e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1237 )


Kabarett - Aktuelle CDs

Serdar Somuncu

Mein Kampf - jetzt auch auf CD

Autor :  Thomas Bauer
E-mail: redaktion@e-politik.de

Immer wenn sich der türkische Schauspieler Serdar Somuncu mit seiner Lesung aus "Mein Kampf" ankündigt hatte, gerieten Deutschlands Gemeinden in helle Aufregung. Darf man über dieses Buch lachen - oder gar eine CD daraus machen? Thomas Bauer meint ja.


Über 700 Auftritte an Schulen, in Theatern oder an NS-Gedenkstätten hat der von der taz als "Mann des Jahres 1996" Gefeierte bereits hinter sich. Viele Gemeinden verwehrten ihm die Lesung, zum Teil aus fadenscheinigen Gründen. Egal, ob die PDS in Schwerin, oder die CSU in Ingolstadt, die Redeführer gegen diese Aufführung schienen nach Ansicht Somuncus selbst dem Wahn um "des Führers Buch" verfallen. Die umstrittene Lesung wurde nun als CD veröffentlicht. Ein Livemitschnitt eines Vortrags Somuncus in Köln vom 11. November 2000. Um es vorweg zu nehmen, die CD hält, was der Auftritt verspricht. Serdar Somuncu gelingt es, unter Verzicht auf jede Art von Klamauk, den Mythos "Mein Kampf" in seine Bestandteile zu zerlegen.

Verkrampftes Deutschlands

Den Inhalt des Buches gibt Somuncu abschnittsweise und durch einige wohlüberlegte Beispiele wieder. Der Schwerpunkt der Lesung liegt dann aber eher in der Information über die Entstehungsgeschichte von "Mein Kampf", das Verbot des Buches in Deutschland und darüber, wie leicht man es umgehen kann. Denn Kauf und Verkauf sind verboten, der Besitz jedoch nicht, was sich durch das Internet auch nicht vermeiden lassen würde. Genügend Internetseiten, hauptsächlich aus den USA, stellten die vollständige Version zum Herunterladen und Ausdrucken bereit. Ein Verbot des Buches sei deshalb sinnlos und nach Ansicht von Somuncu noch dazu kontraproduktiv. Letzteres, weil das enorme Interesse an diesem Buch nur mit fehlender Kenntnis der Inhalte dieses Machwerkes zu erklären sei. Denn wer einmal einen Blick in "Mein Kampf" geworfen habe, der sei meist schnell vom Mythos geheilt.

Lachen über Hitler - Ist das erlaubt?

Der Spaßfaktor "Hitler" ist schon seit geraumer Zeit umstritten. Darf man über Hitler und seine Äußerungen lachen? Darf man über jemanden lachen, der zum Inbegriff des Völkermordes an 6 Millionen Juden geworden ist? Man muss. Die CD und ihr ungeschönter Live-Charakter lassen einem keine Wahl. Die Absurdität von "Mein Kampf", sowohl in Inhalt als auch Umfeld, wird von Somuncu fantastisch in Szene gesetzt. Ein Umstand hilft ihm dabei. Hitler war beim Diktieren des Buches immer wieder in einen unaufhaltsamen Redeschwall verfallen. Das Ergebnis: Unzählige, sinnlose Bandwurmsätze, unlogische Vergleiche zwischen der "Gesinnung von Füchsen" und dem "rassischen Fortpflanzungstrieb einer Feldmaus", gepaart mit schweren grammatikalischen Fehlern und Sätzen, die urplötzlich im Nichts enden. Rudolf Hess war mit dem Tippen nicht mehr nachgekommen, Hitler sprach zu schnell.

Kein Klamauk, sondern Anklage und Information

Die Lesung vermittelt nicht den Eindruck einer Blödelshow, sondern vielmehr einer satirischen Aufklärungskampagne, deren Spaßgehalt nicht erfunden ist, sondern einfach aus dem Faktenmaterial herausgefiltert wurde. Wer sich einmal mehr über "Mein Kampf" und den versteiften Umgang mit diesem Buch informieren möchte, sollte sich die CD besorgen. 74 Minuten, die mehr zur Aufklärung über Nationalsozialismus, "Führer" und Komplexe im Umgang damit vermitteln, als Guido Knopp es je erreichen wird.

Interpret: Serdar Somuncu
Titel: Serdar Somuncu liest aus dem Tagebuch eines Massenmörders - Mein Kampf.
Label: WortArt
Veröffentlichung: 1.05.2001
Stil: dramatisierte, kommentierte, satirische Lesung

Foto: Copyright liegt bei Wortart Verlag



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   Homepage des Wortart Verlages





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