e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 2015 )


Das Politische Buch - Tipp der Woche

Bush at War

Bob Woodward: Bush at War

Autor :  Michael Kolkmann
E-mail: redaktion@e-politik.de

Der amerikanische Journalist Bob Woodward hat die Anfänge des Afghanistan-Krieges dokumentiert. Michael Kolkmann hat sein Buch gelesen.


Seit dem 11. September 2001 befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg. Nach dem Angriff von islamistischen Terroristen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington dauerte es etwa vier Wochen, bis die USA damit begannen, Ausbildungslager der Al Kaida und Stützpunkte der Taliban in Afghanistan zu bombardieren.
Der amerikanische Journalist Bob Woodward hat nun ein Buch vorgelegt, das den regierungsinternen Vorbereitungs- und Entscheidungsprozess dieses Krieges nachzeichnet.

Anfänge des Anti-Terror-Krieges

Von Tag zu Tag dokumentiert Woodward den Entscheidungsprozess in der amerikanischen Exekutive. Ausführlich porträtiert er die wichtigsten Akteure: Präsident Bush, Verteidigungsminister Rumsfeld, die nationale Sicherheitsberaterin Rice, Vizepräsident Cheney, Außenminister Powell, CIA Direktor Tenet sowie die mit der Kriegsplanung betrauten Militärs.
Das Buch offenbart eine grundsätzliche Konfusion der ersten Tage des Anti-Terror-Krieges. Auf Bitten Bushs und Rumsfelds müssen die Militärs ihre zunächst präsentierten Pläne drastisch umarbeiten. Aus Tagen werden Wochen, bevor der Afghanistan-Krieg schließlich Anfang Oktober 2001 beginnt. Zwei Befürchtungen versuchte man laut Woodward in dieser heißen Planungsphase zu umgehen: zum einen verlangte das Pentagon eine strikte Exit-Strategie. Eine Wiederholung der Situation in Vietnam, in die man sich hineinziehen ließ, ohne die strategischen Ziele vorher festzulegen, sollte unbedingt verhindert werden. Zum zweiten ließ sich Bush auch deshalb mehrere Wochen Zeit mit einem Angriff, weil auf "Clintoneske" Manöver bewußt verzichtet werden sollte. Dieser hatte nach den Terroranschlägen auf zwei US-Botschaften in Ostafrika im Jahre 1998 lediglich einige Cruise Missiles auf vermeintliche Terroristencamps im Sudan abfeuern lassen, die sich später als Aspirinfabrik entpuppten.

Inside Afghanistan

In einem zweiten Handlungsstrang schildert Woodward den Einsatz von CIA- und Special Forces-Teams in Afghanistan, die bereits wenige Tage nach dem 11. September ihre Arbeit vor Ort aufnahmen, um lokalen Warlords finanziell und personell zu helfen, ihre Truppen schlagkräftiger zu machen und in die Kriegsbemühungen der USA miteinzubinden. Insgesamt 70 Millionen US-Dollar, so Woodward, verteilten Agenten der CIA auf afghanische Stammesfürsten - nach Einschätzung eines Regierungsbeamten in Washington eine "vergleichsweise billige Aktion".

Hindernisse und Probleme

Darüber hinaus mussten die afghanischen Anrainerstaaten nicht nur davon überzeugt werden, den USA Überflugrechte zu gewähren, sondern auch um Erlaubnis gefragt werden, in den jeweiligen Ländern Militärbasen einrichten zu dürfen. Dies lief nicht immer ohne Komplikationen ab. Woodward berichtet zum Beispiel, wie Usbekistan ursprünglich erst nach dem Versprechen einer baldmöglichen NATO-Mitgliedschaft bereit gewesen sein sollte, US-Basen einrichten zu lassen. Erst nach langwierigen und zeitintensiven Verhandlungen ließen sich die usbekischen Verantwortlichen von der NATO-Mitgliedschaft abbringen. Als weiteres Problem erwies sich die geringe Zahl an geeigneten strategischen Zielen in Afghanistan. Eine vom Pentagon vorgelegte erste Liste umfasste nicht mehr als 31 Ziele.

Aufschlußreich ist auch das nach Woodwards Meinung völlige Fehlen eines langfristigen Plans für Afghanistan. Die Operation "nationbuilding" sollte nach Auffassung von Bush den Vereinten Nationen oder den Verbündeten überlassen werden. An einer Stelle wird Bush zitiert mit den Worten, die amerikanische Armee sei zum Führen von Kriegen da, nicht zum Überwachen des Friedens. Umfassender Quellenzugang

Das Buch lebt von Woodwards Quellen. So hatte er Gelegenheit, mit mehr als 100 beteiligten Akteuren, darunter Präsident Bush selbst sowie mehrere Mitglieder seines Kabinetts, Interviews zu führen; darüber hinaus bot sich Woodward die Möglichkeit, an mehr als 50 Sitzungen des Nationalen Sicherheitsrates teilzunehmen und währenddessen intensiv Notizen zu machen. Und wie die Schilderung des politischen Entscheidungsprozesses der amerikanischen Exekutive Woodward gelungen ist, ist eindrucksvoll. Spannend und mit der lockeren Feder eines erfahrenen Journalisten geschrieben erweist sich Woodward als ein Veteran der politischen Berichterstattung. Gemeinsam mit seinem Kollegen Carl Bernstein war es ihm schon mit seiner Berichterstattung für die Washington Post in den frühen 1970er Jahren gelungen, im Rahmen der Watergate-Affäre Präsident Nixon in Bedrängnis zu bringen, bis dieser schließlich zurücktrat. Ein gutes Dutzend weiterer Bücher hat Woodward seitdem über das politische Washington geschrieben. Noch heute arbeitet er in verantwortlicher Position bei der Washington Post.

Kurzweilige Lektüre trotz Mängel

Bush at War ist ein spannend zu lesender Blick hinter die Kulissen des amerikanischen Regierungssystems in einer Zeit der nationalen Krise. Das Buch ist allerdings mit heisser Nadel gestrickt worden: Innerhalb weniger Wochen ist es im Herbst 2002 lektoriert, gedruckt und ausgeliefert worden. Das schränkt die Lesbarkeit in manchen Passagen ein, da Woodward sich ausschließlich auf die Wiedergabe von Konversationen und Sitzungen konzentriert.
Was dem Buch gut getan hätte, wäre mehr Analyse, mehr Hintergrund, um als Leser das Beschriebene einordnen zu können. Vor allem hätte man sich von Woodward eine Erklärung gewünscht, wie aus dem Feldzug gegen den Terror in Afghanistan eine Drohkulisse für einen potenziellen Krieg gegen den Irak werden konnte. So ausführlich Woodward die ersten 100 Tage nach dem 11. September 2001 beschreibt, so kursorisch ist seine Behandlung der folgenden Monate bis hin zum Oktober 2002, die sich lediglich im Epilog findet.
Trotzdem kann das Buch mit den beschriebenen Einschränkungen zur Lektüre empfohlen werden. Im Frühjahr 2003 wird das Buch in der "Deutschen Verlagsanstalt" auch in einer deutschsprachigen Fassung erscheinen.

Bob Woodward: "Bush at War",
Simon and Schuster, New York, 2002, 380 Seiten,
ISBN: 0-7432-0473-5.

Ders.: "Bush at War. Amerika im Krieg",
Deutsche Verlagsanstalt, München, 400 Seiten,
24, 90 Euro,
ISBN: 3-4210-5698-6,
(erscheint laut Verlag am 17. Februar 2003)

Copyright des Buchcovers liegt beim Verlag Simon and Schuster





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