Wolfowitz gegen Powell - Falke gegen Taube
Autor : Philip Alexander Hiersemenzel E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 31.10.2001
In der amerikanischen Regierung herrscht bitterer Streit um das weitere Vorgehen im Krieg gegen den Terror. Philip Hiersemenzel berichtet über einen neuen Kampf alter Gegner.
In Washington wird hinter den Kulissen erbittert um die Strategie im Krieg gegen den Terror gerungen. Die Regierung wie das Foreign Policy Establishment allgemein ist gespalten. Auf der Seite derer, die ein vorsichtiges Vorgehen unter besonderer Rücksichtnahme auf „moderate" moslemische Staaten befürworten, steht Colin Powell, Ex-Generalstabschef, „Held" des Golfkriegs und Außenminister. Ihm gegenüber steht Paul Wolfowitz, stellvertretender Verteidigungsminister der USA, ehemaliger Professor der Internationalen Beziehungen und führender Verfechter einer harten Linie.
Die beiden Hauptprotagonisten dieser Gruppen sind alte Bekannte. Wolfowitz ist ebenfalls Veteran des Golfkrieges, für dessen Planung er als Under Secretary of Defense for Policy verantwortlich zeichnete. Bereits damals geriet er in Streit mit Powell. Während Wolfowitz vehement den Marsch auf Bagdad forderte, um Saddam zu beseitigen, beharrte der damalige Generalstabschef Powell darauf, strikt innerhalb der Grenzen des UNO-Mandats zur Befreiung Kuwaits zu bleiben - und setzte sich damit durch. Eine Entscheidung, die Wolfowitz seitdem immer wieder unverhohlen kritisiert hat.
Die „Wolfowitz-Intrige"
Auch dieses Mal strebt Wolfowitz wieder die Vordenkerrolle an und versucht hierbei das Außenministerium zu umgehen. Der vormalige Wissenschaftler hat hierzu mit dem Defense Policy Board eine einflussreiche „Denkfabrik" aus Experten der beiden großen Parteien um sich geschart. Zu dem 18 Mitglieder umfassenden Gremium gehören die ehemaligen republikanischen Außenminister Henry Kissinger und James Schlessinger ebenso wie James Woosely, unter Clinton CIA-Direktor, und Harold Brown, Verteidigungsminister im Kabinett Jimmy Carters. Auch Vertreter des Pentagons und des Nationalen Sicherheitsrats zählen zu dem erlauchten Kreis.
Nur Vertreter des Außenministeriums sind in der von diesen gern als „Wolfowitz Cabal" - wörtlich „Wolfowitz-Intrige" - bezeichneten Runde ausgeschlossen. Der erste Coup gegen den ihnen zu zurückhaltenden Außenminister ist den Verschwörern bereits gelungen. Das Weiße Haus ergänzte einen Brief an den UNO-Sicherheitsrat um einen folgenschweren Satz. Laut dem Schreiben des amerikanischen UN-Botschafters behalten die USA sich das Recht vor, „auch gegen andere Staaten und Organisation, die den Terror unterstützen" vorzugehen. Gemeint ist, da sind sich alle Beteiligten einig, ist erster Linie Saddam.
Powell soll, als er von dem Brief im nachhinein erfuhr, „fassungslos" und „entsetzt" reagiert haben. Kaum verwunderlich. Für den Außenminister, der sich selbst gerne als „zögerlichen Krieger" bezeichnet, ist der eingefügte Passus gleich in doppelter Hinsicht ärgerlich. Nicht nur der sachliche Rückschlag an sich schmerzt. Besonders bitter ist für Powell, dass die Ergänzung durch den in seinen Verantwortungsbereich fallenden Botschafter aber an ihm vorbei erfolgte. Und schon bald könnten Powell weitere Kopfschmerzen plagen.
Marsch auf Bagdad?
Denn, geht es nach Wolfowitz und seinen Experten, soll es nicht nur bei abstrakten Ankündigungen bleiben. Von Anfang an forderte Wolfowitz eine „unnachgiebige Kampagne". Die USA sollten Staaten, die den Terrorismus unterstützen, „beenden", sprich die dortigen Regime stürzen. Zwar tragen auch die Experten den allgemeinen Konsens, dem zufolge zuerst die Taliban und bin Laden ausgeschaltet werden müssen. Doch Saddam und den Irak haben Wolfowitz & Co. schon jetzt, als Ziel einer zweiten Phase des Kriegs gegen den Terror, fest im Visier.
Konsequenterweise hat das Defense Policy Board bereits konkrete Planungen zum Sturz Saddams und zur Installation einer neuen Regierung entworfen. Um ein Eingreifen zu rechtfertigen, werden in einem ersten Schritt Beweise für eine Beteiligung des Irak an den Ereignissen des 11. September gesammelt. Anschließend sollen US-Bodentruppen die südlichen Ölfelder des Landes besetzen und das dortige Öl zur Finanzierung der, dann als neue Regierung eingesetzten, irakischen Opposition verkaufen. Ein Plan, der, sollte er verwirklicht werden, für Wolfowitz sicher auch eine späte Genugtuung gegenüber seinem alten Widersacher Powell wäre.
Fotos: Copyrights liegen jeweils beim US Verteidigungs- (Wolfowitz, links) und Außenministerium (Powell, rechts)
Hier geht es zum Überblick über das e-politik.de Dossier "Der Krieg in Afghanistan".
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Weiterführende Links:
Lebenslauf von Paul Wolfowitz
Lebenslauf von Colin Powell
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