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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1242 )Chiapas – ein Ende in Sicht? Autor : André Wernecke Den Machtwechsel in Mexiko deuteten viele als Aufbruch, Vincente Fox kündigte die Lösung des Konfliktes mit den Zapatisten an, doch noch wird gekämpft. Und im Westen bringen viele den Rebellen Sympathie entgegen. André Wernecke analysiert...
Man sagt, er sei die späte Rache der Maya, der Aufstand in Chiapas. Wahr ist, dass die Guerilleras mehrheitlich indianischen Ursprungs sind. Und der mexikanische Bundesstaat Chiapas, in dem sich 1994 Bauern gegen die Regierung erhoben, war früher Zentrum des legendären Mayareiches.
"Ya Basta!" heißt: Jetzt reicht's! Doch dies ist nicht „nur" der Aufstand einer unterdrückten Minderheit, es ist auch ein Kampf gegen Diktatur und Neoliberalismus. So ist der 1.Januar 1994, der Tag an dem sich Mexiko der nordamerikanischen Freihandelszone öffnete, nicht zufällig der Anfang einer Bewegung die bisher einzigartig ist.
„Ya Basta" (Jetzt reicht´s) riefen die Aufständischen und besetzten mehrere Dörfer in der mexikanischen Provinz. Die Regierung in Mexiko–City ließ sich nicht lange bitten und fuhr schwerste Geschütze gegen die spärlich bewaffneten Indios auf. Angesichts der blutigen Niederschlagung kam es zu nationalen aber auch internationalen Protesten. Aus Prestigegründen vereinbarte man einen Waffenstillstand mit den Unterlegenen. Doch das NAFTA (North American Free Trade Agreement) Abkommen war nicht Ursache sondern Anlass zur Rebellion. 71 Jahre institutionalisierte Revolution
Mexiko wurde seit 1929 kontinuierlich von einer Partei, der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) regiert.
Sie verbindet allerdings wenig mit ihrem Namen oder den Zielen der mexikanischen Revolution von 1910. Wahlbetrug und polizeistaatliche Methoden sicherten bis ins letzte Jahr der angeblich demokratischen Partei die Aufrechterhaltung ihrer Diktatur. So formierten sich Anfang der 80er Jahre kleine Gruppen linker Intellektueller und bauten inmitten des lacandonischen Dschungels eine Guerilla mit dem Ziel der politischen Umgestaltung auf. Aus den anfangs marxistischen Dogmatikern wurden liberale Demokraten, die sich für die Rechte der armen und unterdrückten Indígenas einsetzen. Bauern gegen Großgrundbesitzer Die gewährten ihnen nämlich ebenfalls Hilfe beim Aufbau der Milizen und dem Überleben im Urwald. Die Mehrheit der Zapatisten, die ihren Namen von dem ermordeten Bauernführer Emiliano Zapata entlehnen, ist heute indianischen Ursprungs. Bemerkenswert ist auch die starke Partizipation der Frauen, die circa ein Drittel der EZLN, der zapatistischen Befreiungsarmee, stellen.
Neben der elitären Herrschaft sehen sich die Bauern der Willkür lokaler weißer Großgrundbesitzer und ihrer Schutztruppen, den „guardias blancas" ausgesetzt, so gehören Vertreibung und Gewalt zum Alltag der indianischen Mexikaner. Obwohl reich an Ressourcen lebt die Mehrheit der Chiapaneken in größter Armut, Gesundheits- und Bildungssystem sind praktisch nicht existent. Wie so oft geht es deshalb auch in Chiapas um Land, Rechte und Autonomie. Mit Che Guevara ein T-Shirt teilen Nach dem Waffenstillstand 1994 kam es mehrfach zu Friedensverhandlungen, die jedoch bisher alle scheiterten. Als man sich 1996 in im sogenannten „San Andrés Abkommen " auf eine verfassungsmäßige Anerkennung indianischer Rechte einigte und den Provinzen weitgehende Autonomie zugestand, schien der Durchbruch geschafft. Doch dieses Abkommen hätte den Behörden den Zugriff auf die vielen Bodenschätze entzogen, deshalb wurde es nie umgesetzt. Wer glaubt, seit 94 hätte es keine Übergriffe auf die Zapatisten gegeben, der irrt. So wurden 1997 im Massaker von Acteal 45 Anhänger, Frauen und Kinder, während einer Messe abgeschlachtet.
Jedoch kam es nicht mehr zu groß angelegten Offensiven, was in erster Linie mit der Öffentlichkeitsarbeit der EZLN zu erklären ist.
Im Internet werden weltweit Kontakte mit anderen, zu meist linken, Sympathisanten gepflegt, eine eigene Homepage informiert über neuste Entwicklungen und die ohnehin schon interessierte Weltpresse wird zu Kundgebungen geladen. Ein besonderes Event war die „Zapata-Tour" im Frühjahr, bei der man mit dem Bus durch 36 Städte fuhr und erfolgreich versuchte eine nationale Anhängerschaft zu mobilisieren. Auch die internationale Presse und einige Prominente ließen sich die Reden der 24 Delegierten , die im Übrigen unbewaffnet erschienen, nicht entgehen. Hierbei profilierte sich besonders der Pressesprecher der EZLN, Subcommandante Marcos. Mit seinen poetischen Texten, der charakteristischen Pfeife und einer stets das Gesicht verhüllenden Skimaske verlieh der ehemalige Universitätsdozent Sebastien Guyenne, der Bewegung ein Gesicht. Plakate Fahnen und T-Shirts zeigen ihn neben Che Guevara, feiern Ihn als Befreier der Unterdrückten. Marcos, ein Mestize, beansprucht jedoch (zumindest offiziell) keine Führungsrolle sondern versteht sich nur als Exekutivorgan der von der Basis plebiszitär getroffenen Entscheidungen.
In 15 Minuten Frieden Eine dieser Entscheidungen fordert die Freilassung inhaftierter Zapatisten, die Anerkennung der San Andrés Beschlüsse sowie die symbolische Schließung von sieben der 256 Militärbasen in Chiapas. Dies sind die drei Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche mit der Regierung. Die haben seit Juli 2000 Präsident Vincente Fox und seine rechtsgerichtete PAN (Partido de la Acción Nacional) inne. Der historische Regierungswechsel ist nicht zuletzt eine Folge der Chiapaserhebung , und so versprach der als liberal geltende Fox er werde den Konflikt mit den Indígenas binnen einer Viertelstunde gelöst haben. Marcos, der den Regierungswechsel begrüßte, blieb misstrauisch und beharrte auf den drei Voraussetzungen zur Wiederaufnahme der Gespräche. Zurecht: Man schloss vier der geforderten sieben Basen, und verlangte zugleich Konzessionen der EZLN. Der Vorschlag zur Verfassungsänderung, der den Indianergemeinden Autonomie in Verwaltung von Boden und Ressourcen zugestehen sollte, wurde durch den Senat derart abgeschwächt, dass die Zapatisten zu Protesten aufriefen. Dabei bezeichnen Konservative und PRI Anhänger die geplante Änderung als zu weitgehend. Man sieht wohl die alte "Ordnung" gefährdet. Fox, der vor allem den wirtschaftlichen Anschluss sucht, wird jedoch eine Lösung finden müssen. Denn die EZLN- Bewegung stößt gerade in den nordamerikanischen und europäischen (also den ökonomisch wichtigsten) Demokratien auf Sympathie. Nebenbei sei hier das skandalöse Memorandum einer Manhattaner Bank vom Februar 1996 erwähnt, das der PRI die Niederschlagung der Zapatisten „empfahl". Man hüte sich also in „Schwarz-Weiß" Kategorien zu denken. So sind die Bemühungen des Präsidenten durchaus lobenswert, beachtet man den Widerstand der noch immer in Kongress und Ländern präsenten PRI. Eine Chance für den Frieden ist das neue Gesetz nicht, aber es ist ein Anfang. Man wird sehen was die Zukunft bereithält. Bild: Copyright liegt bei Centro de Medios Independientes, Chiapas
E-mail: redaktion@e-politik.de
Weiterführende Links:
Centro de Medios Independientes, Chiapas: http://chiapas.indymedia.org/
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