Der prekäre Kleist

Eine neue Biographie zum 200. Todesjahr Heinrich von Kleists beschreibt in einfühlsamer Weise das Leben des Schriftstellers zwischen prekärer Kleinadelsexistenz und einer kalkulierten Berühmtheit post mortem. Von Christoph Rohde

Heinrich von Kleists Leben und Werk erlangte erst durch sein suizidales Ende die ihm gebührende Prominenz. Dies ist die zentrale Aussage der Biographie Heinrich von Kleist von Günter Blamberger, Professor für Germanistik an der Universität Köln und Präsident der Kleist-Gesellschaft. Glänzend stellt der Autor das instabile Leben Kleists im Kontext des ebenso orientierungslosen Preußens dar, das unter den Napoleonischen Niederlagen und seiner eigenen Reformunfähigkeit litt. Externe und interne Wahrnehmungsprozesse bestimmen die Literatur Kleists, die provoziert, allgemeine Anschauungen seiner Zeit dekonstruiert und methodisch Neuland erschließt. Aber erst die Philosophie Nietzsches lässt die Genialität Kleists, so Blamberger, endgültig an die Oberfläche kommen. Denn Nietzsches Mentalität der Philosophie der Fragmente gibt den Rezipienten einen Schlüssel in die Hand, mit dem sie die Irrungen und Wirrungen Kleists zu einem Sinnsystem verbinden können.

Der Ausbruch aus Standeszwängen

Heinrich von Kleist ist der Prototyp eines Menschen, dessen innere Anlagen und Wünsche nicht in ihr Umfeld passen. In der klassischen Profession des Militärs findet Kleist ebenso wenig ein Zuhause wie in dem danach angestrebten Feld der Akademia. Diese erweist sich, so Blamberger, für den jungen Mann als zu flach und ohne praktische Anwendungskraft. Der beruflich orientierungslose Kleist ist zwar auf dem Weg zu einer Liaison mit seiner Verlobten Henriette von Zenge aus der Nachbarschaft, zu mehr als zu einer „Brieffreundschaft“ reicht es für den ruhelosen Kleist aber nicht. Die Liebesbriefe machen aus Henriette ein Objekt von Kleists Idealvorstellungen der Liebe, mit realer Affektion hat die Beziehung wenig zu tun. Blamberger zeigt, wie dieses emotionale Defizit auch Einfluss auf die Ziellosigkeit in Kleists Werken nehmen wird.

Großen intellektuellen Einfluss auf Kleist hatte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Sein Leben lässt sich mühelos in Rousseaus Roman Emile wieder finden. Zwar reiste Kleist, aber nicht in dem Sinne, wie dies klassische Schriftsteller seiner Zeit wie Goethe oder Schiller getan hätten. Es war mehr eine Reise auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die durch die Ortswechsel (Würzburg, Genf, Thun) symbolisiert wird. Kleist schwankte zwischen der Obligation einer „standesgemäßen“ bezahlten Stellung im preußischen Staatsdienst und der Verachtung dieser Konventionen hin und her. Er entschied sich in einem kleinen Haus am Thuner See, Schriftsteller zu werden. Dabei bot er seinem Freund Ernst Heinrich Adolf von Pfuel, den er in einem preußischen Infanterieregiment kennen gelernt hatte, eine homoerotische Beziehung an – vergeblich. Blamberger zeigt, dass Kleist insgesamt ein Problem mit seiner Sexualität hatte. So traf er zum Beispiel medizinische Maßnahmen gegen eine mögliche Impotenz.

 

Schreiben als aggressive Sublimationsstrategie

Das Leben, das er nicht zu Ende leben konnte – Kleist tötete sich selbst – findet sich in der Absurdität seiner Werke wieder, die kein Telos, kein historisches oder moralisches Ziel aufweisen. Das Fragmenthafte seines Lebens wird fast intuitiv, so der Autor, auf seine Stücke übertragen. Hätte seine Schreibkunst mehr Anerkennung vor seinen Zeitgenossen gefunden, dann wäre seine Schaffenskraft noch erheblich größer, weil sein Leben länger geworden wäre, ist Bamberger überzeugt. Unvoraussehbare und motivlose Gewalt wird von Kleist häufig in seine Werke eingeflochten und schockt den Betrachter, der in der Regel auf der Suche nach Konsistenz und Sinn beim Wahrnehmen eines Stückes ist. Im Stück Die Familie Schroffenstein treibt Kleist eine sinnlose Gewaltspirale auf den Höhepunkt, am Stück Robert Guiskard, das das Leben eines Normannenherrschers darstellen soll, scheitert er.

Das kranke Preußen als Spiegelbild seiner selbst

Zeit seines Lebens leidet Kleist unter der Lähmung Preußens, dessen Rückständigkeit in der dramatischen Niederlage von Jena und Auerstadt gegen Napoleon kulminiert. Insofern, so zeigt der Autor, ist Kleist von einem extremistischen Patriotismus geprägt, der literarisch in der Hermannschlacht seinen pointiertesten seinen Ausdruck findet. Blamberger wertet die Hermannschlacht als Propagandastück, das zu einer Volkserhebung gegen Frankreich jenseits aller Partikularinteressen in Preußen aufrufen will. Der Spielraum für die Interpretationen der Hermannschlacht ist breit. So kann laut Blamberger das Stück als Gewaltverherrlichung ebenso interpretiert werden wie als Kritik an der Inhumanität des Krieges. Doch insgesamt überwog in der deutschen Rezeption lange die Instrumentalisierung der Hermannschlacht für deutsch-imperialistische Ziele, nicht nur durch die Nationalsozialisten. Kleist selber erlebte den Sieg der Allianz unter Beteiligung Preußens gegen Napoleon nicht mehr. Sein Selbstmord datiert auf den 21. November 1811, als er sich am Stolper Bach bei Berlin mit einer Begleiterin erschoss.

5 Thesen über „riskante Bewegungen“

Blambergers Biographie versucht weniger, historische Lücken zu füllen als eine postmoderne Interpretation Kleists als „Projektemacher“ zu leisten. Dies gelingt, denn Blamberger zeigt die Bindungslosigkeit des Denkers strukturiert auf: Erstens löst Kleist die Verbindlichkeiten seines eigenen Standesmodells auf, zweitens zeigt sich in seinen Werken die Faszination an Augenblicken des Kontrollverlusts durch dramatische Ereignisse, drittens orientiert sich Kleist an den spontanen Bewegungen im Wettkampf, viertens geht es bei Kleists Literaturtheorie um einen kreativen, post-rationalen Prozess der Unberechenbarkeit und fünftens ist Kleist ein Wirkungs- und Produktionsästhetiker, der in seinen Novellen und Dramen zum Krisen- und Katastrophenspezialisten mutiert. Kalkulierbar war in diesen persönlichen und intellektuellen Unwegbarkeiten nur sein persönlicher Abgang, sein Freitod, ein voluntarischer Akt, der ihm posthum Berühmtheit einbrachte.

Anspruchsvoll und originell

Dem Autor gelingt eine umfassende Darstellung des Lebens und Werks Kleists. In postmodernem Design und einem elaborierten, aber flüssigen Schreibstil wird die provisorische Existenz Kleists vorstellbar gemacht – ein Leben, bewusst inszeniert als Projekt oder Experiment. Hilfreich ist dabei, dass Blamberger in die zentralen Werke des Schriftstellers einführt, so dass die Biographie auch für Kleist-Neulinge zu einer fesselnden Lektüre wird. Zum 200. Todestag Kleists ist mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen.

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist – Biographie
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 9783100071118 Gebunden
688 Seiten,24,95 EUR.

Der Verlag im Internet


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Buchcover) und bei Günther Blamberger privat.


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