969 – Eine Gefahr für Birma

In einem Geschäft in Rangun liegen mehrere Sticker der 969-Bewegung aus.
In einem Geschäft in Rangun liegen mehrere Sticker der 969-Bewegung aus.

In Birma kommt es immer häufiger zu Übergriffen auf die muslimische Minderheit. Erste Beobachter befürchten bereits einen drohenden Genozid im Land. Im Zentrum der Gewalt steht die Zahl 969. Von Christian Schlodder

Wer in diesen Tagen durch Rangun, Birmas größte Stadt, wandert, wird immer wieder einen auffällig bunten Aufkleber mit der Zahl 969 darauf entdecken. Was auf den ersten Blick harmlos wirkt, ist ein Zeichen für den tiefen Graben, der sich bereits durch das Land zieht. Dieser Graben trennt die muslimische und buddhistische Bevölkerung und droht im schlimmsten Falle in einem Genozid zu enden.

Ihren Ursprung hat die 969-Bewegung in der traditionellen Zahlensymbolik Südostasiens – und in einer folgenschweren Fehlinterpretation. Aufgrund der festverwurzelten Numerologie verwenden die dort ansässigen Muslime seit langem die Zahl 786 als Ausdruck der islamischen Gebetsstelle „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“, um z.B. an Geschäften auf ihren Glauben hinzuweisen. In der 90er Jahren war es dann der Politiker U Kyaw Lwin, der erkannt haben wollte, dass hinter der Zahl 786 ein muslimisches Komplott stecke, das Land im 21. Jahrhundert zu erobern. Seine Theorie stützte er auf die reichlich banale Berechnung, dass 7 + 8 + 6 = 21 ist. Dem gegenüber stellte er die Idee der 969, die die neun Eigenschaften Buddhas, die sechs Elemente seiner Lehre sowie die neun Merkmale der buddhistischen Mönchstradition symbolisiert.

Erstmals wurde die Symbolik der 969 bei dem Boykott muslimischer Geschäfte im Jahr 2001 benutzt und verschwand dann vorerst  – bis zum vergangenen Jahr. Birmanische Buddhisten nutzten die 969 im Zuge der Unruhen gegen die ethnische Minderheit der muslimischen Rohingya im Rakhaing-Staat, bei denen mindestens 194 Menschen ihr Leben verloren. Dort, im Westen des Landes an der Grenze zu Bangladesch, lebt der Großteil der Rohingya Birmas, die selbst Präsident Thein Sein als illegale Einwanderer bezeichnet und am liebsten nicht im Land hätte. Seitdem sind etwa 100.000 von ihnen auf der Flucht.

Der Mönch hinter den drei Zahlen

Burmanische Sicherheitskräfte sperren eine muslimische Einrichtung nach einem Anschlag ab. (Rangun - 01.04.2013)
Burmanische Sicherheitskräfte sperren eine muslimische Einrichtung nach einem Anschlag ab. (Rangun – 01.04.2013)

Der buddhistische Mönch Ashin Wirathu gilt als inoffizieller Anführer der 969-Bewegung und stachelt seine Anhänger an, eine muslimische Verschwörung zur Übernahme des Landes mit allen Mitteln zu verhindern. Immer wieder rief der selbsternannte „Bin Laden Birmas“ zum Boykott muslimischer Geschäfte auf, da Muslime die birmanische Wirtschaft kontrollieren würden – was reichlich abwegig ist. Er selbst wurde 2003 zu 25 Jahren Haft verurteilt, da er sich an gewaltsamen Ausschreitungen gegen Muslime beteiligt hatte. Im Januar 2012 kam er vorzeitig frei und heizt die Stimmung im Land seitdem an. Die Bewegung entwickelt seit Wirathus Haftentlassung eine rasante Eigendynamik und viele Birmanen sympathisieren mit ihr, wofür auch die vielen Sticker sprechen. Doch mittlerweile ist aus diesen drei Zahlen eine religiös-nationalistische Bewegung geworden, die nicht mehr nur auf ethnische Minderheiten zielt, sondern neuerdings auf Muslime allgemein.

Nach einer kurzen Phase scheinbarer Ruhe starben im März dieses Jahres bei dreitägigen anti-muslimischen Unruhen in der Stadt Meiktila mindestens 43 Menschen, mehr als 12.000 wurden vertrieben. Seitdem häufen sich Übergriffe auf Muslime zusehends. Eine fragwürdige Rolle in dieser Spirale der Gewalt spielen Birmas Sicherheitsapparat und Offizielle. Als am 2. April ein muslimisches Internat in der Metropole Rangun abbrannte und 13 Schüler dabei starben, wurde sofort ein technischer Defekt verantwortlich gemacht. Die lokale Presse hakte kaum nach. Einen Tag später versuchten vier Männer Brandsätze auf eine Moschee im Herzen der Stadt zu schleudern. Einer von ihnen wurde von aufgebrachten Passanten festgehalten und der Polizei übergeben, die diesen allerdings sofort und ohne Anklage wieder auf freien Fuß setzte. Am 30. April führte ein Verkehrsunfall zwischen einer Muslimin und einem buddhistischen Mönch in der zentralbirmanischen Stadt Okkan zu einer Belagerung der örtlichen Polizeiwache durch aufgebrachte buddhistische Demonstranten und die Zerstörung zweier Moscheen sowie etlicher Wohnhäuser muslimischer Bewohner.

Eine Aufarbeitung der Hintergründe steht bislang aus. Als dies schürt tiefes Misstrauen unter den Muslimen. Neuerdings kommen nachts Bürgerwehren in den muslimischen Vierteln Ranguns und anderer großer Städte zum Einsatz. Und auch andere Beobachter zweifeln den spontanen Charakter vieler Übergriffe an. Hinter vorgehaltener Hand wird oft über eine Beteiligung höherer Kreise, vor allem des Militärs, in der 969-Bewegung spekuliert – allerdings ohne stichhaltige Beweise. Das Klima des Zusammenlebens ist dadurch merklich vergiftet.

Die große Angst vor dem Völkermord

Ein 969-Aufkleber an einem Auto. Viele Menschen verwenden die Symbolik auch, ohne sich der Hintergründe bewusst zu sein.
Ein 969-Aufkleber an einem Auto. Viele Menschen verwenden die Symbolik auch, ohne sich der Hintergründe bewusst zu sein.

Dass sich in Birma etwas Schreckliches zusammenbrauen könnte, entgeht vielen nicht. Beobachter der Vereinten Nationen (VN) vor Ort glauben zunehmend an organisierte Übergriffe und Human Rights Watch spricht bereits von ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter Mitwisserschaft des Präsidenten Thein Sein. Dieser hat pikanterweise vor kurzem von der International Crisis Group den „In Piece and Pursuit Award“ erhalten.

Der Sonderbeauftragte des VN-Büros zur Verhinderung von Völkermorden, Adama Dieng, ließ bereits Ende März eine offizielle Protestnote zustellen, in der er „ernsthafte Konsequenzen für die Zukunft“ androhte, sollten die Ursachen der Übergriffe nicht aufgeklärt und bekämpft werden. Auch von anderer Seite droht Ungemach. Abu Bakar Bashir, Gründer der Al-Kaida-nahen Jemaah Islamiyah und Drahtzieher der Bombenanschläge in Bali 2002 , rief aus seiner Zelle zum Dschihad gegen Birma auf. Kurz darauf konnte ein Bombenattentat auf die birmanische Botschaft in der indonesischen Hauptstadt Jakarta verhindert werden.

Von offizieller birmanischer Regierungsseite wird die 969-Bewegung kaum thematisiert. Das liegt zum einen an Birmas Umgang mit Minderheiten, mit denen man sich teilweise bis heute in bewaffneten Konflikten befindet, und zum anderen am immer noch tiefen Misstrauen gegenüber Muslimen, das die ehemalige Militärjunta einst bewusst geschürt hatte. Der offizielle Untersuchungsbericht der Regierung zu den Unruhen im vergangenen Jahr im Rakhaing-Staat erwähnt die muslimischen Rohingya nicht einmal namentlich, sondern spricht lediglich von Bengalen – der größten Volksgruppe Bangladeschs. Und auch die politische Hoffnungsträgerin des Landes, die 67-jährige Aung Sun Suu Kyi, spricht zwar davon, dass sich die muslimische Minderheit im Land sicher fühlen müsse, weigert sich auf der anderen Seite jedoch die Rohingya überhaupt als Volksgruppe anzuerkennen.

So ist die jetzige Lage eine explosive Mischung aus ungelösten ethnischen Konflikten und religiösen Spannungen, die sich die 969-Bewegung geschickt zunutze macht. Es ist zu befürchten, dass der noch junge Demokratisierungsprozess dadurch einen schweren Schaden nehmen könnte – und dass sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten: ein Genozid in Südostasien.


Die Bildrechte liegen bei Alex Bookbinder.


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Ein Kommentar auf “969 – Eine Gefahr für Birma

  1. Es ist nun leider eine Tatsache, dass immer wieder die Lehren des Gotama Buddha missachtet werden, sogar von „buddhistischen“ Mönchen. In seinen Lehrreden und -gesprächen, die, mündlich überliefert, vor rd. 2300 Jahren im heutigen Sri Lanka auf Palmblättern aufgezeichnet worden sind und als authentisch gelten können, befindet sich nichts, was als Aufforderung zu Intoleranz, Hass und Gewalt verstanden oder missverstanden werden könnte. Die Absage an jegliche Gewalt ist eindeutig und klar in Buddhas Ethik verankert und psychologisch begründet.
    Es gibt zahlreiche, sich „Buddhismus“ nennende Mischformen, die sich vom ursprünglichen Buddhismus entfernt und zum Teil seltsame Blüten getrieben haben. Ein Beispiel: In Japan sind ab 6. Jh. buddhistische Elemente in den Shintoismus eingeschmolzen worden. So verkam die buddhistische Moral zu Ahnenkult, Patriotismus und Kampfsport. Damals entstand das japanische Zen. 1868 begann man sogar, Zen für militaristische Zwecke zu missbrauchen. Man benutzte die meditative Konzentrationspraxis, um junge Männer total zu entmündigen und aus ihnen für den Tenno, den „Gott-Kaiser“, gefügige, todesbereite, aufs Äußerste disziplinierte Soldaten zu machen. Daher auch das große Interesse von SS-Führern an diesem „Buddhismus.“

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