Transnistrien liegender Gebiete als die beste Variante an."

Während eines Gesprächs mit Dmitrj Tschiubaschenko, Redakteur einer unabhängigen und kritischen Zeitung namens "Moldawskie Vedomosti" und Korrespondent der Agentur "Reuters", erfahren wir einiges über die wirtschaftliche Lage des Landes: "Dieses Jahr hat der Schuldendienst des Landes mit 200 Mio $, was 75 % unseres Bruttosozialprodukts entspricht, einen neuen Höhepunkt erreicht."
Mit besorgtem Blick fügt er an: "Die Weigerung Woronins, mit dem Internationalen Währungsfond zusammenzuarbeiten, und die darauffolgende Einstellung der Kredite treibt das Land in den Bankrott." Danach wird Tschiubaschenko mit einer unserer Gastgeberinnen bekannt gemacht, die bei seiner Zeitung journalistisch tätig werden möchte.

Touristen gesucht

Nach einem anstrengendem Tag spazierten wir durch den im Zentrum liegenden Park vorbei an Statuen bedeutender rumänischer Schriftsteller zu einem gut besuchten Café, wo wir auf unsere moldawischen Gastgeber trafen. Ich fragte meine Gastgeberin, ob diese so zentral gelegenen Cafés oft von jungen Leuten besucht würden oder eher von Touristen. Mit einem Lächeln erwiderte sie: "Welche Touristen?"
Abends in der kleinen, aber hübsch eingerichteten Wohnung im fünften Stock des vielgeschössigen Hochhauses empfingen uns ihre Eltern meiner Gastgeberin mit allerlei kulinarischen Kostbarkeiten und überhäuften mich mit vielen Fragen über Deutschland und meinen Erlebnissen während der Fahrt. Nach einem langen, aber sehr aufschlussreichen Gespräch ziehe ich mich auf mein Zimmer zurück und nutze die Gelegenheit, noch schnell ins Internet zu gehen. Meine Gastschwester ist eine der wenigen, die einen Computer besitzt.

Auf der Rückfahrt nach Rybniza lasse ich die vielen Eindrücke vor meinem geistigen Auge nochmals ablaufen. Der nächste Tag bedeutete nicht nur trauriger Abschied sondern auch Beginn der 33-stündigen Zugfahrt zurück nach Berlin.



Kehren Sie zum ersten Teil zurück, so können Sie über die Eindrücke der ersten Tage in der transnistrischen Stadt Rybniza und von Erfahrungen aus Gesprächen mit Transnistriern lesen.

Im zweiten Teil wurde über einen Ausflug in die transnistrische Hauptstadt Tiraspol berichtet, wo Gespräche mit Vertretern der journalistischen Fakultät, Zeitungen und Fernsehsendern einen Einblick in die Medienlandschaft des Landes gaben.

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