Bundeskanzler sein ist kein einfacher Job.
Das sehen die Besucher von www.gerhard-schroeder.de auf den ersten Blick: Spät abends wühlt sich ein unermüdlicher Schröder, mit Lesebrille auf der Nase, durch Aktenberge, notiert offenbar Wichtiges - alles zum Wohle der Bürger. Diesen Eindruck erweckt zumindest das große Bild auf seiner privaten Wahlkampfseite, die seit dem 23. Juli im Netz ist. Außerdem findet der Besucher hier die Auftrittsdaten der Sommertour Schröders, eine Kolumne von Kanzlergattin und Journalistin Doris Schröder-Köpf und Statements zu seinen wichtigsten Wahlkampfthemen.
Inhaltliche Positionen und politisches Engagement konnte die Internetgemeinde schon auf www.bundeskanzler.de nachlesen. Doch sein Privatleben packt Schröder erst jetzt aus. Von "Geburt in Mossenberg / Lippe 1944" bis zum selbstpostulierten "Kanzler der Mitte 2002" gleiten die wichtigsten Stationen seines Lebens mit den dazugehörigen Fotos auf einer Zeitleiste vorüber. Damit ist der Kanzler spät dran.
Konkurrent Edmund Stoiber wirbt mit ähnlich Persönlichem schon seit Monaten auf www.stoiber.de für sich, wo er sich als Staatsmann, Privatmann und Kanzlerkandidat präsentiert. Stoiber plaudert über seine Kindheit in Bayern und erzählt von Ehegattin Karin, seiner "großen Liebe".
Von Fundraising und Negative-Campaigning
Im diesjährigen Bundestagswahlkampf experimentieren sämtliche Parteien und Kandidaten eifrig mit dem Internet. Nie zuvor hatten so viele Deutsche Zugang zu dem Medium. Die Politiker scheinen darauf zu hoffen, hier dringend benötigte Stimmen fangen zu können. Der US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf vor zwei Jahren hat es vorgemacht. Al Gore und George W. Bush führten regelrechte Info-Schlachten im virtuellen Raum.
Neben Kandidatenseiten gibt es Fundraisingseiten, Negative-Campaiging-Plattformen, Parteiportale und vieles mehr. Die Selbstinszenierung auf den persönlichen Kandidatenseiten gehört zum Phänomen der Personalisierung, bei dem die Person des Politikers zum Deutungsmuster komplexer politischer Zusammenhänge wird. Ein Teil der Wähler befasst sich kaum mit Sachfragen, sondern verknüpft - teilweise unbewusst- seine Wahlentscheidung mit persönlichen Alltagsinformationen über die Kandidaten, etwa im Sinne von "Wer ein guter Vater, Ehemann etc. ist, sorgt auch gut für die Bürger eines Landes."
Auch Guido Westerwelle, der gerne der Dritte im Bunde der hoffungsfrohen Kandidaten wäre, versucht dieses Phänomen zu nutzen.
Auf seiner Seite www.guido-westerwelle.de zeigt er dem Besucher Urlaubsfotos von seiner Lieblingsinsel Mallorca und sitzt strahlend auf einem Schimmel - Bildunterschrift: "Zeit zum Ausreiten bleibt heute nur noch im Urlaub."
Damit nicht genug. Für seine Wahlkampftour in einem FDP-gelblackierte Campingbus schuf er eine eigene Webseite: www.guido-mobil.de. Seit dem 20. Juli kann man hier detailliert den Tagesablauf des Liberalen nachlesen und Bilder anschauen: Westerwelle im Biene-Maya-Pullover beim Frühstück auf dem Campingplatz und Arm in Arm mit einem gewissen "Zwirbelbart-Siggi", der ihm eine CD schenkt.
"Bundescasting"
Mindestens ebenso wichtig wie die Seiten der Kanzlerkandidaten sind die Portale der einzelnen Parteien. Das Prinzip der Seiten ähnelt sich, auch wenn sich Umfang und Aufmachung unterscheiden. Im Vordergrund steht, Programme, Personen und Positionen prägnant vorzustellen.
Die SPD hat ihre Seite www.spd.de stark ausgebaut. Hier finden die Besucher alles über Programm, Kandidaten, vieles zur Kampagne selbst, zu Initiativen, sämtliche Pressemitteilungen und Massen von Wahlkampfmaterial. Die Fülle wirkt auf den ersten Blick erdrückend, doch die Seiten sind gut strukturiert. Wer hier etwas sucht, wird es garantiert finden.
Humor gehört ebenfalls zur Wahlkampfmunition der SPD. Allerdings ist ihre offizielle Negative-Campaigning-Seite www.nichtregierungsfaehig.de erst bei genauem Hinsehen als sozialdemokratische Seite zu identifizieren. Das Ziel von Negative-Campaigning besteht darin, den Gegner zu kritisieren oder sich mit ihm zu vergleichen und ihn in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen, um die Wähler für sich zu gewinnen.
Die SPD versucht das mit kurzen, lustig gemeinten Animationen über das Guidomobil, Stoibers altbackenes Frauenbild und das sogenannte "Bundescasting", bei dem man Stoiber, Westerwelle und Möllemann ausbuhen, mit faulen Tomaten und dem Bayernkurier bewerfen kann.
Neben den Parteiseiten von CSU und CDU zeigt sich die Union mit einer gemeinsamen Seite im Netz: www.zeitfuertaten.de. (Auch wenn nur die CDU im Impressum steht, verweist ihre bayerische Schwesterpartei dennoch darauf, dass es sich um eine gemeinsame Seite handelt.)
Auch dieses Webportal dient in erster Linie der Information. Bemerkenswert ist, dass Besucher der Seite Themen nicht nur nach Sachgebieten, sondern auch nach Bundesländern oder Wählergruppen (wie Erstwähler, Frauen, Senioren) aufbereitet finden. Auch die Union versucht mit einer eigene Negative-Camapaiging-Seite Wähler zu überzeugen. Dabei setzt sie anders als die SPD nicht auf Humor und Unterhaltung, sondern gibt sich auf www.wahlfakten.de betont sachlich.
Nichtsdestotrotz fällt auch diese Seite in den Bereich des Negative Campaigning, da sie beispielsweise Aussagen Schröders aus dem ZDF-Sommerinterview vom 21. Juli so genannte "Fakten" gegenüberstellt und ihm so Lügen unterstellt.
SMS-Service inklusive
Bündnis90/Die Grünen haben ihre bisherigen Webseiten mit der Wahlkampfplattform www.gruen-wirkt.de verknüpft. Neben den üblichen Informationen bieten die Grünen einen SMS-Service. Die Wähler erhalten "schon bald" SMS-Nachrichten auf ihr Mobiltelefon, worin die aktuellen Informationen genau bestehen, wird nicht verraten.
Die Partei, die noch vor zwei Jahren den ersten "virtuellen" Parteitag abhielt, hat die innovative Stellung im Bereich Internet in dieser Kampagne verloren. Zwar findet man Themen, Wahlprogramm und Kandidaten auf der Seite, aber das Pulsieren des "Grün wirkt"-Buttons erinnert mehr an einen Herzschrittmacher als an ein aufgeregtes Pochen in der Brust.
Der Netzauftritt der FDP www.portalliberal.de ähnelt einer Webzeitung, mit Artikeln, Umfragen und vielen Fotos. Auf einer eigenen Fundraising-Seite, www.achtzehnzweitausendzwei.de, versuchen die Liberalen ihren Wahlkampfetat aufzustocken.
Die PDS hat ihre Parteiseite mit ihrer Wahlkampfseite www.pds2002.de verlinkt. Neben den üblichen Informationen zu Programm und Kandidaten, wartet sie mit einem Schiff auf. Die MS Sozialist schippert seit dem 15. Juli von Königsstein bis Lübeck, durchs Kernland der PDS-Stammwähler. Wie beim Guidomobil der liberalen Konkurrenz können die Besucher die Details der Kampagnentour online nachlesen. Fürs Tourtagebuch ist Angela Marquadt zuständig.
E-Volonteers
Relativ neu in Deutschland ist der Versuch, im und über das Internet Unterstützer zu mobilisieren. Vorbild war auch in diesem Bereich der US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2000. Während Anhänger der Grünen Flugblätter ausdrucken und in der Nachbarschaft verteilen sollen, vergleichbar den Unterstützern von George W. Bush beim "Nationwide Literature Drop-off", gibt es bei Union und SPD richtige Freiwilligen-Teams.
Die Sozialdemokraten versuchen ein sogenanntes "Online-Campaigning-Team OTC" aufzubauen. Hier müssen sich Anhänger registrieren lassen, damit ihnen die Wahlkampfzentrale KAMPA Aufgaben zuteilen kann. In erster Linie geht es dabei um die schnelle Verbreitung von Informationen per E-Mail und den Aufbau von Mailinglisten.
Ähnliche Aufgaben erwarten die sogenannten "E-Volonteers" des CDU-Portals. Inspiration für beide Parteien dürften George W. Bushs "E-train" und Al Gores "I-Team" aus dem Präsidentschaftswahlkampf 2000 gewesen sein. Die Grund für der enormen Bedeutung von Mailinglisten und E-Mail-Adressen für die Kampagnen ist schlicht, aber einleuchtend. Im Unterschied zur herkömmlichen Werbung in Printmedien oder im Rundfunk müssen die Wähler im Netz die Seiten gezielt aufrufen. Denn was nützen die besten Web-Seiten, wenn niemand sie besucht?
Die Autorin ist Verfasserin des Buches Wahlkampf im Web, erschienen 2002 im Deutschen Universitätsverlag.