Die SED-Führung
I. Das Ende der Ära Honecker
Die Führung unter Honecker nahm die zunehmenden Demonstrationen zwar wahr, jedoch fühlte sie sich durch die Stasi-Berichte über die Lage nicht gewarnt. Vielmehr hielt Honecker sie nicht für wichtig und brandmarkte sie als "gleichlautend mit den Berichten der westlichen Presse". Seit Juli 1989 war Honecker gallenkrank und nicht amtsfähig. Wirtschaftsminister Mittag leitete seit August für ihn das Politbüro. Immerhin hatte Honecker noch Krenz zum Leiter einer DDR-Delegation zum 40. Jahrestag der Volksrepublik China delegiert, nur ein Vierteljahr nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz, welches die DDR am 8. Juni gebilligt hatte.
Unter Mittags Vorsitz verhielt sich das Politbüro ebenfalls schweigend. Die Probleme wurden nicht intern behandelt, es bestand eine "Wagenburgmentalität". Statt Diskussion setzte Mittag auf Agitation , und Schabowski schob die Schuld auf "die Imperialisten in der BRD", die auch "die Sache mit Ungarn vorbereitet hatten"(Mittag). Die Führung baute also auf Agitation und Propaganda, und immerhin glaubten sie die SED hinter sich zu haben (obwohl sich Parteiausschlüsse und -austritte häuften). Nachdem Ungarn am 5. September den "Eisernen Vorhang" löchrig werden ließ, wurde es als "Verräter" verunglimpft und noch mehr agitiert. Doch einige wie Verteidigungsminister Keßler gaben nun zu, daß Unzufriedenheit mit der Führung bestand. Mielke setzte im Gegensatz zu Mittag zusätzlich zur Agitation auf mehr Produktion, um die Unzufriedenen zu halten.
Außerdem hoffte man auf die Hilfe des Warschauer Paktes, um Ungarn zurück in die Blocksolidarität zu zwingen, doch die Sowjets gaben zu erkennen, daß es keine Möglichkeit mehr dazu gab. Zudem konnten Fahrten nach Ungarn nur dann verhindert werden, wenn gleichfalls diejenigen nach Rumänien und Bulgarien verboten wurden und die CSSR "mitspielte". Nun wollte man wenigstens verhindern, daß die "unsicheren Kantonisten" ausreisen.
Zur Ursachenforschung der Probleme war man nicht bereit, vielmehr verschob man eine Analyse immer wieder. Alles, was Mittag veranlasste, war Lobpreisungstexte für den von vielen mittlerweile angegriffenen kranken Generalsekretär veröffentlichen zu lassen. Die einzig latente Angst der Führung bestand in der Angst vor "Betriebskrisen". Nur allzugut erinnerte man sich an den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953. Doch FDGB-Chef Harry Tisch beruhigte die Genossen: "Niemand verlangt nach neuen Gewerkschaften !"
Währenddessen bekamen die Demonstrationen immer mehr Zulauf. Am 25.9.1989 startete die erste große Leipziger Montagsdemonstration.
2 Tage später kehrte Honecker in Amt und Würden zurück und berief eine improvisierte Sitzung ein. Das Problem der DDR-Flüchtlinge in Warschau und Prag wurde behandelt. Mit Prag kam es zu Vereinbarungen. Die Flüchtlinge wurden ausgewiesen und mit DDR-Sonderzügen über DDR-Territorium in die BRD verbracht. Damit wollte Honecker den Schein der Souveränität der DDR über "ihre Flüchtlinge" wahren. Als die Flüchtlingswelle weiter zunahm, wurde die Ausreise in die CSSR ausgesetzt. Es kam zur Verschärfung der Situation. Am 3.10. protestierten in Dresden an der CSSR-Grenze zurückgewiesene DDR-Bürger, von denen viele "zugeführt"(verhaftet) wurden. Viele Bürger schlossen sich den Demonstranten an. Sie wollten am 4.10. auf Züge aufspringen, die "Prager Flüchtlinge" in die BRD auswiesen. Die Gleise wurden blockiert, und es kam zu Auseinandersetzungen mit den Polizeikräften. Diese griffen brutal durch und verhafteten viele. Das war nunmehr die Vergeltung der Staatsmacht. Trotzdem oder gerade deswegen stieg die Zahl der Protestierenden weiter an. Sie zogen jetzt durch ganz Dresden, verhielten sich gewaltfrei und beendeten ihre Demonstrationen zumeist in den Kirchen. Die Sicherheitskräfte reagierten ambivalent; "zugeführt" wurde vielerorts weiter.
Forderungen nach einer Legalisierung des "Neuen Forums" wurden laut, jedoch vom Politbüro abgelehnt ( "keine Notwendigkeit").
Zusätzlich zum heterogenen "Neuen Forum" wurde am 7.10. eine "alte-neue Kraft" gegründet, die Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP). Sie enstand in Schwante, einem märkischen Dorf nördlich von Berlin. Dieser symbolträchtige Akt revitalisierte die Sozialdemokratie, die durch die Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED (1946 in der SBZ) ihre Eigenständigkeit eingebüßt hatte.
Am 6./ 7. 10.1989 feierte die Führung den 40. Jahrestag der DDR. Man mobilisierte hierbei noch einmal alle Kräfte (Fackelzüge, Aufmärsche) , und Honecker bestand auf der Richtigkeit seiner Behauptung vom Januar 1989 : "Die Mauer wird auch noch in 50 und 100 Jahren stehen, sofern die dazu vorhandenen Gründe noch bestehen !"
Doch die angespannte Lage und die vielen "Gorbi !" und "Hilf uns !"- Rufe (auch und vor allem der Kader) konnten dadurch nicht unterdrückt werden. Kurz vor seiner Abreise rief Gorbatschow dem innerlich erbosten Honecker zum Handeln auf und sagte dabei den legendären prophetischen (später leicht abgeänderten) Satz : "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben !" Außerdem, so steht es in seinen "Erinnerungen", will er noch betont haben: "Das Leben verlangt von ihnen mutige Entscheidungen !"
Doch Honecker verstand auch jetzt nicht.
Die außenpolitischen Erfolge der letzten Jahre hatten ihn davon überzeugt, daß die DDR keine Reformen benötigte. Daraufhin aber begannen Krenz und Schabowski, das "Denkmal Honecker" zu stürzen. Sie legten am 10. Oktober einen Text vor, der zum Inhalt hatte, daß der "Sozialismus jeden brauche" und "Platz für alle biete". Honecker dagegen hatte kurz zuvor betont, man dürfe den Flüchtigen "keine Träne nachweinen". Damit war Honecker vor der gesamten Führung brüskiert worden, und er akzeptierte auch nur widerwillig den Text, der jedoch auch "Kontinuität und Erneuerung" hervorhob und Selbstkritik außen vor ließ.
"Kontinuität und Erneuerung" war damals das große Schlagwort gegen "Glasnost und Perestroijka" und gehörte zum Stammrepertoire der SED-Agitation.
Am 9. Oktober demonstrierten in Leipzig über 70 000 Menschen. Dort kam es am selben Tag zur Erklärung der sogenannten "Leipziger Sechs". Diese Sechs waren der Chef des "Gewandhauses" Kurt Masur, der Pfarrer Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange sowie drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung. Sie riefen gemeinsam zu Besonnenheit, Gewaltlosigkeit, Dialog und freiem Meinungsaustausch auf. Ihr Aufruf bewirkte, daß sich die Situation entspannte. Eine von vielen erwartete "chinesische Lösung" blieb somit aus, und am 13.10.erließ die Führung einen Einsatzbefehl, der den Gebrauch von Schußwaffen (erstmals) eindeutig untersagte.
Die Demonstrationen erweckten das Bewußtsein für die Brisanz der Probleme in der Gesellschaft sowie in der Parteibasis, doch Honecker war starrsinnig und verkannte die Realität. Nun begann sogar einer von Honeckers engsten Vertrauten, Stasi-Chef Erich Mielke, an diesem Kritik zu üben. Mielke warnte vor einer "Revolution durch die Arbeiter". Außerdem trat er, der 82-jährige, für eine Verjüngung der Kader ein. Am 12. Oktober erhielt Honecker auch keine Zustimmung mehr aus den Regionen, aus denen vor allem Hans Modrow ihn kritisierte, sowie aus der FDJ, die sich ebenfalls sehr für Reformen aussprach. In der Politbürositzung am 17.10 wurde Honeckers Schicksal besiegelt. Außer Mittag und dem Sekretär für Agitation und Propaganda, Joachim Herrmann, waren alle, sogar Gorbatschow, informiert.
Regierungschef Willi Stoph schlug vor, Honecker abzulösen und Krenz zu dessen Nachfolger wählen zu lassen. Honecker blieb dabei sichtlich gefaßt, und er wählte sich selbst ab, denn alle 25 Politbüromitglieder stimmten dafür. Am darauffolgenden Tage bestätigte das ZK diese Entscheidung (Honecker bat dort selbst um seine Entlassung wegen "Krankheitsbeschwerden") und entband ihn auch entgegen seinem Willen von seiner Funktion als Politbüromitglied. Zu guter Letzt wurde auch die vom Politbüro vorgeschlagene Ablösung Mittags und Herrmanns gebilligt.
Mit diesem Tage war die "Ära Honecker" definitiv beendet.
II. Egon Krenz und der Versuch, das System in den Grundfesten zu erhalten
Krenz versuchte nun durch das Eingeständnis, "nicht rechtzeitig die richtigen Schlußfolgen" aus den Problemen gezogen zu haben, die Situation zu beruhigen und die Ausreisewilligen im Lande zu halten. Reformen wurden zwar nicht mehr kategorisch negiert, aber die Führungsrolle der Partei sowie der "Sozialismus marxistisch-leninistischer Prägung" galten weiterhin als unangreifbar. Davon wollte und konnte Krenz scheinbar kein Jota abrücken. Wenn überhaupt, so war Veränderung nur innerhalb dieses festgesetzten Rahmens möglich. Krenz kündigte lediglich "Dialogbereitschaft" an, wohingegen Modrow konkrete Zielvorgaben forderte. Noch stand Modrow damit allerdings innerhalb der Führung allein auf weiter Flur.
Die Meinung vieler, Krenz sei kein Reformer, sondern ein Altkader, manifestierte sich in vier wesentlichen Punkten:
- Er hatte das chinesische Massaker auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" eindeutig gebilligt.
- Er hatte als Wahlleiter bei den Kommunalwahlen vom Mai 1989 die Manipulationen geduldet.
- Die brutalen Polizeieinsätze (z.B. in Dresden) fielen in seinen Bereich als ZK-Sekretär.
- Er galt als Honeckers Kronprinz und wurde in dessen Ämter gewählt.
Dieses Ererben stieß bei vielen auf Unverständnis - bei Teilen der SED selbst, den Blockparteien und Massenorganisationen und vor allem den Bürgern. Diese skandierten: "Egon Krenz - keine Lizenz !" oder: "Egon - deine Wahl nicht zählt, dich hat nicht das Volk gewählt !"
Gleichzeitig befreiten sich die DDR-Medien vom staatlichen Gängelband und schalteten auf freie Berichterstattung um. Sie publizierten erstmals Machtmißbrauch und Skandale der "Nomenklatura" und forderten eine Überprüfung der unverhältnismäßigen Polizeieinsätze. Daraufhin erließ die Führung eine allgemeine Amnestie für festgenommene Demonstranten und stimmte der Überprüfung zu. Mittlerweile sank auch die Bereitschaft der Polizei und der Stasi, für den ganz offensichtlich "verrotteten" Staat ihre Gesundheit auf's Spiel zu setzen, und das Vertrauen in die Führung schwand weiter.
Oppositionelle Gruppen wurden immer noch nicht anerkannt, auch die SDP nicht. Zudem drohte der Staat mit repressiven Maßnahmen bei weiterer Betätigung dieser Gruppen.
Diese Nichtanerkennungspolitik verhieß nichts reformerisches, auch wenn seit dem 28.10 DDR-Bürger wieder ohne Paß und Visum in die CSSR reisen durften.
Am 31.10. flog Krenz nach Moskau und traf Gorbatschow, der ihm die Angst vor einer "Wiedervereinigung" meinte nehmen zu können, denn er sah zu diesem Zeitpunkt keine Durchsetzungsmöglichkeit und keinen politischen Willen der Siegermächte bezüglich einer deutschen Vereinigung. Trotzdem drängte er auch Krenz dazu, neue Ideen zu erschaffen und diese in Realpolitik umzusetzen. Eine Neuerung ergab das Treffen jedoch - Krenz bewertete die sowjetischen Reformideen jetzt positiv.
Zurück zu Hause, erließen er und das Politbüro neue Gesetze. Zum erstenmal wurde eine Demonstration offiziell genehmigt (die Großdemonstration am 4.11. 1989 in Berlin) und einige Alt-Funktionäre wurden aus dem Politbüro ausgeschlossen (Axen, Hager, Mückenberger, Neumann, Mielke). Zudem sollte die Verwaltung demokratisiert, die Wirtschaft reformiert sowie ein ziviler Ersatzdienst geschaffen werden. Doch das Volk wollte längst mehr: "Krenz zu Tisch", "Pässe für alle", oder: "Dem Land ein neues Antlitz - ohne Kalk aus Wandlitz !" hießen seine Forderungen.
Die Großdemonstration in Berlin vom 4.11. hatte zwar die Hoffnung aufkeimen lassen, eine Änderung der politisch-sozialen Verhältnisse sei auch mit der SED möglich, doch in den Regionen und der Provinz war kaum ein Konsens zu erreichen. Die Atmosphäre dort blieb sehr angespannt. Lautstark forderte man Pressefreiheit und den Rücktritt der Regierung.
Am 7.11.1989 trug diese Forderung Früchte. Die Regierung Stoph demissionierte, und am 8.11. folgte ihr das gesamte Politbüro nach. Egon Krenz wurde aber erneut Generalsekretär, und das neue verkleinerte Politbüro bestand jetzt aus 13 Mitgliedern, von denen jedoch 7 auch dem alten angehört hatten. Stoph-Nachfolger als Regierungschef wurde Hans Modrow, der als "Reformer" galt und dem Bescheidenheit attestiert wurde.
Das neue ZK befaßte sich sofort mit dem Entwurf einer neuen Reiseverordnung, welcher noch unter Stoph entstanden war. Dieser Entwurf beinhaltete kurzfristige Reisegenehmigungen ohne Voraussetzungen oder "Versagungsgründe". Auch die unverzügliche Erteilung von Visa für "ständige Ausreisen in die BRD" waren Bestandteil. Am 9. November gegen 19.00 Uhr verlas der Informationssekretär des ZK der SED, Günter Schabowski, das neue Reisegesetz auf einer Pressekonferenz. Von einem Korrespondenten befragt, wann dieses Gesetz denn in Kraft treten würde, schaute der übermüdete Schabowski auf seine Unterlagen und antwortete kurz: "Sofort, unverzüglich !" Er hatte dabei jedoch völlig außer acht gelassen, daß die Erklärung für die Presse erst am 10.11. publik gemacht werden sollte, und etwaige Erlasse und Kompetenzzuweisungen an die zuständigen Grenzstellen waren ebensowenig weitergegeben worden. Viele Menschen wollten die Stichhaltigkeit dieser Aussagen überprüfen, und der Massenandrang führte dazu, daß die Grenzsoldaten um 23.14 Uhr die ersten Schlagbäume öffneten. Somit hatte die unklare Befehlslage sowie Fehler bei der Kalkulation dieser "Ankündigung" zum Fall der Mauer und damit zur weiteren Erosion des Systems geführt.
III. Die Führung nach der Maueröffnung
Nach dem Fall der Mauer versuchte Krenz unverzüglich, diplomatische Hilfe der Sowjetunion zum Zwecke der "Sicherstellung der Ordnung in Berlin" sowie bei der Verhinderung von Einheitsbestrebungen zu erhalten. Gorbatschows Antwort war zustimmend. Er warnte vor einer "Destabilisierung der DDR" durch die BRD und der Forderung nach Vereinigung. Mit Kohl konnte Krenz hingegen weniger Erfolge vorweisen. Die diametral entgegenstehenden Forderungen der beiden deutschen Teilstaaten waren nicht zu verschleiern. Kohl beharrte auf der Vereinigung und warnte lediglich vor einer "Radikalisierung" der Lage.
Währenddessen versuchte Modrows 28-köpfige "Koalitionsregierung", in der elf Mitglieder der Blockparteien vertreten waren, Maßnahmen zur Herstellung von Rechtsstaatlichkeit, eine Reform der Wirtschaft und des Bildungssektors sowie ein demokratisches Medien-und Wahlgesetz einzuleiten. Auch sollten Ökonomie und Ökologie miteinander verbunden werden.
Modrows großes Ziel basierte auf der Schaffung eines "besseren Sozialismus". Durch die angekündigten Reformen sollte die DDR demokratisiert und somit auch ihre staatliche Souveränität erhalten werden. Doch Modrow hatte weder die Zeit noch übergreifende Akzeptanz auf seiner Seite. Zudem wurde das am 8. November zugelassene "Neue Forum" nicht an der Regierung beteiligt sowie SED-Mitglieder der alten Regierung in die neue aufgenommen. Zu seinen größten politischen Fehlern zählte sicherlich auch seine Weigerung, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aufzulösen. Er wollte es als Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) zunächst weiterführen, musste jedoch dem starken Druck nachgeben. Der Mfs-Apparat wurde daraufhin langsam, unter starkem Widerstand des Apparates, aufgelöst. Das entsprach dem Willen der Mehrheit, die noch den unsäglichen Kommentar des MfS-Chefs Erich Mielke vor der Volkskammer am13.10.1989 in Erinnerung hatten, als er sagte: "Aber ich liebe euch doch alle !"
Die endgültige Abgrenzung der Koalitionspartner von der SED und der Schritt hin zur eigenen Profilierung begann. Seit Ende November 1989 plädierten diese - allen voran die CDU - nicht mehr für eine reformierte sozialistische DDR, sondern für Marktwirtschaft und Einheit. Anfang Dezember löste sich dann der Block und die "Nationale Front" endgültig auf, und selbst die Massenorganisationen trennten sich von den kontrollierenden Händen der SED, was wiederum einen großen Mitgliederschwund zur Folge hatte.
Seit Mitte November wurden Einheitsbekundungen verzeichnet, die erste in Leipzig am13.11.1989. Diese Einheitsbefürworter waren ab Ende Dezember in der Mehrheit, standen jedoch einer immer noch starken Minderheit von DDR-Eigenständigkeitsbefürwortern gegenüber. Am 29.11. hatte Helmut Kohl seinen 10-Punkte-Plan dem bundesdeutschen Parlament vorgelegt und somit den "Einheitsbefürwortern" in der DDR neue Nahrung gegeben. Doch noch bestand die ablehnende Front der Siegermächte. Also setzte Modrow auf die UdSSR. Doch diese konnte nicht mehr als (noch) verbale Unterstützung geben, wußte jedoch, daß die DDR verloren war. Die Westmächte wußten ebenfalls, daß sie bei der BRD aufgrund ihrer jahrelangen verbalen Unterstützung einer Vereinigung in der Pflicht standen.
Von den ehemaligen Bruderstaaten hatte die DDR auch keine Hilfe mehr zu erwarten, die Blocksolidarität war obsolet geworden. Faktisch war der Kalte Krieg zu Ende, und die strategische Signifikanz der DDR war für die UdSSR nicht mehr existentieller Bestandteil ihrer Außenpolitik.
Daher kam es in der DDR zu einem letzten Aufbäumen von Intellektuellen (Schorlemmer, Heym, etc.), welche die Eigenständigkeit der DDR erhalten wollten. "Für unser Land" nannten sie ihren Aufruf an die Ostdeutschen, welcher durch die Teilnahme von Krenz seine Chance, breiteren Anklang zu finden, leichtfertig verspielte.
Krenz wurde immer schneller immer unpopulärer, auch innerhalb der SED. Am 3.12. rebellierten unzufriedene SED-Mitglieder vor dem Politbüro und forderten den Rücktritt der gesamten Führung. Am 4.12. trat das Politbüro und das ZK tatsächlich zurück. Als letzten Amtsakt hatte das Politbüro Honecker, Stoph und weitere ehemalige führende Genossen aus der SED ausgeschlossen. Die SED wurde nun von einem Arbeitsausschuß geleitet, der aus Reformern (Gysi, Berghofer, Bisky,etc.) bestand und bis zum Parteitag am 8.12. provisorisch die Macht ausübte.
Ein Ereignis von großer Signifikanz hatte am 1.12. für Aufsehen gesorgt. An diesem Tag hatte die Volkskammer der DDR den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung gestrichen und somit den Herrschaftsanspruch der SED auf die Ausübung der Macht durch die Partei (kraft ihrer immer postulierten Alleinvertretung auf Wahrheit) de-legitimiert. Das Diktum: "Die Partei hat immer Recht !" galt fortan nicht mehr.
Dazu kam, daß sich die bald darauf nach polnischem Vorbild konstruierten "Runden Tische" etablieren konnten, welche als Kontrollinstanz von Regierung und Bürokratie fungierten und eine Art "Gegenregierung" darstellten. Zeitweilig konnte man sogar von "Doppelherrschaft" sprechen.
Am 6.12. gelang es endlich, Krenz zu überzeugen, vom Amt des Staatsratsvorsitzenden zurückzutreten, und man wählte den Liberaldemokraten Gerlach zum neuen Staatschef.
Derweil kam die alte Garde (Honecker, Stoph, Mielke, etc.) in U-Haft, andere wurden aus der SED ausgeschlossen. Egon Krenz traf dieses Schicksal im Januar 1990.
Der SED-Parteitag am 8.12. brachte nicht die von vielen gewünschte Auflösung und Neuformierung der Partei. Modrows Einsatz und sein Versprechen, weiterzumachen, bewirkte einen Beschluß, der die Auflösung verhinderte. Das große Parteivermögen, das nach einer Auflösung der Partei "herrenlos" geworden wäre, war ein weiterer, wenn auch "inoffizieller" Grund für die Nichtauflösung. Seit der 2.Sitzung des Parteitages am 16./17.12 nannte sich die Partei SED-PDS und entschuldigte sich bei den Ostdeutschen für die verursachte Staatskrise. Sie wollte sich nun demokratisch-humanistisch erneuern und ideologischen Ballast abwerfen. Plattformen und Basisdemokratie sollten ihre Eckpfeiler sein, wohingegen Politbüro und ZK verschwanden und durch Parteivorstand und verschiedene Gremien ersetzt wurde.
Kurz darauf, am 20./21.1., warf man das Parteiemblem, das Abzeichen sowie den belasteten Namen SED über Bord. Daraufhin verließen viele (z.B.Berghofer) die PDS und suchten um Aufnahme in anderen Parteien, vor allem in der SPD, die aber keine Ex-SED-Mitglieder aufnahm.
Am 22.1.1990 bildete Modrow eine Regierung der "nationalen Verantwortung". Man erreichte einen 4-Punkte-Konsens, der aus folgenden Punkten bestand: 1. Die Volkskammerwahlen werden vom 6. Mai auf den 18. März vorverlegt. 2. Die Kommunalwahlen finden wie geplant am 6. Mai statt. 3. Je ein Vertreter aller oppositionellen Gruppen des "Runden Tisches" wird in die Regierung aufgenommen (Allparteienregierung). 4. Ein ständiger Regierungsvertreter nimmt im Ministerrang an den Beratungen des "Runden Tisches" teil.
Ende Januar hatte Modrow allein einen Konföderationsplan verfaßt (er sah keine Chancen mehr für eine überlebensfähige eigenständige DDR), den er mit der UdSSR besprochen hatte, und der die militärische Neutralität der BRD und der DDR implizierte. Mehrere Phasen sollten zur Vertragsgemeinschaft führen. Doch auch dieser Plan half nichts mehr. Die Bundesregierung und die DDR-Bürger bestimmten das Tempo, und die Vereinigung sollte erst nach den Volkskammerwahlen detailliert besprochen und ausgehandelt werden. Zudem bröckelte die ablehnende Haltung der UdSSR hinsichtlich der Vereinigung ebenfalls, und selbst Modrows Neutralitätsklausel war in Gefahr. Die Wahlen am 18. März mit dem Sieg der von CDU und CSU geschmiedeten konservativen "Allianz für Deutschland" besiegelten dann das Ende jener Pläne, und die DDR lag schon in ihrem Todesschlaf !
Literaturverzeichnis
- Staritz, Dietrich: Geschichte der DDR, Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main, erweiterte Neuausgabe 1996
- Gorbatschow, Michail: Erinnerungen, Goldmann Verlag, Berlin, 1996
- Modrow, Hans: Ich wollte ein neues Deutschland, Econ & List Taschenbuch Verlag, München, 2. Auflage, 1999
- Schöllgen, Gregor: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München (C.H. Beck) 1999
- Andersen, Uwe/ Woyke, Wichard: Handwörterbuch des politischen Systems, Leske+Budrich, Opladen, 3. Auflage, 1997
- Der SPIEGEL: Ausgaben aus dem Jahr 1999: 100 Tage im Herbst (Serie)
- Der SPIEGEL: Ausgaben aus dem Jahr 1999: Spiegel des 20. Jahrhunderts (Serie): "Die Ära Honecker"
- Judt, Matthias (Hrsg.): DDR-Geschichte in Dokumenten, Christoph Links Verlag, Bonn 1998
- Lehmann, Hans-Georg: Deutschland-Chronik 1945 bis 1995, Bouvier Verlag, Bonn 1996
- Weidenfeld, Werner/ Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit 1949-1989-1999, Campus Verlag, Franfurt am Main 1999
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