Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann hat bereits mit einer Reihe von Veröffentlichungen wie "Ägypten - Eine Sinngeschichte" oder "Moses der Ägypter" die Grenzen seines Faches gesprengt und über ein rein akademisches Publikum hinaus Aufmerksamkeit gefunden. Mit seiner neusten Publikation "Herrschaft und Heil - Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa" - eine überarbeitete Sammlung mehrerer bereits erschienener Arbeiten - wendet er sich nun einer der nach eigener Einschätzung "aktuellsten, wichtigsten und offensten Fragen der Kulturwissenschaften überhaupt" zu - der Frage nach der Beziehung zwischen religiöser und politischer Ordnung.
Die Politische Theologie Carl Schmitts antwortet mit der These, dass alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre säkularisierte theologische Begriffe seien, dass das Politische aus dem Religiösen entstanden sei. In dieser Trennung der politischen und religiösen Sphäre, dem Versuch einer rein rationalen Grundlegung politischer Ordnung, sieht Schmitt die ‘Heillosigkeit der Welt’ begründet. Die Werte und Regeln des Zusammenlebens und der Herrschaft müssen auf eine letztinstanzliche metaphysisch-religiöse Autorität zurückgeführt werden.
Assmann erweitert Schmitts These um ihre Vorgeschichte, indem er den abendländisch-christlichen Rahmen sprengt und erstmals von einer politischen Theologie des alten Ägyptens spricht. Anhand einer Vielzahl alt-ägyptischer Quellen belegt er die ‘Umbuchung’ zentraler politischer Konzepte wie Herrschaft, Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Gesetz und anderer in theologische Vorstellungen.
Diese revolutionäre Transformation, die ‘Erfindung’ des Religiösen, habe in Israel mit der Annahme des monotheistischen Gottesbildes stattgefunden. Im Umkehrschluß zu Schmitt ergibt sich so Assmanns These: Die prägnanten Begriffe der Theologie seien theologisierte politische Begriffe.
"Heil und Herrschaft" knüpft dabei nahtlos sowohl an die Argumentation früherer Arbeiten des Autors als auch an deren Brillianz an. Wieder einmal gelingt Assmann nicht nur der Sprung von den Erkenntnissen des sehr speziellen Faches der Ägyptologie hin zu einer allgemeinen, fächerübergreifenden kulturwissenschaftlichen Frage, sondern er vermag auch neue, richtungsweisende Denkanstöße zu diesem Thema zu geben. Die Ägyptologie behält dabei jedoch stets das Übergewicht.
Die politische Theologie in Israel, die der Untertitel verspricht, wird eher am Rande behandelt, so dass die zentrale These des Buches an einigen Stellen zugunsten einer Darstellung der ägyptischen Glaubens- und Vorstellungswelt in den Hintergrund zu treten droht. Auch von der politischen Theologie in Europa ist lediglich im Sinne einer - im übrigen sehr gut und verständlich zusammengefassten - Geschichte des Begriffs und der damit verbundenen Theorien die Rede.
Dies alles trägt zu dem Eindruck bei, dass "Heil und Herrschaft" noch etwas Bearbeitung durch den Autor benötigt hätte, um aus den enthaltenen Arbeiten ein einheitliches, im Sinne der zentralen These strukturiertes Werk zu schmieden. Vor allem das Fehlen eines abschließenden Kapitels, das die gewonnenen Erkenntnisse - diesmal vor dem Hintergrund der nun auch dem Leser bekannten Fakten - noch einmal zusammenfasst und die Implikationen dieser Erkenntnisse auf die politische Theoriebildung andeutet, ist aus Sicht des Lesers bedauerlich.
Trotzdem bleibt "Heil und Herrschaft" - auch und gerade für Laien - ein rundum empfehlenswertes Buch, dass in angenehm lesbarem Stil mühelos dichtes Fachwissen vermittelt, intellektuelle Denkanstöße bietet und eine anhaltende Faszination für sein Thema hervorruft. Der Wunsch nach dem Einklang von fachlichem Tiefgang, fächerübergreifendem Denken und literarischer Begabung - hier ist er in Erfüllung gegangen.
Jan Assmann: "Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa"
Carl Hanser Verlag, 2000, 338 Seiten
DM 49,80
ISBN 3-446-19866-0