e-politik.de: Wenn es um diese Debatte geht - der Abtreibung von
behindertem,
missgebildetem Leben -, dann betrifft es diese Formen der Missbildung nicht:
die waren niemals lebensfähig. Wenn es um diese Debatte geht - ganz brutal:
um "wertes" und "unwertes" Leben -, hätte ich mir Bilder
behinderter
Menschen gewünscht: die leben, die sind da - und die werden diskriminiert.
Wichmann: Der Begriff des "unwerten Lebens" ist
katastrophal.
e-politik.de: Natürlich. Aber um ihn geht es doch in der Gendebatte.
Nichts
anderes als die Frage nach "wertem" und "unwertem" Leben steht
doch hinter
dem "Zwang zur Abtreibung", den Sie angesprochen haben. Man sucht
doch nach
bestimmten Wertvorstellungen, die man seinen Kindern mitgeben, die man in
seinen Kindern verwirklicht sehen möchte. Man braucht dabei noch nicht
einmal an behinderte Menschen zu denken: Wer zu dick ist, oder als Frau
bestimmte Formen nicht hat, gilt doch auch schon als auffällig und anders.
Wichmann: Ja, aber das ist etwas anderes. Dick sein hat nichts
damit zu tun,
eine Missbildung zu haben.
e-politik.de: Nein, aber damit fängt die Suche nach dem
"perfekten" Menschen
an.
Wichmann: Man kann keinen ästhetischen Spannungsbogen ziehen von
Missbildungen zu Dickleibigkeit. So weit würde ich nicht gehen.
e-politik.de: Es ist kein ästhetischer Spannungsbogen
Wichmann: Doch, ich glaube schon. Die Wertung des Schönen ist eine
ästhetische Frage - keine, ob etwas gesund oder ungesund ist.
e-politik.de: Willemsen spricht doch aber selbst auch von der
"ätherischen
Schönheit" dieser Föten. Dennoch: Darum ging es mir nicht. Ich dachte
diese
Fotos und dieser Text sollten deutlich machen, dass das Leben nicht nur die
"schönen und tollen" Menschen entstehen lässt, sondern auch die
"Freaks of
Nature" - nur dass sie eben nicht leben. Und dass scheint mir der
entscheidende Punkt zu sein: Diese Föten leben nicht. Darum kann man sie
nicht diskriminieren, nicht ausgrenzen.
Wichmann: Ich kann nur wiederholen: Es geht um die Frage, warum
man
hinguckt, warum man von den Bildern fasziniert ist. Ich empfinde Ihren Vorwurf,
man würde den Voyeurismus bedienen, als zu pauschal. Wir sind
alle Voyeure - nur in unterschiedlichem Maß. Voyeurismus ist für mich nicht
unbedingt ein Vorwurf.
e-politik.de: Sie haben recht: Voyeurismus ist ein einfacher Vorwurf
- man kann
ihn immer machen, und er ist schwer zu entkräften. Ihn einfach als
"pauschalen Vorwurf" zu qualifizieren ist aber auch einfach, entzieht man
sich damit doch der Auseinandersetzung. Sie sagten, diese Bilder seien
Kunst. Theoretisch kann ich alles als Kunst bezeichnen. Kann ich dann die
Vergewaltigung einer Frau genauso zeigen, mit einem Text, der sich
kulturhistorische mit diesem Verbrechen
auseinandersetzt?
Wichmann: Es gibt in dem Film "Leaving Las Vegas" eine
Szene, da wird die Hauptdarstellerin, die als Prostituierte arbeitet, von
einer Gruppe Schüler
auf deren Zimmer eingeladen. Es ist klar, um was es geht: einer soll mit ihr
schlafen. So zusagen als Mutprobe. Die Frau wird dann von mehreren Schülern
vergewaltigt. Die Vergewaltigung wird so dargestellt: Man sieht eine Dusche
und man sieht die Beine der Frau. Man sieht, wie sich das Duschwasser, das
an
den Beinen der Frau entlang läuft, rot färbt. Und man hört die Frau weinen.
Es wurde offensichtlich eine Vergewaltigung thematisiert. Kann man das
zeigen? Welches Bild ist stärker? Wenn ich die Vergewaltigung gezeigt hätte,
oder sie so darstelle? Ich will darauf keine Antwort geben.
Nur so viel: Die Antwort reicht in gewisser Hinsicht an den Anfang dieses
Interviews zurück, insofern dass man es nicht pauschal beurteilen kann. Es
muss bei jeder Geschichte, bei jedem Bild, die Grenze neu verhandelt werden.
Teil 1 - Wir hatten eine lange Debatte in der Redaktion
Teil 2 - Ich finde im Schrecken auch das Faszinierende
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