Deutschlands Revolutionäre

Ganz normale Menschen nehmen 1989 ihr Schicksal selbst in die Hand. Mit dem ur-bürgerlichen Ruf „Wir sind das Volk“ bringen sie Mauern zum Einsturz und beenden die Existenz der SED-Diktatur. Klaus-Dietmar Henke präsentiert ein imposantes Porträt dieser deutschen Revolution. Von Andreas Morgenstern

In diesem Herbst jährt sich zum zwanzigsten Mal der Fall der Berliner Mauer. Die Menschen aus Ost und West feierten 1989 ein großes Stück der deutschen Wiedervereinigung, die ein knappes Jahr später dann auch offiziell vollzogen wurde. Soweit die bekannten Ereignisse. Dokumentationen und Lebenserinnerungen der seinerzeit Beteiligten überschwemmen den Markt seither geradezu. Kaum ein noch so kleiner Winkel scheint nicht ausgeleuchtet zu sein, so gut wie alle Protagonisten sind inzwischen zu Wort gekommen. Dank des Jubiläums wälzt sich erneut eine Buchwelle auf den Markt. Die Suche nach der Lücke, dem unaustauschbaren Profil, muss so manchem Autoren graue Haare wachsen lassen.

Als die Realität die Phantasie überholte

Um es aber kurz zu machen, Klaus-Dietmar Henke, Herausgeber des Bandes Revolution und Vereinigung 1989/90, und seinen sage und schreibe 36 Autoren ist ein unverwechselbares Kompendium zu den Ereignissen vom Siechtum der späten DDR bis zu einer Bilanz der Einheit gelungen. Plastisch wird ein Land zwischen neuen Aufbrüchen und neuen Ängsten porträtiert. Fasziniert folgt man den Umbrüchen jener revolutionären Zeit, denn eine Revolution war es unbedingt, Egon Krenz’ verzweifelt-beschönigende Beschreibung einer „Wende“ erfasst die Tiefe des Wandels nicht. Der Untertitel des Bandes verspricht nicht zu viel: „Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte“.

Bekanntes steht hier neben wirklich noch kaum ausgeleuchteten Geschichten. Aus der Vielzahl der Beiträge ragen die sehr persönlichen Erinnerungen des (Ost-)Berliner Historikers Stefan Wolle und ein Resümee des kurzen Sommers der ostdeutschen Demokratie heraus. Dieses wurde erstellt vom inzwischen in Wien lehrenden (West-)Berliner Geschichtsprofessor Thomas Lindenberger.

Gleich hier kann man aber den schleichenden Eindruck einer zu starken Berlinzentrierung zerstreuen. Andere bedeutende Texte stammen von Michael Richter vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut zu den „Revolutionen in der Provinz – am Beispiel Sachsen“, also zu den Ereignissen in der Herzregion des Herbstes ’89, oder von Francesca Weil, ebenfalls aus Dresden. Die Historikerin beschreibt die Kultur der Runden Tische für die lokale Ebene. Dort wurde die Demokratie, ein tatsächlich eigener Staat seiner Bürger erkämpft. Ihnen gegenüber stand eine verunsicherte, Widerspruch „von unten“ ungewohnte Verwaltung. Ohne diese Auseinandersetzung wäre die Revolution nicht möglich gewesen.

Einmischung der Mündigen

Es war keine Aktion einiger Weniger. Der Herbst 1989 und das folgende Jahr prägte ein hoher Grad politischer Mobilisierung. Es ist eine Binsenweisheit, dass dies keine dauerhafte Erscheinung sein kann. Doch das Engagement der Menschen, die in Demonstrationen Verhaftung oder körperliche Repressionen riskierten, die sich in Bürgerbewegungen für die Auflösung von Stasi oder Betriebskampftruppen einsetzten und an Runden Tischen diskutierten und entschieden, kennzeichnet diese Zeit.

Mit der Volkskammerwahl vom März 1990 fand das ein erstes Ende – nun gab es Volksvertreter, deren wichtigste Aufgabe im eigenen Überflüssigmachen bestand. Ein weltweit einmaliger Vorgang. Auch diese Herkulesaufgabe schulterten Menschen, die zumeist eben noch in politikfernen Bereichen tätig waren. Dass Politamateure dieses endgültige Ende des zweiten deutschen Staats herbeiführten, gehört zu den abstrusen, aber auch charmanten Eigenheiten der Revolution.

Beeindruckendes Revolutionspanorama

Die Beiträge durchfließt ein Gedanke: Ganz einfache Menschen mischten sich ein, brachten ein Regime zum Einsturz und gaben den Weg zur Einheit vor. Die Politprofis in Bonn, Washington, Moskau und anderswo agierten nach ihrem Takt. Dass dann auch erste Unsicherheiten über die kommende Einheit die Freude trübten, wird auch nicht verschwiegen. Die Verbreitung von eitel Sonnenschein oder das Fortschreiben eines Heldenmythos entspricht nicht dem Verständnis dieses Buchs.

So entsteht bei aller Unterschiedlichkeit der Aufsätze ein hoch interessantes Panorama über ein Volk, das sein Schicksal scheinbar urplötzlich selbst in die Hand nahm und nicht nur im sprichwörtlichen Sinn Mauern einriss. Nachdem die alten Machthaber sie als Rowdys und Outlaws verunglimpften, riefen sie ganz selbstbewusst das ur-bürgerliche Bekenntnis in die Nächte von Leipzig und Plauen, kurze Zeit später der ganzen Republik: „Wir sind das Volk!“ Die kommunistische Diktatur brach zusammen, das Volk errang seine Freiheit, der für viele längst ausgeträumte Traum der Einheit wurde wahr. Dafür gibt es nur einen Begriff: Revolution.

Henke, Klaus-Dietmar
Revolution und Vereinigung 1989/90: Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte,
(2009), München, dtv,
736 Seiten, ISBN: 978-3423247368, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Deutschen Taschenbuch Verlag (Cover) und bei Klaus-Dietmar Henke (Portrait).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Deutschland, das sind immer noch wir

Entstehungsgeschichte des neuen Deutschlands

Revolution x 6

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.