In den ersten Tagen nach den Anschlägen in den Vereinigten Staaten meldeten sich zahlreiche renommierte Experten zu Wort. In den Beiträgen der Islamfachleute, und zumeist -kritiker, fiel häufig der Begriff vom "Kampf der Kulturen". Die Referenten beriefen sich hierbei auf das Buch des langjährigen Beraters des US-Außenministeriums und Leiters des John M. Olin-Institutes für Strategische Studien, Samuel P. Huntington.
Ursache des Terrors nicht im Islam begründet
Nach Huntingtons Veröffentlichung im Jahr 1996 entbrannte in Fachkreisen eine leidenschaftliche Diskussion über dessen These, mit dem Wegfall des bipolaren Systems werde die Zeit der Auseinandersetzung der Kulturen anbrechen. In den letzten Wochen avancierte diese Prognose zum Schlagtot-Argument für ein entschlossenes militärisches Vorgehen gegen Afghanistan und andere "Schurkenstaaten". Hierbei übersehen Anhänger der These Huntingtons, wie Peter Scholl-Latour und Basam Tibi, dass die Ursache des Terrorismus gegen die USA nicht im Islam begründet liegt.
Wer die Hintergründe der Anschläge vom 11. September in der islamischen Kultur vermutet, der begeht folgenschwere Denkfehler: Erstens stellt man sich, folgt man Huntington, argumentativ mit Akteuren wie Osama bin Laden auf eine Stufe. Denn al-Qaida und andere Terrororganisationen sowie die Taliban postulieren mit ihrem Aufruf zum Dschihad nichts anderes, als einen "Kampf der Kulturen". Der Konflikt erhält dadurch zusätzlich von beiden Seiten eine starke emotionale Note.
Zweitens verdeckt man die tatsächlichen Ursachen des Terrors und folglich mögliche Ansätze diesen Konflikt zu lösen. Denn dass der Konflikt eigentlich politische Hintergründe hat, zeigt sich bereits in den Forderungen gewaltbereiter Islamisten: Diese verlangen unter anderem den Abzug von US-Truppen aus der Golfregion. Im Vordergrund stehen also kaum kulturelle Motive. Des weiteren schüren gekränktes Selbstwertgefühl, gekoppelt mit mangelndem Verständnis und Interesse der westlichen Staaten an der arabischen Welt gleichermaßen den Hass auf die USA. Verstärkt wird dieser Hass durch Armut, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Unverständnis angesichts der westlichen Politik gegenüber Israel und den Irak.
Missbrauch des Islams
Natürlich bestreitet niemand, dass kulturelle Prägungen und gewachsene Traditionen diese Auffassung mitbestimmen. Im Großen und Ganzen wird der Islam jedoch von einigen Gegnern der Vereinigten Staaten und anderer westlicher Demokratien für ihre Ziele lediglich instrumentalisiert. Er wird von den Taliban als Ideologie und Legitimation ihres Regimes missbraucht. Wer dies als kulturelle Auseinandersetzung versteht, der müsste beispielsweise auch den Krieg der Japaner gegen die Vereinigten Staaten als "Kampf der Kulturen" ansehen. Wiederrum lenkt diese Sichtweise aber nur von den tatsächlichen Ursachen und deren Lösungen ab.
Nicht zu letzt enthält diese polarisierende Darstellung auch einen bitteren Beigeschmack. Man fühlt sich an vergangene Zeiten erinnert, als das "Ostlandreitertum" das christliche Abendland vor dem "kulturellen Untergang" zu bewahren hatte. Doch es gibt auch Anlass zu Hoffnung: Die Regierung der Vereinigten Staaten hat nach derzeitiger Einschätzung erkannt, dass es sich nicht um ein kulturelles, sondern um ein politisches Problem handelt.
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Samuel P. Huntington: "The Clash of Civilizations"
Touchstone Books Taschenbuch, 1998, 368 Seiten
DM 34
ISBN: 0684844419
Einen weiteren Beitrag zum Thema "Kampf der Kulturen" finden Sie bei e-politik.de auch unter: /Terroranschlag in den USA/ Terror-Krieg gegen die USA - Vorboten des Clash of Civilizations?
Hier geht es zum Überblick über das e-politik.de Dossier "Der Krieg in Afghanistan".