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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1125 )Ich ließ Stars sagen, was sie eigentlich sagen sollten Autor : Christophe Rude Der Schweizer Journalist und Autor Tom Kummer sorgte vor etwa einem Jahr für einen großen Skandal beim SZ-Magazin, der mithin nicht dessen letzter war. Er lieferte Interviews mit Stars, die er nie interviewt hat. Christophe Rude hat mit ihm gesprochen. e-politik.de: Sie sehen gut aus, Herr Kummer.
Kummer: Vielen Dank. Das hat Madonna damals auch gesagt. Aber ich denke nicht, dass Sie meine kostbare Zeit mit Selbstverständlichkeiten verschwenden wollen. e-politik.de: Nein, natürlich nicht. Aber derart braungebrannt, wie Sie sind, müssen Sie einige Wochen Urlaub hinter sich haben.
Kummer: Ich war mit Jennifer Lopez unterwegs, aber Journalisten haben keinen Urlaub. Ich habe gearbeitet, war auf Recherche-Tour in Südamerika. Brasilien, Argentinien, Mexiko... e-politik.de: Was gibt es denn dort zu recherchieren? Hollywoodstars sind doch dort ähnlich schwer anzutreffen wie in Los Angeles, oder?
Kummer: Wie Sie wissen, treffe ich keine Stars. Nie. Aus Prinzip nicht. Hören Sie, ich hatte zu diesem Interview eingewilligt, weil Sie mir versprochen haben, mich nicht über die Geschehnisse des vergangenen Jahres zu befragen. Das war der Deal. Heute bin ich außerdem einige Schritte weiter als damals. e-politik.de: Und welche? Das wäre nun interessant zu hören.
Kummer: Damals wie heute treffe ich wie gesagt keine Interviewpartner. Das habe ich nicht nötig. Sie wissen ebenso gut wie ich, dass sich die Menschen, insbesondere Hollywood-Stars, die einen Ruf zu verlieren haben, in Gesprächen mit Journalisten selbst Fesseln anlegen. Sie sagen nicht, was sie gerne sagen würden. Das macht die Masse der Celebrity-Interviews so uninteressant. Und das sollten sie nicht sein. Wer möchte schon hören, dass Madonna eine gute Mutter ist. Ich ließ Stars sagen, was sie eigentlich sagen sollten. Was ihre Fans hören wollen. Heute habe ich eingesehen, dass meine Umwelt noch nicht so weit war, die Realität als das zu begreifen, was sie ist. e-politik.de: Und das wäre?
Kummer: Eine Konstruktion, Illusion, ein bunter Luftballon. So bunt und groß, dass sie allein durch ihre Größe schon real zu sein scheint. Liz Taylor ist der gleichen Ansicht. Es haben so viele Menschen mitkonstruiert, dass sie selbst ihre eigene Illusion nicht mehr erkennen. Und macht man sie darauf aufmerksam, dann ist das Geschrei groß. Ich wollte sie überspitzt darauf aufmerksam machen - und provozieren. e-politik.de: Aber Herr Kummer, hat das noch etwas mit Journalismus zu tun?
Kummer (lächelt nachsichtig): Journalismus ist ein Modebegriff. Und selbst Objektivität ist subjektiv geworden. Was bleibt, ist die Kunst. Fragen Sie Beuys. Schon damals wollte ich meine Art von Konzeptjournalismus als Kunst verstanden wissen. Wenn man in Hollywood arbeitet, möchte man außerdem mehr transportieren als bloße Worte. Es geht um den Traum vom ewig Unerreichbaren. Und Stars sind für mich unerreichbar.(seufzt) It's all about entertainment and you know it. e-politik.de: Selbstverständlich. And the show must go on, nicht wahr? Woran arbeiten Sie jetzt, wo Sie doch Interviews derzeit in deutschsprachigen Medien schwer absetzen können?
Kummer: Ihr Sarkasmus ist fehl am Platz, denn ich arbeite sehr wohl. Ich denke, ich hatte bereits erwähnt, dass ich in einigen südamerikanischen Ländern recherchiert habe. Man kann hier einiges lernen, was Illusionen und Vorspiegelungen betrifft. Was diese Tourismusindustrie leistet, um die Horden idiotischer Pauschaltouristen von Elend und Katastrophengebieten im Inland fernzuhalten, ist beachtlich. Schade nur, dass niemand diese Anstrengungen zu würdigen weiß. Momentan lebe ich noch von den Reserven und den Ausfallhonoraren des SZ-Magazins. In Südamerika ist das Leben billig. Und dann erscheint bald mein neues Buch, womit auch erklärt wäre, warum ich jetzt wieder an die Öffentlichkeit getreten bin. e-politik.de: Was für ein Buch wird das sein?
Kummer: Der Titel steht noch nicht fest. Da wollte ich Wolf Schneider noch mal fragen. Aber es wird ein Leitfaden für Journalisten der neuen Generation. Menschen, die sich ihres Einflusses bewusst und auch bereit sind, ihn zu benützen. Dazu hat mich Tom Cruise inspiriert. Sie und Ich, wir werden eine neue Welt der Illusionen schaffen, so real, dass nicht einmal Gott merkt, was passiert ist. (Diese Worte spricht Tom Kummer mit einem stimmlichen Crescendo und hebt dabei unvermittelt die Arme) Letztlich sind es nur wenige Menschen, die dieser Welt ihr Gesicht geben, die anderen konsumieren, gaffen und sind weiter nichts als die Veränderung des Bruttoinlandsproduktes oder das Umsatzplus von Coca-Cola... e-politik.de: Ähem, Herr Kummer, die Zeit läuft uns davon. Ihnen sicherlich auch. Wir danken Ihnen sehr für dieses Interview. Schade nur, dass sie es nicht einrichten konnten, uns tatsächlich aufzusuchen.
Kummer: Well, ich denke, es hat auch so ausgereicht. Ich muss jetzt ein Interview mit Fidel Castro machen.
E-mail: redaktion@e-politik.de
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