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Thomas Maurer

Thomas Maurer: Stinknormal

Autor :  Claus von Wagner
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 13.05.2002

Es liegt was in der Luft. Kabarettist Thomas Maurer hat die Nase voll. Ein grandioses Programm über Hundescheiße, Turbo-Globalisierung und alles was sonst noch so stinkt. Claus von Wagner hat seine Nase in den Münchner Schlachthof gesteckt.


Über der Münchner Leopoldstraße weht dieser Tage ein großes Plakat. "Kärnten", ist darauf zu lesen, sei die "Münchner Freiheit". Was das bedeutet, versteht wohl nur die verantwortliche Werbeagentur - oder Thomas Maurer, denn von Kärnten weiß der österreichische Kabarettist ein oder zwei schaurige Geschichten zu erzählen. Der Abgesang auf Herrn Haiders Spielwiese, die sich schon seit Anfang der 70er Jahre mit der slowenischen Minderheit um zweisprachige Straßenschilder zankt, ist Einstieg in einen denkwürdigen Abend.

Das Bühnenbild zeigt einen Mann Mitte Dreißig. Sonst nichts. Maurer trägt einen schlichten braunen Anzug und braune Schuhe - "So normal wollte ich nie werden." Auch das braun-weiß-karierte Hemd lässt von den extravaganten Gedanken seines Trägers zunächst nichts erahnen. Die Gestik des Mannes schon eher. Der überbordende Ideenreichtum, die purzelnden Gedanken, das diffuse Unbehagen - all das wird über die Hände nach außen getragen. Verzweifelte Versuche Halt zu finden, in einer komplexen Welt zwischen McDonald's und Globalisierung.

Der Rückzug ins Politische

Maurers Bühnenfigur, Produkt einer Industrienation aus der westlichen Wertegesellschaft, ist erfolgreich geschieden. Nennt somit eine Ex-Frau, ein Kind und einen Hund sein eigen, wobei letzterer ihm als einziger Begleiter durchs Leben geblieben ist. Wir erfahren nichts über die Beziehung. Es geht uns im Grund ja auch nichts an. Aber wir erfahren viel über die Weltsicht dieser Figur und ihres Schöpfers, Thomas Maurer. Denn immer dann, wenn es gilt, noch eine Denkebene draufzusetzen, meldet sich der Autor selbst zu Wort. Maurer fällt aus der Rolle - nur um dieser noch eine Facette hinzuzufügen.

Worum es geht? Um nichts besonderes, eigentlich - nur um die Welt im Ganzen. Und manchmal um Österreich im Speziellen. Maurers Gedanken springen, wie vom Teufel geritten, immer wieder vom Privaten ins Politische: Von der Kinderarbeit zum Schokoriegel, von Menschenrechtsverletzungen in China zur Partnerwahl durch Pheromone, vom Nahen Osten zu Hundescheiße und von der schwarz-blauen Koalition in Österreich zu Trotzreaktionen des menschlichen Hirns. Gerade darin liegt die Faszination dieses Soloprogramms, denn es bricht mit dem Rückzug der Kabarettisten ins Private. Thomas Maurer weiß, dass die Globalisierung nicht vor der Haustüre Halt macht.

Propaganda und Königsmord

Das feine Näschen des Österreichers für die Hundehaufen dieser Erde ist keine Gnade. Denn die häufen sich. Und egal wie viel Cockpit-Spray mit Pfirsich-Duft Maurer in den Zuschauerraum hineinsprüht: nach ein paar Minuten ist der Weltgeruch wieder da. Auch im Tierreich spielen Düfte eine große Rolle. Die Parabel über Propaganda-Ameisen, welche heimlich und schleichend fremde Kolonien übernehmen, über Stallgeruch, Königsmord, Machterhalt und nationalistische Arbeiterameisen - stinkt schlichtweg zum Himmel. Es ist was faul im Staate Erde und Maurer kehrt den Dreck charmant nach außen.

In der zweiten Hälfte wird es immer wieder still im Publikum. Maurer mutet seinem Publikum einiges an Themen zu: 11. September, Zweiter Weltkrieg - faszinierend wie er dennoch die Spannung hält. Vor allem der Teilzeitvater-Ausflug Maurers durch Wiens zweiten Bezirk, dem ehemaligen "Judenviertel" der Stadt, wird zur gedanklichen Zitterpartie. Hier begegnet Maurer, seine Tochter auf dem Arm, einer jüdischen Familie. Der Kloß in seinem Hals schwillt an, sein Gehirn zeigt Bilder von Güterwagons. Maurer flieht in den nächsten Fast-Food-Laden. Verdrängung - ein zentrales Thema des Programms.

Wie Amerikaner sich das Paradies vorstellen

Irgendwie landet Maurer dann im Garten Eden und malt das Bild eines schaurigen US-Paradieses an die Wand. Vor dem 11. September entstanden, hat diese Nummer dennoch nichts von ihrer Wahrheit verloren. Plötzlich, ein Schrei. Die Sehnsucht der Hauptfigur nach Leben bricht sich Bahn. Wie ein wildes Tier sucht sie sich den Weg ins Freie, doch das Heulen des Wolfes erstickt schnell am Kater des nächsten Morgens. Die Zeitbombe Mensch tickt. Das Ende des Stücks ist offen, eine Duftkerze ist alles, was Maurer uns als Trost spendiert - auch eine Art der Verdrängung.

Thomas Maurer schleudert der Welt seinen Geist entgegen. Er fordert, er bestraft, er fasziniert. Schnörkellos - hier hat der Intellekt das Sagen. Der Österreicher ist der Erzengel unter den Satirikern. Seine Worte lassen komplexeste Gedanken engelsgleich auf die Bühne schweben. Sein unbestechlich unschuldiger Blick trennt Gerecht von Ungerecht. Blitzgescheit und hervorragend recherchiert, ist "Stinknormal" das hinterfotzigste jüngste Gericht, dass jemals vollzogen wurde. Rhetorisch brillant und fesselnd bis zur letzten Minute. Nehmen sie eine Nase voll. Halleluja.

Foto: Copyright liegt bei http://www.e-a.at/


Tourdaten in Deutschland:

Juni 2002:
07.06. Baden-Baden Studio-Brettl
10.06. Aschaffenburg Stadt-Theater


September 2002:
20. - 21.09. Nürnberg Burgtheater


   

Weiterführende Links:
   Programmbeschreibung auf der Schlachhof Homepage
   Informationen zu Maurers Leben und Werk



Leserkommentar von Ina Mautz
am 15.05.2002
DANKE...

...für diesen sprachlich und inhaltlich hervorragenden Artikel, der durch scharfe Beobachtungsgabe des Autors und brillante Metaphern ein aussagekräftiges Bild Thomas Maurers malt - alles andere als "stinknormal"!

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