US-Präsidentschaftswahl 2000

dividedwestand.jpgIn den USA ist das bisher detaillierteste (und wohl beste) Buch zur Präsidentschaftswahl 2000 erschienen. Der amerikanische Journalist und Autor Roger Simon beschreibt darin ausführlich, wie Al Gore und George W. Bush sich gegen ihre jeweiligen innerparteilichen Konkurrenten durchsetzen konnten und dann die Wahl 2000 zur wohl spannendsten, ganz sicher aber zur längsten Präsidentschaftswahl aller Zeiten machten. Michael Kolkmann hat das Buch gelesen.

Amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe sind Angelegenheiten von geradezu epischem Ausmaß. Die Wahl 2000 schien sämtliche vorhergehende Wahlen noch zu übertreffen: nicht nur, dass der Wahlkampf für die Wahl 2000 mit 18 Monaten der längste überhaupt war, er war mit 3 Milliarden Dollar auch der teuerste; er war auch der spannendste — erst 36 Tage nach dem Wahltag stand der Gewinner fest, und auch dann konnte der Sieger, Gouverneur George W. Bush aus Texas, auf kein eindeutiges Mandat zurückgreifen. Die Ereignisse in Florida liessen die Wahl 2000 last but not least auch zur bisher bizarrsten Wahl werden.

Erklärungsversuche

Der amerikanische Journalist Roger Simon unternimmt in seinem kürzlich publizierten Buch „Divided We Stand. How Al Gore Beat George Bush and Lost the Presidency“ den Versuch, die Ereignisse des amerikanischen Wahlkampfes von Juni 1999 bis zu diesem ominösen Dezembertag 2000, an dem der Supreme Court in Washington George Bush zum Nachfolger Bill Clintons bestimmte, zu rekonstruieren. Simon, beim amerikanischen Nachrichtenmagazin US News & World Report tätig, begleitete 18 Monate lang die Kandidaten Bush und Gore im Wahlkampf. Davor war er anderthalb Jahre Korrespondent für sein Magazin im Weißen Haus und hatte ausreichend Gelegenheit, Vizepräsident Al Gore bei der Arbeit zu beobachten. Und auch Präsident Bill Clinton, schließlich spielte der – so der Eindruck nach Lektüre des Buches – in der Wahl 2000 eine wichtige, vielleicht sogar die entscheidende Rolle.

Laut Simon kostete Gore seine immer und immer wieder geäußerte Distanzierung von den persönlichen Eskapaden Clintons wichtige Stimmen in Staaten, die er nur knapp verloren hatte: Tennessee, Arkansas, New Hamsphire, West Virginia. Alles Staaten, die Clinton 1992 und 1996 noch gewinnen konnte. Mit dem Gewinn einer dieser Staaten hätte Gore die Wahlmännerstimmen Floridas nicht nötig gehabt, um zum Präsidenten gekürt zu werden.

Hinter den Kulissen

Am interessantesten ist das Buch immer dann, wenn Simon hinter die politischen Kulissen schauen darf, so etwa in der Wahlnacht in Nashville, wo Al Gore drauf und dran war, seine Niederlage vor seinen Anhängern – und vor laufenden Fernsehkameras – einzugestehen und nur durch nachdrücklichen Druck seiner Berater überzeugt werden konnte, nicht voreilig zu handeln: Gore war auf dem Weg zum Navy Memorial, um seine Niederlage öffentlich einzustehen, als das Mobiltelefon eines seiner Mitarbeiter klingelte. Es gab Neuigkeiten aus Florida: der Vorsprung Bushs schien minütlich zu schrumpfen, und nach Meinung seiner Mitarbeiter sollte Gore auf keinen Fall auf die Bühne gehen und seine Niederlage öffentlich einzugestehen. Geradezu mit physischer Kraft musste Gore abgehalten werden, an das Pult auf der Bühne zu treten und seine für alle Eventualitäten vorbereitete Rede zu halten. Und das war nur der Auftakt zu einer 36 Tage lang dauernden Auseinandersetzung um die Wahlmännerstimmen Floridas, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

Detailliert schildert Simon, zu welchen Methoden das Bush-Team (ob mit oder ohne Billigung Bushs bleibt unklar) in South Carolina griff, um den Parteikonkurrenten John McCain von einem weiteren Vorwahlsieg abzuhalten. Wochenlang wurden Radio- und Fernsehshows geradezu bombardiert mit Anrufen, die McCain illegale Kinder, Geliebte und unheilbare Krankheiten unterstellten. Als das McCain-Team so richtig begriff, welcher öffentlichwirksame Schaden da geschah, war es längst zu spät, und folgerichtig verlor McCain die Vorwahl in South Carolina deutlich. Zwar konnte er dann wieder in Michigan gewinnen, aber South Carolina war effektiv das Ende von McCains „Straight Talk Express“.

Gores Niederlage oder Bushs Sieg?

Warum hat Gore die Wahl verloren, obwohl zu Beginn des Wahlkampfes alles für ihn sprach? Simon bietet folgende Erklärungsversuche an: zum einen hat der gute Zustand der Wirtschaft für viele Wähler wohl keine so große Rolle gespielt, wie viele Beobachter im Vorfeld der Wahl erwartet hatten (und worauf Gore gehofft hatte). Desweiteren haben die guten Umfragwerte für Clinton eventuell darüber hinweggetäuscht, dass gerade bei moderaten Wählern der Unmut über seine Skandale größer war als gedacht. Schließlich habe Gore durch seine Rhetorik gegen das Big Business und seine recht weit links orientierten Positionen in sozialen Fragen in der politischen Mitte nicht so erfolgreich wie Bush punkten können, meint Simon. Alle diese Versäumnisse gipfelten darin, dass Gore zwar landesweit gut eine halbe Million Stimmen mehr als Bush gewinnen konnte, im Wahlmännerkollegium jedoch knapp (und nur mit Hilfe des Supreme Courts) unterlag.

Und die anderen Wahlen?

Ein Manko des Buches ist, dass es ausschließlich die Präsidentschaftswahl behandelt und die Wahlen zum Kongress; komplett missachtet. Wie sich jedoch in den letzten Monaten erwiesen hat, ist die Komposition des amerikanischen Parlamentes (gerade bei knappen Mehrheiten) für den Erfolg des politisches Programmes eines Präsidenten nahezu genauso wichtig wie dieses selbst. Trotzdem hat Roger Simon ein kurzweiliges Buch geschrieben, das sich interessant und mitunter spannend liest. Und es wird wohl auf absehbare Zeit das

Roger Simon: „Divided We Stand. How Al Gore Beat George Bush and Lost the Presidency“ Crown Publishers/Random House, New York 2001, 325 Seiten, $25.

Das Copyright des Bildes liegt bei der New Yorker Verlagsgruppe RandomHouse.

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