Die Oberlippe zuckt verächtlich. Das Cello spielt die amerikanische Nationalhymne - Version Jimi Hendrix. Matthias Deutschmann, Jahrgang 58, ist ein Getriebener seiner eigenen Vernunft. Ruhe kennt er auf der Bühne nicht. Weiter, weiter. Die Grenzen zwischen Aufklärung und Unterhaltung verschwimmen. Aufklärung, wohlgemerkt, nicht Belehrung. Deutschmanns Programm verklärt nicht, es legt offen und es ist schonungslos dialektisch. Zur Erklärung: Deutschmann ist These und Antithese zugleich. Er ist wachsam und doch müde von dieser Welt. Er liebt sie, das spürt man, also ringt er mit ihr. Er sucht die Synthese, ohne Flucht in den Zynismus oder die "Kabaresignation". Deutschmann ist derjenige, den Tucholsky meinte, als er vom "charaktervollen Künstler" schrieb, der "um des Guten Willens kämpft".
Humanismus
Deutschmanns Waffe ist die niveauvolle Pointe - nicht alles ist erlaubt. Der Mann in schwarz ist konsequent, seine Verächtlichmachung von Zuständen und Personen nie Selbstzweck, sondern immer Mittel. Deutschmann hat etwas, was man wohl "erkennbare Grundhaltung" nennen könnte. Ein Begriff wie "Humanismus" kommt einem in den Sinn, aber vielleicht auch nur, weil Deutschmann ihn selber zur Sprache bringt.
Die Beschreibung eines Abends mit dem scharfsinnigen Künstler kann nur Bruchstücke liefern. Auffallend jedoch: der hohe Grad an Aktualität der Themen, die an der Schnelligkeit der Produktion nicht im Geringsten gelitten haben. Der an Wolfgang Neuss erinnernde Improvisationsstil ist wohl Ausfluss und Stütze dieser Aktualität. Die Eisen, die Deutschmann anfasst, glühen noch. Es zischt, wenn er sie in den Zuschauerraum wirft. Afghanistan, CIA, Amerika, Bin Laden, Taliban. Zwischendurch kunstfertiges Bespielen des Cellos, Pointen auf russisch, Selbstreflexion über Kabarett in Ost und West und immer wieder diese krausgezogene Oberlippe.
ZDF an Kabarett gescheitert
Dieses Kabarett ist kompromisslos. Das hat auch schon der ZDF Intendant Stolpe zu spüren bekommen. 1993 flog Deutschmann aus dem Morgenmagazin des ZDF. Der Grund: Er hatte den Präsidenten des IOC, Antonio Samaranch, in einem satirischen Beitrag als "Franco-Faschisten a.D." bezeichnet. Aber ein Deutschmann macht eben vor niemandem Halt. Vor allem nicht vor Amerika. Zur eigenen Sicherheit, quasi als Korrektiv, gründet er im Publikum nun pausenlos Komitees zur Überwachung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses. Das Korrektiv scheitert jedoch kläglich an der eigenen Wehrlosigkeit. Entlachwaffnet.
Die Überwachung durch Deutschmann dagegen ist lückenlos. Trotz der dunklen Sonnenbrille. Selbst Geheimdienste wie der BND werden durchleuchtet. Fundiert werden Wirken und Versagen der Nachrichtendienste geschildert, ohne Verschwörungstheorie, dafür mit gründlicher Recherche. Deutschmanns Interesse an der Wahrheit ist fast zärtlich. Unaufdringlich fühlt man sich an seine selbst verschuldete Unmündigkeit erinnert.
Wenn Kabarett auf bundesdeutschem Parkett jemals wieder ernst genommen wird, dann waren es Künstler wie Deutschmann, die dafür den Bühnenboden mit ihrem Schweiß poliert haben. Große Begeisterung über einen modernen Aufklärer. Und Rätselraten, denn ein Deutschmann zahlt keine GEMA-Gebühren: Das Cello spielt Beatles - Version Deutschmann. Welcher Titel? Psst. Das ist streng vertraulich.
Foto: Pressefoto. Copyright liegt bei Albert Josef Schmidt
Tourdaten:
Dezember 2001:
26.- 30.12. Freiburg
Januar 2002:
16.1. Radevormwald
17.- 19.1. Köln
20.1. Langenfeld
24.1. Rottenburg
25.1. München
26.1. Göppingen
27.1. Konstanz
29.1. - 2.2. München
Februar 2002:
3.2. Haar
7.2. Garching
8.-9. 2. Würzburg
14.2. Oldenburg
15.2. Bremerhafen
16.2. Bremen
17.2. Bielefeld
20.2. Lörrach
21.-23. 2. Mainz
März 2002:
25.- 6.3. Berlin
7.3. Memmingen
8.3. Augsburg
17.- 20.3. Düsseldorf
April 2002
24.- 25.4. Meerbusch
26.4. Kaarst
27.4. Greven
28.4. Warendorf
Mai 2002
2.- 5.5. Freiburg
8.- 9.5. Mai Leipzig
Stand: 09.11.2001, Terminänderungen vorbehalten