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Sigi Zimmerschied: IHOBS

Sigi Zimmerschied: IHOBS

Autor :  Claus von Wagner
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 25.10.2001

Bösartig, polemisch, umwerfend. Der gotteslästernde Zimmerschied aus Passau schockiert und irritiert. Claus von Wagner war bei seinem Auftritt in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft dabei.


Sigi Zimmerschied ist ein Erlebnis. Da bricht eine Urgewalt über den Zuschauer herein. Da springt einem die Wut ins Gesicht. Mit schmerzverzerrtem Gesicht steht ein Mann auf der Bühne, der vor allem eines verkörpert: Authentizität. Seine Bühnenfigur wirkt so greifbar wie der Schweiß, den Zimmerschied bei seinen Auftritten literweise vergießt. Die Körperlichkeit des Stückes ist beinahe furchteinflößend. Nur Zentimeter vor den Augen der Betrachter werden Stühle umgerissen, ein Tisch mit Boxhandschuhen traktiert, oder eine lebensgroße Stoff-Puppe niedergerungen. Eruptive Gewalt, gefolgt von atemlosem Schweigen.

Gott vor Gericht

Ein Spiel für einen Zweifler, einen Gott und einen Torso. So lautet der Untertitel des Stückes. Zimmerschied ist eingeschneit, in einer Gastspielgarderobe irgendwo in der Provinz. Niemand ist so allein, wie ein Kleinkünstler in seiner Umkleide. Allein mit sich, der Angst, seiner Wut und einem Torso - als Projektionsfläche für die überbordenden Gefühle. Nur einer sieht herunter auf die getriebene Kreatur, die sich boshaft über Gott und die Welt erregt: Gott selbst. Doch das hätte er besser nicht getan. Inmitten eines Schneegestöbers entlädt sich der rotglühende Hass der Kreatur und Worte schlagen wie Fäuste auf einen Gott ein, der es eigentlich gewohnt ist mit Respekt angesprochen zu werden. Das göttliche Wesen sitzt vor dem Gericht des kleinen Mannes. Das Urteil ist niederschmetternd, die Argumente erdrückend: Krieg, Terror, Unglück und immer wieder nur eine Frage: Warum?

Kabarett als Brauereipferd

Die Verwandtschaft zum alttestamentarischen Buch Hiob, die der Programmtitel ja bereits andeutet, ist unüberhörbar. Neben dem göttlichen tagt jedoch auch das irdische Gericht: Zimmerschied klagt an. Jeden, der es verdient - und macht auch vor der eigenen Tür nicht halt. Im Gegenteil: Soviel Ärger über die deutsche Kleinkunstszene bekommt man selten zu spüren. Zimmerschied zwingt sie alle vor die Anklagebank. Machtgeile Kabarettmanager, Karrierekabarettisten, kulturlose Wirte, verblendete Kulturamtsleiterinnen, eingebildete Schauspieler. Er legt die Gepflogenheiten einer Branche offen, die längst ihre Unschuld verloren hat. Künstler sind nur noch Mittel zum Bierverkauf. Die Kunst existiert nur um des Konsums willen. Das Kabarett als Brauereipferd. Ein Schlachtfest für jeden Szene-Insider, denn Zimmerschied nennt Namen - verschlüsselt, aber eindeutig.

Herzinfarkt

Die Boxhandschuhe zischen durch die Luft. Ein Schlag, ein Schrei. Jeder geht mit einem blauen Auge nach Hause: das Publikum, die jungen wilden Dramatiker, die Pressefotografen, der Bayerische Rundfunk, Bruno Jonas und natürlich auch die Kritiker. Doch Zimmerschied findet ebenfalls nach Hause. Zu sich. Kurz vor dem Herzinfarkt verlässt ihn die Wut, lässt der Anblick eines Kruzifixes („I hob's") sein klammes Herz wieder frei schlagen: mit Hoffnung, Zuversicht, und Phantasie. Glaube strömt zurück in kalte Adern. Gemeinsam mit denen, die er eben noch zu Boden gedrückt hat, befreit sich Zimmerschied aus seiner misslichen Lage in der Provinzgarderobe. Flankiert von Dramatikern, Kulturamtsleiterinnen und Kritikern stürmt er durch den Schnee in Richtung München - heim ins „Fraunhofer". Ein Bier trinken. Daheim.

Katharsis

Zimmerschied wirft seinem Publikum den Fehdehandschuh mitten ins Gesicht. Seine Herausforderung ist intellektuell. Wer sie nicht annimmt, der lügt. Denn Zimmerschied zwingt zur Gegenreaktion: Er fordert sie nicht nur, er knüppelt sie aus einem heraus. Schock und Irritation sind seine Waffen. Wer gegen Zimmerschied nicht Stellung bezieht, verliert seine Integrität. Wer alles gut findet, hat sie schon verloren. IHOBS ist ein Programm, so bösartig, polemisch, und ungerecht wie nur Kabarett sein kann. Ein Kampf mit harten Bandagen. Alles ist erlaubt. Ein Teufelswerk mit göttlichem Einschlag. Doch es gibt Hoffnung, Licht am Ende des Lebenstunnels. Auch wenn der Glanz des Lichtes lediglich die Bühnefigur erfasst. Das Publikum bleibt zurück - im Schneegestöber der Realität. Aber Zimmerschied hat den Weg zumindest vorgezeichnet. Kampf. Mit sich und der Welt. Denn ohne Aufbegehren ist der verdiente Weg zurück zu sich nur eine Sackgasse und Katharsis nur ein Fremdwort ohne Inhalt. Wenn sich dann der Vorhang über das Geschehen senkt, sieht man vor dem geistigen Auge noch einmal die gespenstisch präzise Vorstellung vorbeiziehen. So kabarettistisch kann Literatur sein.

Foto: Copyright liegt bei www.sigi-zimmerschied.de


   

Weiterführende Links:
   Website von Sigi Zimmerschied
   Website der Lach- und Schießgesellschaft



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