![]() |
![]() |
![]() |
e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1356 )Hörfunk-Feature im BR / NDR, 18. Juli 2001 Autor : Redaktion e-politik.de "Im Chat mit Abgeordneten und Parteien - Wie sich die deutschen Politiker im Internet präsentieren"
Manuskript-Abdruck,
Autorin
Über 300 Abgeordnete haben inzwischen ihren eigenen Internetauftritt und: sie sind höchst interessiert daran, sich an sogenannten Chatforen zu beteiligen. Das hat auch Claudia Welzel festgestellt. Sie ist Chefin vom Dienst beim kürzlich mit einem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichneten Internet-Portal "Politik-digital.de".
Zuspielung
"Es hat sich sehr viel getan, das muss man mal sagen und da auch mal einen Lanze für die Herren und Damen Abgeordneten brechen. Das Interesse ist ganz klar da, zu chatten und auch sich den Fragen zu stellen und bei einigen ist das so eine gewisse Pflichtübung, bei vielen merken wir aber auch, dass es ihnen richtig Spaß macht sich in Chat auch ein bisschen flexibler zu zeigen und sich ein bisschen origineller auch zu zeigen, als das in so einem Fernsehinterview zum Beispiel geht."
Autorin
Diskutieren wir doch per Tastatur einfach ein bisschen mit. Zum Beispiel mit Christian Ströbele vom Bündnis 90/Die Grünen über Finanzskandale, Haschischkonsum und die Loveparade, mit Jörg Tauss, dem Internetexperten der SPD, über Datenschutz, Cyberwar und Informationsfreiheiten der Bürger, diskutieren mit Dieter Hundt, dem Präsidenten der BDA, über die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, Frauenförderung, Studiengebühren und den VfB Stuttgart oder mit Michael Glos, dem Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag über Wahlen, Konjunktur, den Euro und die Zuwanderungspolitik.
Zuspielung
"Zum Beispiel die Frau Herta Däubler-Gmelin, die ist also schneller als die schnellste Schreibkraft, der Bundespräsident Johannes Rau tippt auch selber, wenn er zu uns zum Chat kommt, bei anderen übernehmen wir das auch manchmal, wenn es eben so ein bisschen viel Mühe macht, das kann man nicht von jedem verlangen."
Autorin
Nun wird bei "Politik-digital", dass übrigens im Wahlkampf 1998 auf Initiative von ein paar Studenten entstanden ist und damals auch noch entsprechend hieß, nicht nur diskutiert. Zuspielung
"Wir mischen uns natürlich auch immer in die aktuelle Politik ein, allerdings immer nur wenn das Thema auch netzrelevant ist. Also die Idee von politik-digital ist, zu zeigen, wie sich die Politik und die Öffentlichkeit unter dem Einfluss der neuen Medien entwickelt, das heißt, dass wir zum Beispiel uns Gedanken darüber machen, wie so Gesetze modernisiert werden müssten, zum Beispiel das Datenschutzgesetz oder das Informationsfreiheitsgesetz, eben im Zuge der fortschreitenden Medialisierung der Politik."
Autorin
Und dazu gehört auch die regelmäßige Bewertung von Politiker-Web-Sides, was eine Menge Arbeit bedeutet. Wie gesagt: Über 300 Abgeordnete sind inzwischen im Netz präsent. Allerdings gibt es, was die Qualität der Seiten betrifft, durchaus Unterschiede.
Zuspielung
"Wir gucken natürlich nach dem Inhalt, da gucken wir ist da aktuell, was man auf der Seite findet, gibt es Informationen zur Bundespolitik, also was der Abgeordnete da aktuell für Themen auf der Agenda hat, gibt es Informationen aus dem Wahlkreis aus dem er stammt, dann auch ein bisschen was persönliches vielleicht einen Lebenslauf, vielleicht so ein paar Interessen oder dass man diese Menschen eben ein bisschen kennerlernt über diese Web-Site, also das ist der eine Punkt, dann gucken wir uns an ob das Angebot interaktiv ist, das ist ein ganz entscheidender Punkt für uns, da machen wir unsere beliebten Text-Email-Anfragen, das heißt, unter irgendeinem Vorwand schreiben wir an das Büro und testen den Rücklauf ob das nicht nur ein potemkinsches Dorf ist, diese Seite, ob da wirklich jemand dahinter steckt, der die Mails liest und bearbeitet, dann ist es immer positiv wenn es ein Angebot gibt zum Chat auf dieser Seite, oder ein Form oder irgendeine Möglichkeit, über das reine Lesen von Inhalten sich zu beteiligen. Technik ist so eine kleinere Kategorie, da messen wir so Ladezeiten und so, ob die Seite clever aufgebaut ist, technisch auch gut gemacht ist, und wir gucken uns auch noch die Navigation an, das ist auch ein Punkt wo es leider auch oft hakt, also ist es übersichtlich, findet man überhaupt das was man sucht auf der Seite."
Autorin
Und die Angehörigen welcher Partei haben die besten Internetseiten?
Zuspielung
"Unser Ranking zeigt schon, dass in dem sagen wir mal ganz oberen Feld unter den ersten zehn tendenziell mehr SPD-Politiker und Politiker von den Grünen zu finden sind, dann allerdings wird es ziemlich schnell ziemlich durchmischt, was vielleicht ein bisschen lustig ist, dass die FDP nicht so ganz vorne mitmischt, obwohl sie das in Sachen Internet ja gerne von sich behauptet, das haben wir also rausgefunden."
Autorin
Die Nase ganz vorne, sprich: die beste Web-Side, hat derzeit ein Grüner, nämlich Rezzo Schlauch. Also: begeben wir uns auf dessen Seite und: sehen ein kleines Wunder: sie ist nicht nur außerordentlich klar strukturiert, sondern enthält auch eine Menge an immer wieder aktualisierten Informationen.
Surfen wir also weiter auf die Seiten der Parteien, zunächst zur FDP. Die droht erst mal gleich als erstes: "Wir wollen SIE". In die internen Diskussionsforen kommt man natürlich nicht rein. Da steht: "Was, Sie sind noch gar kein Mitglied? Sie finden Ihre ganz persönliche Unabhängigkeitserklärung hier" - ein Klick: und da ist er: der Aufnahmeantrag mit Bankeinzugsermächtigung. Sehr witzig. Natürlich bietet die FDP auch Informationen, zum Beispiel über Finanzen und über die Wahlkampfstrategie 18/2002. Aber ehrlich gesagt: vom Hocker reißt einen der Internetauftritt nicht.
Zuspielung
"Es ging um mehrere Faktoren, die da eine Rolle spielen sollen, zum einen wurde die Identifizierbarkeit der Person variiert, in der einen Version waren die Personen halt identifizierbar mit ihrer Meinung, also wenn sie da irgendwas veröffentlichen wollten, tauchte deren Name auf, deren Alter, Bundesland usw., in der anderen Version war das nicht der Fall und es zeigt sich halt ganz deutlich, dass die Kommunikationsbereitschaft von dieser Identifizierbarkeit abhängt. In der Version der Nichtidentifizierbar war die Kommunikationsbereitschaft um einiges höher als in der Version Identifizierbar. Sprich: den Leuten ist es wohl unangenehm oder sie wollen sich eher äußern, ohne dass sie als Person erkannt werden."
Autorin
Ein Irrtum wäre es übrigens zu glauben, dass sich in den politischen Foren immer nur Gleichgesinnte tummeln:
Zuspielung
"In den einen Foren, die wir da reingestellt haben - da haben wir halt den Tenor sehr stark Pro-Ökosteuer ausgelegt, in den anderen Foren war es sehr kontra und wir haben festgestellt, das hat eigentlich gar keinen Einfluss auf die Kommunikationsbereitschaft, also wie gesagt der stärkste Faktor ist die Identifizierbarkeit, ein anderer Faktor, der auch eine Rolle spielt, ist die Anonymität der anderen, also inwiefern kann ich mir was unter meinem Diskussionspartner vorstellen, also tauchen die da mit Alter auf, mit Namen, mit E-Mail-Adresse, hat einen Einfluss und zwar ist in den Foren in denen die Diskussionspartner sozusagen anonym auftauchen, ist die Kommunikationsbereitschaft auch geringer, also es ist eigentlich so ein Widerspruch, zum einen wollen die Nutzer nicht erkannt werden als eine Person, andererseits, wenn sie sozusagen ihre Diskussionspartner mit Namen erkennen oder sehen, ist ihre Kommunikationsbereitschaft auch höher."
Autorin
Für die Parteien und deren Politiker scheint ebenfalls zu gelten: Man will wissen, mit wem man es zu tun hat. Auf sehr ernsthafte E-Mail-Anfragen zu aktuellen Themen wie Einwanderungspolitik, Rente und dem Einsatz der Bundeswehr im Ausland, die an verschiedene Politiker unter Pseudonym geschickt wurden, kam nur eine Antwort: Die war vom Internetbeauftragten des Bundeskanzlers.
Zuspielung
"Da haben Sie die freie Wahl. Ungefähr jeder dritte."
Autorin
Ok: warten wir nicht auf Antworten, die wahrscheinlich sowieso nur Verlautbarungen enthalten, sondern surfen noch ein bisschen weiter. Bei der SPD ist es wie bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion: Ein aufwendig gestalteter Auftritt mit parteipolitischen Verlautbarungen. Im ersten Fall zieht Schröder eine positive Zwischenbilanz seiner Regierungszeit, zudem stellt Schily den ersten Sicherheitsbericht vor, im zweiten Fall heißt es "Union handelt: Gesetzesentwürfe ur Kriminalitätsbekämpfung" und "Kritik von Merz und Merkel an Schröders Zwischenbilanz".
Und wohin nun? Die Gewissensfrage lautet: soll man sich dem zuwenden, was die NPD so alles per Internet verbreitet oder nicht? Nagut, man muss ja Bescheid wissen. Aber: unter npd.de gibt's nur Sexbilder - die Partei hat es nicht geschafft, sich ihren Namen rechtzeitig sichern zu lassen. Auch die PDS war etwas langsam: Hinter pds.de jedenfalls verbirgt sich eine Computerfirma. Unter pds-online.de findet man sie dann doch noch, die Genossen. Aber bevor auf die Seiten weitergeleitet wird, auf der Reden von Petra Pau und Gabi Zimmer oder Kommentaren zur Leuna-Affäre und zur politischen Kultur stehen, muss man erst einmal den Slogan "Gysi für Berlin - Berlin für alle. PDS" ertragen, der übrigens aussieht wie das Titelblatt einer sehr, sehr großen deutschen Boulevardzeitung.
Schnell weg also, noch etwas entspannen und einen Tag mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Ramsauer in Berlin verbringen. Wir wollten nämlich schon immer mal, wenn schon nicht minutiös, dann doch wenigstens im Stundentakt, wissen, was so ein Politiker den lieben langen Tag lang macht und es ist genauso, wie wir uns das vorgestellt haben: Morgens um 6 Uhr joggen, um die nötige Kraft für den politischen Alltag zu finden, dann, nach dem Frühstück: Besprechungen mit Kollegen, Mittagessen, Fraktionssitzungen, Gespräche mit Frau Merkel über aktuelle Themen des Tages und die gemeinsame Entwicklung langfristiger Strategien und und und: Nur gut, dass Politiker irgendwie auch nur Menschen sind: Um 18 Uhr nämlich hat sich spontaner privater Besuch angesagt: Peter Ramsauer ist trotz Politik auch Familienmensch und nimmt sich deshalb Zeit, seine Schwester und deren Ehemann in seinem Büro zu treffen. Wir sind per Web-Cam dabei.
Zuspielung
"Ich kenne diese Seiten jetzt persönlich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich derzeit sehr sehr viele Webdesigner und Webmaster im Netz tummeln, die alles mögliche auch versprechen auch der Politik, dass der Bekanntheitsgrad erheblich erhöht wird etc. etc. Auf diesem Sektor wird halt sehr sehr viel Geld verdient, das ist legitim, man muss sich aber auch über die Effekte klar werden, hat das wirklich eine Auswirkung? Ist die Schilderung des Tagesablaufs eines Politikers erstens ein wirkliches Politikum und zweitens: Ist es relevant für einen politischen Entscheidungsprozeß? Denn es ist nicht unmittelbar einsehbar, dass ein Bürger, der auf eine solche Seite geht, dadurch in seinem Wahlverhalten beeinflusst wird."
Autorin
Wie man Wahlverhalten beeinflusst, kann man wohl am besten sehen, wenn man sich aufmacht nach Amerika. Jürgen Turek beobachtet seit geraumer Zeit das Internetgeschehen dort:
Zuspielung
"In den USA ist das Internet als ein entscheidendes Medium mittlerweile sehr viel mehr anerkannt worden als bei uns. Das hat sich exemplarisch und extrem gezeigt in den letzten Präsidentschaftswahlen, man kann das veranschaulichen an einer Zahl und zwar hat der amerikanische Präsidentschaftsbewerber McCain eine Web-Seite eingerichtet, die ihn 300.000 Dollar gekostet hat, damit hat er erstmals 5,6 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden akquiriert, wobei er in diesem Fall 20 Prozent mehr Wähler erreichen konnte als wenn er das nur über herkömmliche Kanäle gemacht hätte."
Autorin
Hierzulande spielen Wahlkampfspenden natürlich auch eine gewisse Rolle, aber bei weitem keine so große wie im amerikanischen Parteiensystem. Die logische Schlussfolgerung, so Jürgen Turek vom Centrum für angewandte Politikforschung:
Zuspielung
"In Amerika sind die Politiker sehr sehr viel stärker darauf angewiesen, den Bürger anzusprechen oder über den Bürger oder die Industrie Wahlkampfspenden zu akquirieren. Das bedeutet natürlich auch eine sehr, sehr viel höhere Sensibilität für alle Medien, die in diesem Kontext eine Rolle spielen, ob das nun Fernsehen ist, das hat gerade im Präsidentschaftswahlkampf 1960 bei Kennedy eine extrem hohe Rolle gespielt und mittlerweile hat man eben auch zusätzlich das Internet entdeckt und versucht darüber über sehr ausgepuffte Methoden möchte ich sagen Wähler zu erreichen, die entweder vorher nicht erreichbar waren, sprich auch nicht gewählt haben, nun aber angesprochen werden können und auch mobilisiert werden können."
Autorin
Und da haben sich amerikanische Politiker eben, ganz im Gegensatz zu den meisten deutschen, schon vor Jahren eine ganze Menge einfallen lassen:
Zuspielung
"Ein Beispiel dafür ist, dass die Wahlkampfstäbe amerikanischer Politiker nicht nur eine E-Mail verschicken, so wie wir das hier in Europa oder in Deutschland eher kennen, sondern dass da Videoclips produziert werden, diese Video-Clips werden wiederum an die Wähler versandt, wo also eine Botschaft in Wort und Bild verschickt werden kann, was effizienter ist, als nur eine schriftliche Botschaft und gleichzeitig werden die Wähler auch wieder aufgefordert, diese Botschaft an andere Interessierte E-Mailer oder Citizens, wie die Nutzer des Netzes ja allgemein heißen, weiterzuschicken. Dadurch erreicht man einen sehr viel größeren Streueffekt, was solche Botschaften angeht und man spart enorme Kosten."
Autorin
Inzwischen sind allerdings die deutschen Parteien und Parlamentarier dabei, aufzuwachen, sprich: sie entdecken immer stärker die Vorzüge des Internets:
Zuspielung
"In Deutschland gibt es mittlerweile einige vielversprechende Ansätze in der Politik, auch das Internet sehr viel stärker einzubeziehen, um Transparenz der Politik für den Bürger zu erhöhen, aber auch um Wahlkämpfe gewissermaßen zusätzlich durch dieses Medium zu ergänzen. Ein Beispiel dafür ist der Parteitag der Grünen vom letzten Jahr, also Ende 2000, wo die Grünen erstmals eine solche Veranstaltung komplett und live im Internet dokumentiert haben, um so dem Wähler und auch Bürger zu ermöglichen an dieser Veranstaltung, auch an dieser politischen Meinungsbildung aktiv zu partizipieren. Das war ein Novum in der deutschen Politikgeschichte. Viele andere Parteien und auch Politiker sind inzwischen auch auf diesen Zug aufgesprungen. Das ist unsere Wahrnehmung hier im Zentrum für angewandte Politikforschung, weil man erkannt hat auch aus dem amerikanischen Beispiel, dass sich eventuell eine 10- bis 20prozentige Steigerung der politisch Interessiertheit erzielen lässt, wenn man dieses neue Medium stärker einbezieht."
Autorin
Aber: ist politische Interessiertheit auch gleich weniger Politikverdrossenheit? Oder anders gefragt: kann das Internet als neues Medium wirklich neue Wähler an die Urnen treiben? Jürgen Turek ist da eher skeptisch:
Zuspielung
"Ich glaube, dass die Angebotsseite der Politik durch das Internet wesentlich verändert wird, ich glaube allerdings nicht, dass auf der Nachfrageseite dieses Medium zum Beispiel eine höhere Wahlbeteiligung ermöglichen könnte. Ein anderes Thema ist E-Governance, das bedeutet also die Bereitstellung von Informationen für den Bürger, die Verbesserung staatlicher oder administrativer Leistungen für den Bürger, ich glaube, dass dies ein sehr interessantes und wichtiges Thema ist, dass gewissermaßen im alltäglichen administrativen Leben des Bürgers Vorteile erzielt werden können, dass heißt aber nicht, dass die Begeisterung oder das die Partizipation an Politik erheblich steigen wird."
Autorin
Leider, so scheint es, wird das mit der Bürgerfreundlichkeit auf Seiten von Verwaltung und Behörden wohl noch ein bisschen dauern. Schon jetzt kann man in Bremen zwar das virtuelle Rathaus besuchen oder sich in München, wie auch in anderen Städten, über das Internet beim Einwohnermeldeamt anmelden, zudem ermöglicht es das Modellprojekt "Elster", seine Steuererklärungen online zu machen. Eine Studie des Informatikprofessors Edgar Einemann hat jedoch jetzt jedoch ergeben, dass das wohl eher noch die Ausnahme als die Regel ist. Im Mai hat der Bremerhavener Wissenschaftler gemeinsam mit seinen Studenten die Online-Auftritte aller deutschen Landkreise untersucht.
Mal abgesehen davon, dass es oft schwierig war, die Web-Adressen herausfinden, gab es ziemliche viele schlechte Noten, was das interaktive Angebot betraf. Ein paar Beispiele nur: 240 von 297 Kreisen stellen keine Informationen über den Kreishaushalt ins Netz, 128 machten keine Angeboten zum Öffentlichen Personennahverkehr, 230 bieten keinen zentralen Formulardienst, 222 verzichten auf öffentliche Ausschreibungen im Internet.
Das Fazit der Reise durch die Politikseiten im Internet: Es sind hier, wie in anderen Themengebieten auch, sehr gute und sehr schlechte Seiten zu finden. Es gibt unter den Abgeordneten die wahren Computerfreaks, die mit witzigen und zugleich informativen Seiten aufwarten und es gibt die, die meinen, es reicht, ein paar Daten zur Person mit entsprechendem Bild zu offerieren. Ansonsten ist es wie in der Parteienlandschaft auch: egal, ob SPD, Grüne, CDU/CSU, FDP oder PDS: sie wollen dem Wähler beziehungsweise der Wählerin ihr Programm verkaufen. Früher wurden dafür Hochglanzbroschüren verteilt, heute kann man sich das Ganze aus dem Internet herunterladen. Ob dadurch die große Masse der Bürger stärker als bisher motiviert wird, sich politisch zu beteiligen, darf bezweifelt werden. Aber: gewisse Lichtblicke gibt es doch. Denn vor allem junge Menschen haben durchaus ein verstärktes Interesse, sich ins politische Geschehen einzumischen. Sie aber tun es nicht mehr unbedingt in Parteien, sondern eben auf den entsprechenden Web-Seiten - bestätigt auch Claudia Welzel von Politik-digital:
Zuspielung
"Zugang zur Information und Möglichkeiten zur Auseinandersetzung, das ist wichtig, und ich glaube auch, dass wir da auf dem richtigen Weg sind, was auch langsam ja immer populärer wird in der Diskussion, und das finde ich persönlich auch wichtig, ist die Frage der Mitgliedschaft, der Parteimitgliedschaft oder der Verbandsmitgliedschaft, dass man da nicht mehr wie früher irgendwo eintritt und den Rest seines Lebens quasi jeden Donnerstag zum Treffen marschiert, sondern dass das ein bisschen flexibler wird, dass also auch Leute, die da früher vor zurückgescheut sind, sich irgendwo dauerhaft zu engagieren jetzt sagen können, für das Thema bei der Organisation, da bin ich dabei, da setze ich mich für ein und übernehme auch mal einen Teil der Arbeit, solche Prozesse fördert das Internet denke ich ganz deutlich."
Autorin
Auch die Seite "e-politik.de" ist fest in der Hand von jungen Leuten. Einer der Pioniere dort: Roman Maruhn:
Zuspielung
"e-politik.de ist letztendlich entstanden aus Politikwissenschafts-studenten, die ursprünglich mal eine Plattform im Internet sich gesichert haben, wo Skripten drin sind, besonders für die Zwischenprüfung, die am Geschwister-Scholl-Institut in München sehr gefürchtet ist. Ursprünglich hieß das politischer Zirkel, hatte als Zielgruppe direkt die Studenten, in erster Linie die Münchner Politikwissenschaftsstudenten und dann hat man sich überlegt, ob man nicht mehr machen will, man wächst ja mit so einer Sache, irgendwann ist die Zwischenprüfung kein Thema mehr und denkt auch, dass man vielleicht Themen der Übungen, der Haupt-seminare, ja etwas lockerer aufbereiten will, nicht in dem Uni-Stil und dann kommt eben das journalistische dazu und dann haben wir uns mit dieser Seite vor knapp einem Jahr eben nach außen gewandt, um eben zu informieren."
Autorin
Ein Angebot, dass permanent wächst und dass sich sehen lassen kann.
Viele politische Informationen aus In- und Ausland, über die Außenpolitik der Bundesrepublik, aber auch über politische Theorie in der Antike und der Neuzeit. Zudem: die "Links der Woche", die direkt zur Quelle aktueller politischer Geschehnisse führen, zum Beispiel auf die Seite der UNHCR aus Anlass des 50jährigen Bestehens der Genfer Flüchtlingskonvention, zum Bundeswehr-Einsatz in Mazedonien, zum neuen Waffenrecht oder zur Arbeitslosigkeit in Deutschland. Und es gibt die Netzreportage.
Zuspielung
"Zum Beispiel haben wir hier eine Netzreportage, die war kurz nach der Revolution in Belgrad und da konnte man wirklich sozusagen in Realzeit nachverfolgen, wie die ganzen staatlichen Institutionen sich verändern und aus dem staatlichen Sender RTS ist auf einmal neues RTS geworden, also das wir eine sehr aufregende Zeit und auf der Parlamentsseite stand dann damals, das war ja dann ein bisschen ausgebrannt durch die Revolution stand ja auch da "under construction" und das war auch eine nette Seite, weil das kann wirklich mit vielen Links, die Leute sind nicht gezwungen, diese Links nachzuverfolgen, aber sie können sich einfach einen breiten Eindruck über eine bestimmte Situation verschaffen und kommen immer wieder wirklich zur Ursprungsseite, sprich, sie können die Information, die wir versuchen darzustellen, auch überprüfen ob wir die richtig dargestellt haben und das gibt glaube ich dem Leser einen großen Vertrauensnachweis."
Autorin
Mindestens sechs bis acht Stunden pro Woche widmen die e-politik.de-Macher ihre Freizeit dem politischen Geschehen - ohne Bezahlung, nur aus Spaß an der Sache.
Zuspielung
"Das sind natürlich die klassischen Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung so was wäre ein Ziel und da tut sich auch zur Zeit sehr viel in der Bundeszentrale, die einen sehr starken Modernisierungsprozess gerade durchmacht und das ist halt eine klassische Institution."
Autorin
Vielleicht tut sich ja noch eine neue Einnahmequelle auf. Bei der bereits erwähnten Untersuchung der Web-Auftritte der Landkreise nämlich hatten die Studenten der Uni Bremerhaven sehr oft den spontanen Gedanken "Mensch, denen müsste man mal unter die Arme greifen." Aber ob die Landkreise sich angesichts leerer Kassen helfen lassen? Zahlen müssen sie jedenfalls, genauso wie die Abgeordneten, ihren Internetauftritt selbst.
Zuspielung
"Eine gute Möglichkeit bekannter zu werden, ist zum Beispiel über Web-Tests, zum Beispiel unserem nächsten dann, und die andere Möglichkeit ist natürlich Aktion auf dieser Seite zu starten oder Angebote dort zu etablieren, die berichtenswert sind oder die auch sich rumsprechen, dabei sollte man natürlich immer darauf achten, dass das nicht nur gemacht wird, um nur die Show auf der Seite zu haben, sondern einfach so ein bisschen clevere Sachen, die mit Inhalt zu tun haben, die mit Beteiligung zu tun haben und die die Wähler dann am besten ansprechen. Ich glaube, wenn man damit ein bisschen Originalität rangeht, dann hat man auch ganz gute Chancen, dass die Leute sich das merken und auch wiederkommen auf die Seite."
Logo BR: Copyright liegt bei www.br-online.de
E-mail: redaktion@e-politik.de
Abendjournal 18.7.2001, 21.30 Uhr, Bayern 2 Radio
Autorin: Antje Pukke
Redaktion: Holger Goblirsch
Copyright liegt beim Bayerischen Rundfunk, Antje Pukke
Drei- bis viermal in der Woche diskutieren hier Verbandsfunktionäre, Künstler, Netzvisionäre oder Parlamentarier jeweils eine Stunde lang mit Interessierten:
Kein Thema bleibt ausgespart in den Diskussionsforen bei "Politik-digital.de" und die Liste derjenigen, die sich den Fragen der Internet-User stellen, ließt sich wie das Who-is-Who der deutschen Politik. Bevor wir uns den Internetseiten der Abgeordneten widmen, räumen wir noch schnell mit einem Vorurteil auf, nämlich mit dem, das Politiker und Politikerinnen nicht selber tippen, sondern tippen lassen:
Die inzwischen 60 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, darunter viele Politikwissenschafts-Studenten, aber auch namhafte Wissenschaftlern schreiben über alles, was mit Politik und Internet zu tun hat:
Noch nutzt nicht jeder oder jede die Möglichkeiten, die das World-Wide-Web bietet - und die sind vielfältig. Die Kriterien, nach denen "Politik-digital"-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Internetseiten bewerten, fasst Claudia Welzel so zusammen:
"Hi and welcome" steht da ersteinmal und dann: "Sie können sich ein Bild von mir machen, Sie können Postkarten versenden oder sich an bestehenden Foren beteiligen. Sie können sich im Gästebuch verewigen, in alten und neuen Reden stöbern, in Baden-Württemberg vorbeischauen und nach Berlin zurücksurfen. In jedem Fall bin ich mit freundlichen Grüßen Ihr Rezzo Schlauch." Zitat Ende. Und weil Rezzo Schlauch ein Mann ist, der auch in der Politik viel von einem gesunden Zusammenspiel von Kopf und Bauch hält, verlinkt er nicht nur auf ganz seriöse Informationsseiten, sondern lässt zudem Themen wie Spätzlerezepte, Musik und Surftipps für Jungbleibende nicht aus.
Ohne Frage: Die Seite "rezzo-schlauch.de" hat den ersten Preis verdient. Weniger ansprechend und vor allem weniger inhaltsreich dagegen zum Beispiel: der Internetauftritt von Eberhard Diepgen. Da stand vor ein paar Wochen, als der Mann noch regierender Bürgermeister von Berlin war, das selbe wie gestern, nämlich sein Motto "Ziele, Ausdauer, Mut" und: "Im Leben wie in der Politik hält sich Eberhard Diepgen an sein persönliches Credo: 'Versprich nichts, was Du nicht halten kannst'." Was übrigens die Beiträge in seinem Diskussionsforum betrifft: hier ist der letzte vom 20. Juni, also knapp einen Monat alt.
Das gilt ebenfalls für die Seiten der Grünen. Auch hier: viel parteipolitischer Stoff, in diesem Fall zu den Themen Dosenpfand, Einwanderung und Stasi-Akten. Aber: mitdiskutieren darf man nur, wenn man einen Login-Namen plus Vor- und Nachnamen, Passwort und E-Mail-Adresse angibt - Zeit, um kurz innezuhalten und zu fragen: schreckt das nicht auch andere User ab? Davon ist auszugehen, sagt Robert Mayer-Uellner. Der schreibt gerade an seiner Doktorarbeit über politische Diskussionsforen im Internet. Dazu hat er selbst verschiedene dieser Foren angeboten und die User dann gefragt, wann sie sich am liebsten beteiligen würden:
Vermeldet wurde, dass die SPD aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nur E-Mails beantworte, in denen der volle Namen des Verfassers oder der Verfasserin stehe. Aber: mit den E-Mails ist das eh so eine Sache: Bei der Rankingliste von Politik-digital spielt es, wie gesagt, auch eine Rolle, ob und wie schnell reagiert wird - und da gibt es immer noch Abgeordnete, die ihre elektronische Post überhaupt nicht beantworten. Auf die Frage, um wen es sich da handele, hat die Internetexpertin Claudia Welzel nur eine lapidare Antwort parat:
Auch andere Politiker haben viel über sich zu erzählen. Aber ob es reicht, seinen Tagesablauf im Internet widerzuspiegeln, um Wähler zu gewinnen? Sicher nicht - meint Jürgen Turek, der stellvertretende Leiter des Centrums für angewandte Politikforschung in München:
Man darf gespannt sein, ob da die Bundesregierung ihr wesentlich größeres, ehrgeiziges Projekt "Bund-Online-2005" im Rahmen der sogenannten "E-Government-Initiative" erreichen wird. Bis zum Jahre 2005 will sie alle internetfähigen Dienstleistungen der Bundesverwaltung online bereitstellen. Wenigstens wurden jetzt die Seiten www.bund.de relauncht, wie das im Internetjargon heißt, und erscheinen jetzt im klaren Gewandt - übersichtlich und ohne großen Schnickschnack - mit Links zu Bundesparteien und -behörden, dazu gibt es Rubriken wie "Natur und Umwelt", "Geld und Steuern", Deutschland und die Welt und Ausschreibungen für Aufträge der öffentlichen Hand, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Inzwischen wurde das Projekt mit dem "Alternativen Medienpreis 2001" ausgezeichnet - und Roman Maruhn hofft, dass man irgendwann auch mal ein bisschen Geld mit dem politischen Engagement verdienen kann. Aber: wer soll das bezahlen?
Auf die Frage, wer denn die Web-Sides finanziere, hatte Franz Müntefering im Chat bei "Politik-digital" gestern nur einen Satz parat: "Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch."
Bleibt noch die Frage: was ist diejenigen zu raten, die zwar eine wunderschöne Internetseite haben, aber feststellen müssen, dass keiner sie anschaut? Die Ratschläge von Claudia Welzel: sich dem Wettbewerb stellen:
![]() |