Niemand foltert gerne. Foltern ist nicht schick, macht sich nicht gut im Konzert der globalisierten Demokratien und stört den freien Welthandel. Nein, das Foltern, dieses Hervorrufen körperlicher Qualen zum Herauspressen von Geständnissen, passt wirklich nicht in den Lebenslauf einer westlichen, zivilisierten Demokratie. Die Prime-Time der Folterei mit Hexenprozessen und Inquisition ist vorbei, glühende Kohlen, Elektroschocks oder Daumenschrauben schlummern heute nur noch im Repertoire hilfloser Geheimpolizeien und Militärdiktaturen. Die Folter - ein Wurmfortsatz des Naturrechts.
Ein wieder entdeckter Wurmfortsatz
Auf jenen überflüssigen Zipfel des menschlichen Entwicklungsganges scheinen sich US-amerikanische Kolumnisten aber auch hohe FBI-Beamte nun zurückzubesinnen: Schwer frustriert seien sie, die nach dem 11. September überarbeiteten Terrorermittler der US-Behörden. Denn mit guten Argumenten und fleißiger Überzeugungsarbeit sei den bisher über 600 Inhaftierten, die mit den Anschlägen in Zusammenhang stehen könnten, nun wirklich nicht beizukommen. Es ist daher "Zeit, über Folter nachzudenken", meint Jonathan Alter, Kolumnist des New Yorker Magazins Newsweek. Gut, vielleicht nicht gleich die Geschichte mit Elektroschocks und Gummischläuchen, aber zumindest über die Verabreichung von "Wahrheitsdrogen" müsse nachgedacht werden. "Das FBI will sie schon lange ausprobieren, und es verdient eine Chance", schreibt der liberale Newsweek-Journalist.
Ob er dann plaudern wird, der vermeintliche Schläfer, oder doch nur wie bekifft und umringt von Geheimpolizisten auf seiner Pritsche lallt, sei dahingestellt. Zumindest können sich Jonathan Alter und Konsorten, wie der öffentlich-rechtliche Radiomoderator Neal Conan ("Keine schlechte Idee"), über mangelnden Rückhalt aus der amerikanischen Bevölkerung nicht beklagen: 45 Prozent der US-Bürger stimmen einer Folter von bekannten Terroristen zu, so das Ergebnis einer Umfrage des Gallup-Instituts.
Outsourcing für das Gewissen
Die neueste Variante der Allianz gegen den Terror: Statt die Delinquenten im eigenen Land in die Mangel zu nehmen, einfach an marternde Verbündete ausliefern. Ägypten, Jordanien oder Albanien wären heiße Kandidaten in den Reihen der folternden Stellvertreterstaaten. Mit dem ungewöhnlichen Outsourcing hätte die einzig verbliebene Supermacht dann nicht nur die menschenrechtliche Balance schwankend gewahrt, sondern auch der eigenen Justiz ein Schnippchen geschlagen: Denn Geständnisse, die in den USA unter Folter gemacht werden, sind vor amerikanischen Gerichten unzulässig.