Die re:publica 2013 kämpft für das neutrale Netz!

Die vier Veranstalter eröffnen die re:publica.

Blogger, Aktivisten und Wissenschaftler trafen sich unter dem Motto ‚IN/SIDE/OUT‘ auf der alljährlichen Konferenz zur Diskussion über den Stand des Internets. Zentrales Thema war die Netzneutralität, welche durch die Deutsche Telekom in Gefahr sei. Von Christian Bach

Die siebte re:publica fand Anfang Mai erneut in den Hallen des denkmalgeschützten Bahnhofsgebäudes der STATION statt. Die Internetkonferenz gilt als Startschuss und als eine der Höhepunkte der Berlin Web Week. Dieses Jahr führten 350 Referenten ihre Zuhörer in die digitale Gesellschaft ein, welche von den Themen Online-Bildung, -Politik bis hin zu -Innovationen abgedeckt wurde.

Was 2007 als ‚Klassentreffen der Nerds‘ anfing, wird inzwischen von nicht weniger als vier Personen ausgerichtet: Dem Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl, den Spreeblick-Autoren Tanja und Johnny Haeusler sowie dem Geschäftsführer der Agentur newthinking Andreas Gebhardt. Längst wird die Veranstaltung mit rund 5000 Teilnehmern auch von etablierten Massenmedien wahrgenommen. Dieses Jahr lobte die ARD die re:publica als „größte und wichtigste Internetmesse Deutschlands“ und Spiegel Online übertrug die Hauptbühne im Livestream.

Nicht nur reden, machen!

Obwohl das Vorjahres-Motto ‚Act!on‘ bereits dazu aufrief, ließen es sich die Vortragenden sowie die Organisatoren, allen voran Markus Beckedahl, nicht nehmen, auf die Verteidigung und Bedeutung der Netzneutralität hinzuweisen. Alle sollten „gegen Internet zweiter Klasse kämpfen“, so der Blogger. Gemeinsam mit dem Berater des Open Technology Instituts in Washington D.C. Ben Scott und dem Kolumnisten Sascha Lobo ermutigten sie die Netzgemeinde allgemein zum „Machen“ bzw. speziell zu mehr Aktivität, wenn es um die sogenannte ‚Deutsche Drosselkom‘ geht.

Bei dem derzeitigen Konflikt geht es um die neuen Tarifbestimmungen der Telekom, welche Neukunden beispielsweise ab einem Verbrauch von 75 Gibabyte an Datenvolumen im Monat eine drastische Reduzierung der Geschwindigkeit aufzwingen. Die Hauptprobleme liegen hierbei – laut Kritikern – bei einer drohenden Entschleunigung von Innovationen, falls sich das Modell bei allen Anbietern durchsetzen sollte, sowie der Bevorzugung eigener Dienste, wie Entertain oder eventuell anderen Partnern. Dabei werde ein Grundsatz des Internets verletzt: Die Gleichbehandlung aller Informationen.

Ai Weiwei spricht in einem aufgezeichneten Interview über seine Situation.

Raus aus der Re:publik

‚IN/SIDE/OUT‘ steht ebenso für die Internationalisierung der Konferenz, was die bis zu 50 verschiedenen Herkunftsländer der Teilnehmer verdeutlichen. Die Organisatoren schlugen jedoch zur Eröffnung besonders nachdenkliche Töne an, als es zu diesem Thema kam: Andriankoto Harinjaka Ratozamanana, ein eingeladener Aktivist aus Madagaskar, saß drei Tage in Paris in Abschiebehaft. Laut Johnny Haeusler „trotz offizieller Einladung, trotz aller Unterlagen, die er im Hotel hat, scheint er der Willkür der Behörden ausgesetzt zu sein.“ Letztendlich traf er verspätet und nur durch die Interventionen der Deutschen Botschaft sowie der Veranstalter in Berlin ein. Angegebener Grund war die fehlende gedruckte Hotelbestätigung, die er ausschließlich elektronisch auf seinem Handy gespeichert hatte.

Schlimmer erging es erneut dem Künstler Ai Weiwei. Der chinesische Dissident wurde nicht zum ersten Mal eingeladen, konnte aufgrund seines eingezogenen Passes durch die Behörden jedoch nicht ausreisen. Daher wurde ein kurzfristig aufgezeichnetes Interview am dritten Tag auf der Hauptbühne ausgestrahlt. Trotz der Zeitverschiebung antwortete das Mitglied der Akademie der Künste Berlin zeitgleich auf Tweets der Zuschauer.

Betsy Hoover stellt die Online-Strategie der Obama-Kampagne 2012 vor.

Ungeachtet dieser unerfreulichen Ereignisse, reisten internationale Ikonen ihres Faches an, wie beispielsweise Betsy Hoover. Die US-Amerikanerin managte in beiden Obama-Wahlkämpfen die Vereinigung von Offline- und Online-Tätigkeiten. In ihrer Session erläuterte sie, wie das Team potenzielle Wahlkampfhelfer einbezog und zu Vorbildern integrierte. Dafür setzten sie auf direktes Feedback per Nachricht oder Anruf. Diese motivierten die Interessenten zu mehr Teilhabe. Hoover nannte dies selbst, die „Ladder of Engagement“ hinaufzuklettern.

Birgitta Jónsdóttir zeigte in ihrem Vortrag den Weg zu einer neuen isländischen Verfassung auf. Diese wurde von vielen Beteiligten über Soziale Medien mitgeschrieben, durch sogenanntes ,crowdsourcing‘. Damit sei der Inselstaat zum weltweiten Vorreiter in der Netzpolitik geworden. Die Abgeordnete des Isländischen Parlaments sowie Vorsitzende der dortigen Piratenpartei trieb die Entwicklung aktiv voran. Im April, nach den landesweiten Wahlen, wurde der Vorschlag jedoch von der neuen Regierung abgelehnt.

Was gibt es Neues?

Die Selbstveröffentlichungs-Plattform epubli und die Deutsche Journalistenschule fassten die Inhalte in drei Büchern zusammen. Alle Teilnehmer konnten die (kurzzeitig) „das schnellste Buch der Welt“ anschließend kostenlos herunterladen. Die Dateien sind ausschließlich im hauseignen Format .epub und außerdem nach Mittag des Folgetages für jeweils 2,99 Euro pro Exemplare erhältlich.

Konferenzteilnehmer kommunizieren online und offline.

Zum ersten Mal seit drei Jahren schafften es die Techniker von newthinking und picocell dauerhaft W-Lan zur Verfügung zu stellen. Zuvor hielt es die Belastung entweder nur kurz oder gar nicht aus. Daraus lernten die Veranstalter, um sich als Internetkonferenz nicht wieder dem Spott aussetzen zu müssen. Die Statistik besagt, dass in den drei Tagen rund 6800 Geräte auf das drahtlose Netzwerk zugriffen. Das heißt, dass durchschnittlich jeder Dritte ein Zweitgerät nutzte.

Diese Zahlen veröffentlichten die vier Veranstalter zur Verabschiedung am Ende der drei Tage. Darin zogen sie ein positives Fazit mit 1000 Teilnehmern mehr als im Vorjahr. Insgesamt vergrößerte und professionalisierte sich die re:publica – im Inhalt und dem Auftreten – von Mal zu Mal. Nach vielen Danksagungen an alle Sponsoren, Unterstützer und Helfer wurde mit der Woche des 5. Mai folgerichtig der grobe Termin für die achte Austragung 2014 bekannt gegeben.

 

Weiterführende Links:
www.re-publica.de
twitter.com/republica
youtube.com/user/republica2010 (teilweise mit Videos vergangener Jahre)


Die Bildrechte unterliegen der Creative-Commons-Lizenz. Bild 1 (Eröffnung) stammt von dem Flickr-User Websenat; Bild 2 (Ai WeiWei) ist ein eigenes Foto des Autors; Bild 3 (Betsy Hoover) wurde erstellt vom Flickr-User Anaurath; Bild 4 (Konferenzteilnehmer) hat der Flickr-User Teymur Madjderey geschossen.


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