„Geist ist Geil“

Das Grüppchen, das sich vor dem Geschwister-Scholl-Institut versammelt hat, ist klein. 30, vielleicht GSI-web.jpg 40 Studenten stehen vor dem Eingang. Die meisten sind schon vor dem Uni-Hauptgebäude. Jemand von der Fachschaft holt die Transparente, die schon am Tag zuvor gemacht worden waren, ein anderer verteilt Trillerpfeifen. Vier Kommilitonen bringen einen schwarzen Sarg aus Sperrholz. "Wir tragen die Bildung zu Grabe", sagt einer mit sarkastischem Grinsen.

Die Studenten sind guter Dinge. Die Fachschaften haben großartiges geleistet. 20.000 Studenten und mehr haben sie allein in München im Zuge bayernweiter Studentendemos mobilisiert. Da überhört man geflissentlich den Frührentner, der sich, auf einer Parkbank sitzend, hörbar über "lauter Arbeitslose" beschwert. In Bamberg, Würzburg und Erlangen finden parallel Demonstrationen statt. Allein in Erlangen sind 5000 Studenten auf der Straße, 7000 in Würzburg.

"Semester-Schlussverkauf – Alle Müssen Raus"

Vor dem Hauptgebäude der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) haben sich über 12.000 Menschen eingefunden. Die gesamte Ludwigsstraße ist blockiert. Später wird sich der Protestzug der LMU mit den mehr als 8000 Studenten der Technischen Universität vereinen, um durch die Münchner City zu ziehen. Der Fahrer eines Reisebusses hat wohl von Protesten erst etwas mitgekriegt, als es zu spät war. Mehr als eine halbe Stunde braucht er, sich und sein Gefährt aus der Menschenmasse zu befreien und einen anderen Weg massendemo-web.jpgeinzuschlagen.

So wollen die Studenten das auch mit der bayrischen Staatsregierung machen: Solange protestieren, bis sie "zur Einsicht kommt" und den Kurs ändert. Die Slogans der Transparente sind Ausdruck der gemischten Gefühle vieler Studenten: von hoffnungsvoll über resigniert, von zynisch bis bittend, von drohend bis fordernd – die Sprüche sind auch Ausdruck studentischer Hilflosigkeit. "Kunstgeschichte statt Küblböck" steht auf einem Transparent und erinnert schmerzlich daran, dass der minderjährige Niederbayer mit der Quietschstimme im ZDF Votum zu "Deutschlands Besten" Beethoven und Co. auf die hinteren Plätze verwiesen hat. "Bildungsland ist abgebrannt". Und die Studenten fragen: "Warum die Bildung kürzen? Die CSU hat doch schon 60 Prozent." Susanne L., im siebten Semester Politikwissenschaft, meint resigniert: "Das schaut schon toll aus, all diese Menschen, aber ob die da oben das interessiert?"

LMU-Direktor Bernd Huber tritt selbst vor die Mikros und verkündet, dass bei der derzeitigen Lage im Haushalt und den Einsparungen sechs der 18 Fakultäten geschlossen werden müssten. Eine ganze Generation von Wissenschaftlern würde aus der Uni getrieben.

Gegen drei Uhr nachmittags setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Durch die Münchner Innenstadt geht es vorbei an der bayrischen Staatskanzler. Die hohe Politik lässt sich nicht blicken, dafür schwellen Pfiffe, Buh-Rufe und der skandierte Slogan: "Edmund Stoiber – Bildungsräuber" zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie an.

Goppel auf "Bildungsreise"

Ob sie gehört wurde? Wissenschaftsminister Goppel jedenfalls war in Kempten und Neu-Ulm unterwegs, um die dortigen Hochschulen zu besuchen und sich vor Ort über Kürzungsstrukturen und dergleichen mehr ein Bild zu machen. Alle bayrischen Hochschulen will er auf seiner "Bildungsreise" abklappern und sich informieren. Zeitgleich gab sein Ministerium eine Pressemeldung heraus, in der sich für Studiengebühren ausspricht: "Niemandem ist zu erklären, dass die Krankenschwester das Studium des Arztes bezahlen soll, aber selbst in der Ausbildung solche Vergünstigungen nicht erfährt."

"Goppel – irgendwann sind auch Sie Patient", dieses Demo-Transparent mag man als Antwort auf solche Äußerungen verstehen. Die Politik kann den Studenten nicht erklären, wie Einsparungen, die Universitäten, wie die Münchner Unis, an den Rand des Kollapses bringen, wie Einsparungen, die Unis in Würzburg und anderswo um ihren Ruf fürchten lassen, wie Einsparungen, von der LMU-Direktor sagt, sie überlasteten die ohnehin schon strapazierten Universitäten, wie eben solche Einsparungen der jungen Generation zugute kommen sollen.

Professor Jürgen Neyer bestätigt den Rektor der Münchner Uni im Interview mit e-politik.de. Der Berliner Politikwissenschaftler pendelt zwischen München und der Bundeshauptstadt. 100 Prozent flexibel, 100 Prozent ortsungebunden müssten die Nachwuchswissenschaftler sein und mit ihnen ihre Familien. "Wenn es zutreffend ist, dass unsere Ökonomien sich von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften entwickeln und wenn es weiterhin zutrifft, dass Marktkapital der entscheidende Produktionsfaktor ist, dann kann es nur sinnvoll sein, in Bildung zu investieren." Fügt der junge Professor an, der Internationale Politische Ökonomie lehrt.

Die Studenten auf der Demo glauben an den Erfolg der Aktion. "Es sind schon 1000 Demonstrierende oder mehr an der Staatskanzlei vorbeimarschiert", jubelt einer von der Fachschaft ins Megaphon, das Ende des Zuges sei noch auf der Ludwigsstraße. Etwa drei Kilometer weit weg.

Kritik an den Protesten

Vor dem Nationaltheater fängt eine Blaskapelle an, einen Trauermarsch zu spielen, dahinter tragen Studenten Bildungslauf-web.jpg den schwarzen Sarg. Sie tragen die Bildung zu Grabe, lassen ihrer Trauer, ihrer Wut, ihrer Enttäuschung freien Lauf. Wenig später hat die Kapelle aufgehört. Die Musiker rennen die letzten hundert Meter: "Lauf für deine Bildung" heißt das Motto.

Und die Studenten müssen sich wirklich beeilen. Schon am Dienstag (25.11.03) will das Kabinett die Eckpunkte der Sparpläne festlegen. "Weder helle Aufregung noch das Ablassen von Frust bringen uns einen Schritt weiter", kritisiert Wissenschaftsminister Thomas Goppel die Proteste. Tags zuvor hatte er die Rede zur Eröffnung eines neuen Studentenwohnheims in Augsburg abbrechen müssen. Studenten hatten wegen überfüllter Hörsäle und Platzmangels an der Uni lautstark protestiert.

Kann der Protest erfolgreich sein? Im Wissenschaftsministerium ist man vorsichtig. Eine Pressesprecherin räumt ein, der Protest sei sicherlich wichtig aber es sei nicht so einfach, wie man sich das wünsche; sicherlich werde es nicht so sein, dass nach den Protesten alle Planungen umgeworfen werden.

"In Zeiten, in denen die Verteilungskämpfe härter werden, wird dort gespart wird, wo der Widerstand am geringsten ist", erinnert Professor Neyer.Immerhin gibt es also noch die Hoffnung, dass die 20.000 in München, Erlangen, Würzburg und anderswo nicht umsonst um ihre Bildung gelaufen sind, dass sie ihre Bildung vielleicht nicht so bald beerdigen müssen.

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