Herr Schmidt und Herr Friedrich
Autor : Nina Schönmeier E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 03.01.2003
In den 70er Jahren beginnt die Liebesgeschichte von Kurt Schmidt, Bürger der BRD und Wilfried Friedrich, der in der DDR lebt. Ein Film erzählt nun ihre Geschichte. Von Nina Schönmeier.
„Mein geliebter Gatte…“
Zwei Pappschachteln quellen über mit Liebesbriefen der beiden. Gemeinsam lassen sie ihre unglaubliche grenzenlose Liebe Revue passieren. Aus ihren Briefen spricht Sehnsucht danach, den anderen in die Arme zu schließen, endlich vereint zu sein. „Alle zwei Wochen bin ich nach Berlin gefahren, immer für vier Tage, dazwischen hatte ich nicht frei“, berichtet Kurt Schmidt von der anfangs schwierigen Bindung zu seinem Geliebten. Auch die Staatssicherheit erschwerte den beiden ihre Beziehung: sie fing viele Briefe ab und setzte einen IM auf Wilfried Friedrich an, um jede Regung zu protokollieren. Immer wieder fließen Zitate aus der Stasi-Akte von Friedrich in den Film ein. Sie geben eindrucksvoll Zeugnis davon, wie akribisch Schmidt beobachtet wurde. Das homosexuelle Verhältnis Friedrichs zu einem Westbürger ließ den Machtapparat aufhorchen. Die Spitzel sahen in ihm einen potenziellen Fahnenflüchtigen, der irgendwann versuchen würde, in den Westen zu gelangen. Bald bekannte sich Schmidt auch offen zu seinem Wunsch, die DDR zu verlassen und richtete mehrere Petitionen an das Regime. Doch zunächst stieß er dort auf taube Ohren, denn menschliche Gründe galten nicht in einem unmenschlichen System. „Das Leben in der DDR ist für mich unerträglich geworden“, schrieb er Ende der 70er in einem Brief an seinen Freund. Erst 1980 darf Friedrich dem gehassten System den Rücken kehren und zu seinem Partner ziehen.
Paradies der schönen Träume
In Schlagerplatten mit sehnsuchtsvollen Texten fanden die beiden ihr Paradies, das auf Erden nicht zu existieren schien. Zusammen pflegen sie seit dem Tag ihres Kennenlernens einen regelrechten Kult um Vicky Leandros und Co. Als sie noch durch eine Mauer getrennt waren, schickten sie sich gegenseitig „ihre“ Platten und halfen sich so über die einsamen Stunden. Die Leidenschaft für den Schlager schweißte sie von Anfang an zusammen. Über Briefe, mit denen sich Schmidt seltene Platten und Autogramme von Schlagermusikern beschaffen wollte, war auch der erste Kontakt der beiden entstanden. Stolz präsentiert das Paar seine umfangreiche Sammlung von Schlagerplatten. An langweiligen Winterabenden vertreiben sie sich die Zeit damit, Interpreten und Titel zu erraten.
Leben ohne Überraschung
Doch auch die Beziehung der Protagonisten hat sich im Lauf der Jahre „eingeschliffen“. Von der glühenden Leidenschaft ihrer ersten Briefe ist wenig zu spüren in ihrem miefigen Kleinstadt-Reihenhaus. Man hat sich miteinander eingerichtet nach 25 Jahren, weiß genau, was man vom anderen erwarten darf. Das Leben ist überraschungslos geworden. Die gegenseitigen Sticheleien der beiden wirken wie ein verzweifelter Versuch, Emotionen zu wecken, egal welche. „Manchmal kommt es mir so vor, als würde er nur auf einen Moment warten, Streit zu provozieren“, sagt Friedrich. Eine Szene illustriert das triste Eheleben der beiden besonders gut: an seinem 50. Geburtstag schenkt Friedrich seinem Freund Blumen. „Danke“, sagt dieser und wendet sich ab, ohne eine Umarmung, ohne einen Kuss. Obwohl eine Trennung vielleicht geboten gewesen wäre, haben Schmidt und Friedrich nie darüber nachgedacht. Denn sie gehören einfach zusammen. „Für mich gäbe es nie einen anderen Partner“, ist sich Schmidt sicher. „Und für ihn erst recht nicht, er hängt noch mehr an mir“, bekräftigt er. Kurz nach den Dreharbeiten stirbt Wilfried Friedrich nach einer schweren Erkrankung. Geschickt verwebt der Film den zeithistorischen Hintergrund mit einer Liebesgeschichte. Dabei gelingt es den Machern, an die Protagonisten heranzukommen und einen Blick in ihr Innenleben zu gewähren, ohne dass es voyeuristisch wirkt.
Herr Schmidt und Herr Friedrich
Regisseure: Ulrike Franke und Michael Loeken
Dauer: 69 Minuten
Deutschland, 2001
Filmproduktion Loeken Franke, Köln
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Leserkommentar
von
Alfred
am 20.01.2003
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Staatssicherheit
Den Film kenne ich nicht, aber offenbar bedient er gründlich - emotional auf- und abwühlend - die vor allem von Frau Birthler - wegen ihrer Berufsexistenz - aufrecht zu haltende Psychose um die Staatssicherheit. Die heutige Schnüffelei - siehe Attacken gegen Gysi - ist kaum menschlicher. Alfred
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