Dossier: „Gesichter der Zukunft“ – Sächsische Schüler erfinden ihre Gesellschaft von Morgen

Die Themen Migration und Integration standen im Mittelpunkt der Zukunftsszenarien.
Die Themen Migration und Integration standen im Mittelpunkt der Zukunftsszenarien.

Wie entwickelt sich Deutschland in den kommenden 20 Jahren? Leben wir bald in einer sich gegenseitig inspirierenden Kulturmelange, einer virtuellen Vermeidungsgesellschaft oder gar einem hermetisch abgeriegelten Kastensystem? Sächsische Schüler verfassten im Rahmen des Projekts „Gesichter der Zukunft” überraschende Geschichten und zeichneten inspirierende Bilder und Comics, wie in Deutschland im Jahre 2037 Einheimische und Zugewanderte zusammenleben werden. Von Thomas Mehlhausen und Paul Kuder

Wann ist eigentlich Zukunft? Eine mögliche Antwort: Sie ist immer schon da. Gegenwart vergeht – auch während der Lektüre dieser Zeilen. In einer sich fortwährend beschleunigenden Welt neigen wir dazu, in immer kurzfristigeren Horizonten zu planen – vor Augen den anstehenden Projektbericht, die folgende Spielsaison oder das kommende Schulhalbjahr. Doch erst mit Blick auf die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte erkennen wir unscheinbare Trends, die unser künftiges gesellschaftliches Zusammenleben entscheidend prägen werden. Schauen wir nicht rechtzeitig in die weite Zukunft, sind wir bald Spielball statt Dirigent unserer Zeit.

Auch in politischen Diskursen ist die Zukunft schon immer gegenwärtig. Insbesondere populistische Parteien machen das Spiel mit der Angst zu ihrem Tagesgeschäft: Die Zukunft dient ihnen als Projektionsfläche für Untergangsszenarien – um die Rettung vor der imaginierten Katastrophe zu „predigen”. Aber auch der Demokratie allgemein und ihren Politikern der Mitte wird oft vorgeworfen, der Logik von Legislaturperioden unterworfen zu sein und kurzfristige Gewinne der Bewältigung langfristiger Herausforderungen vorzuziehen. Sicher ist, dass die politischen Entscheidungen von heute die Weichen für unsere Leben im Morgen stellen.

Der Zukunftskompass
Der Zukunftskompass, der die Schüler durch die Entwicklung der verschiedenen Szenarien führte

Szenario-Technik als bewährtes Instrument der politischen Bildung

Die Szenario-Technik bietet Analyseschritte, um mit den Unsicherheiten einer offenen Zukunft systematisch und bewusst umzugehen. Die leitende Fragestellung lautete, wie die Einheimischen und Zugewanderten in Deutschland im Jahr 2037 zusammenleben werden. Vorab wählten die beiden Referenten zwei wichtige Einflussfaktoren für das künftige Zusammenleben in Deutschland aus: das Verhalten der Bürger, das zwischen Neugierde und Offenheit sowie Angst und Ablehnung variieren kann, sowie die staatliche Integrationspolitik, die auf aktive Steuerung oder passive Selbstregulierung ausgerichtet sein kann. Kombiniert man diese beiden Faktoren, so ergibt sich ein „Zukunftskompass” mit vier „Zukunftsräumen”: Miteinander, Beieinander, Ohneeinander und Gegeneinander.

Nach einer Einführung ins Thema Migration und Integration füllten die Schüler diese vier vorgegebenen Zukunftsräume mit eigenen Ideen aus. Diese stellen explizit weder Prognosen, Utopien oder Horrorvorstellungen dar. Sie illustrieren vielmehr facettenreiche – hellere wie dunklere – „Zukünfte” und ihre Lebenswirklichkeiten, um abschließend über das Für und Wider jeder möglichen Entwicklung kritisch zu reflektieren. Wie sieht die Gesellschaft in 20 Jahren aus? Welche Hoffnungen und Befürchtungen treiben uns im Alltag im Jahr 2037 um und wie arrangieren wir uns mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Klima? Und schließlich: Was können wir tun, damit wir die günstigen Entwicklungen fördern und die bedrohlichen Tendenzen abwenden können?

Sächsische Schüler reflektieren über ihre Zukunft

Die im Folgenden präsentierten Zukunftsgeschichten stammen aus „Gesichter der Zukunft”. Dieses Projekt zielt darauf, einen langfristigen Reflexionsprozess unter Schülern an sächsischen Schulen zu initiieren. Diese Generation entwirft innovative Ideen zum künftigen gesellschaftlichen Zusammenleben in Deutschland. Denn: Ihr Denken prägt das Handeln im Morgen.

Rahmenszenario "Beeinander" des BIP Kreativitätsgymnasiums Leipzig
So stellen sich die Schüler des BIP Kreativitätsgymnasiums Leipzig das Szenario „Beeinander“ vor

In den bisherigen Workshops in kleineren (Grimma, Geithain) und größeren Städten (Leipzig, Dresden) zeigte sich in den Abschlussdiskussionen, dass die Schüler allgemeine Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen meist nicht teilen. Die gesellschaftlichen Spannungen in den Zukunftsbildern der Schüler entfachten sich zwar teils auch zwischen Einheimischen und Zugewanderten, doch oft lagen die Konfliktlinien eher quer zwischen diesen Gruppen. In den Reflexionen über die selbst entwickelten Zukunftsvorstellungen argumentierten viele der vorübergehenden „Zeittouristen”, dass es vor allem darum ginge, dem einzelnen Individuum – egal welcher Herkunft, Kultur oder Sprache – eine Chance zu geben, ehe man sich ein Urteil bildet. Das gesellschaftliche Zusammenleben mag zwar durch die staatliche Migrations- und Integrationspolitik verbessert werden, doch in der Hand haben es stets die Menschen vor Ort. Einig waren sich die Schüler darin, dass gesellschaftlicher Wandel nicht abstrakt in einer entfernten Zukunft liegt, sondern bereits im schulischen Alltag im Hier und Jetzt anfängt.


Das Projekt „Gesichter der Zukunft“ ist ein Kooperationsprojekt von Zeitgeist e.V., /e-politik.de/ und dem Lehrstuhl für Politische Theorie der Universität Potsdam und wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes.


Bildnachweis:
Die Zeichnungen aller Beiträge des Dossiers stammen von den Schülern der teilnehmenden Schulklassen, alle Fotos von Thomas Mehlhausen und Paul Kuder.


 

Hier geht es zu den verschiedenen Zukunftsszenarien, die von den Schülern erarbeitet wurden:

 

Berufliches Schulzentrum Grimma, 25.26.9.2017

Die Schülerinnen und Schüler des BSZ Grimma entwickelten szenische Standbilder, um ihre Vorstellungen von Deutschland im Jahr 2037 zu präsentieren.

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Berufliches Schulzentrum Grimma, 28.29.9.2017

Die Teilnehmer dieses Workshops entwickelten nicht nur Ideen, wie Deutschland in 20 Jahren aussehen könnte  sie entwarfen dazu auch gleich noch ein zukünftiges Satiremagazin, das diese Gesellschaft aufs Korn nimmt. Und Til Schweiger schafft es sogar zum Bundeskanzler

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Internationales Gymnasium Geithain, 19.20.10.2017 

Die Schülerinnen und Schüler in Geithain erfanden nicht nur neue Parteien, die es in der Zukunft geben könnte, sondern künftige Wahlergebnisse gleich mit.

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BIP Kreativitätsgymnasium Leipzig, 26.27.10.2017

Die Teilnehmer dieses Workshops waren besonders kreativ in der Entwicklung neuer Technologien, von Lernomat bis Holodeck und dachten dabei die Gefahren dieser Technologien immer gleich mit.

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64. Oberschule Hans Grundig Dresden, 2.3.11.2017

Die Schülerinnen und Schüler in Dresden waren besonders für die Gefahren sensibiliert, die einem Land drohen, in dem sich die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen feindlich gegenüberstehen.

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Reclam-Gymnasium Leipzig, 6.7.11.2017

Auch die Workshop-Teilnehmer des Reclam-Gymnasiums waren erfinderisch, was neue Technologien angeht. So erleichtert ein im Ohr der Bürger befindlicher Fließübersetzer, der „Bilat“, die Kommunikation der Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und fördert so das Miteinander.

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Lesen Sie die Beiträge des Dossiers hier:

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