e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1228 )


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Cover des SPIEGELS 19/2001

Der Abschiedsbrief

Autor :  e-politik.de Gastautor
E-mail: redaktion@e-politik.de

Menschen verändern sich und mit ihnen auch ihre Dinge. Irgendwann merkt man, dass man nicht mehr zusammen passt. Das Verhältnis ist zerrüttet, es bleibt nur noch die Trennung. e-politik.de-Gastautor Gerald Hensel hat soeben den SPIEGEL gekündigt.


Lieber Spiegel,

es ist nicht einfach, sich einzugestehen, dass man sich verändert. Das Leben ist halt eine komplexe Sache. So trottet man vor sich hin, tut das was alle tun: arbeiten, feiern oder fernsehen und bildet sich die ganze Zeit ein, dass alles in Ordnung ist. Dass man glücklich über diesen Zustand innerer Aufgegebenheit ist, über diese hemmungslose und unverschämte Leere, die man nur noch hinausbrüllen möchte, so man denn noch genug Kraft zum Atmen hätte.
Und deshalb muss ich Dir heute sagen:

ES IST AUS.

Der Brief ist eingeworfen, die Koffer sind gepackt. Ich bin gespannt, ob du überhaupt merkst, dass ich weg bin.
Der Ritter in der weißen Rüstung warst du für mich. Der Traumprinz. Ernsthaft, seriös, aber immer hochintelligent und ein wunderbarer Unterhalter. Die großen Dinge in der Welt waren Dein Metier. Politik, Ästhetik, Ethik und viele andere Dinge, die alle auch auf -ik endeten. Doch irgendwann fühltest du dich plötzlich nicht mehr wohl. Ich glaube, es war, als der Nachbar aus München nebenan einzog. Hatte zwar nicht viel im Kopf, war aber immer blendend gekleidet und sehr charmant, der Junge. Und langsam merkte ich eine Veränderung, die mit dir vorging.

Wie stolz war ich immer, dass wir, trotz unserer langjährigen Beziehung, nicht in Schweigen verfielen oder uns über Plattitüden austauschten. Wie froh war ich immer, wenn ich mich mit dir auseinander setzen konnte. Und dann war plötzlich alles vorbei, als du anfingst, dich mit den leichten Dingen dieser Welt auseinander zusetzen. Manchmal wurdest du mir sogar peinlich. Immer dann, wenn du auf die Straße gingst und Menschen beschuldigtest, der Generation X, Y, über 40, unter 40, Mitte 40, @, Fun oder sonst was anzugehören. Dann schämte ich mich für dich.
Früher hatten wir doch die gleichen Interessen, lieber Spiegel. Aber warum interessierst Du dich denn nicht mehr für Politik. Statt dessen höre ich unendliche Monologe über Traumgewicht, Pubertät, BigBrother und Jenny Elvers. Weißt du noch? In den Sechzigern warst du ein Public Enemy. Der Staatsfeind Nummer eins, auf dessen Hamburger Hauptquartier mindestens drei amerikanische Titan-Atomraketen programmiert waren. Das ist mittlerweile wohl nicht mehr so, oder?

Aber das traurigste an allem ist Dein Zynismus. Früher mochte man dich, wegen Deines spröden, unangreifbaren, nordischen Humor. Doch Zynismus ist nur so lange unterhaltend, wie dein Konversationspartner der Meinung ist, dass du moralisch erhaben und ethisch unangreifbar über den Themen deiner Wahl schwebst. Auch dies ist schon lange nicht mehr so, denn Zynismus funktioniert nicht um des Zynismus willen. Ich brauche keine Konversation mit Dir, um mich über Dieter Bohlen lustig zu machen. Das kann ich alleine. Ich brauche auch keine ellenlangen Berichte über El Arenal, Promis und populärwissenschaftliche Einfallslosigkeiten. Ich will Themen.

Nur ein Beispiel, lieber Spiegel. Seit knapp einem dreiviertel Jahr herrscht wieder Krieg im heiligen Land, du wirst es vielleicht mitbekommen haben. Bis heute hast du dafür nur einen mittelmäßigen Leitartikel übrig gehabt. Dafür schmückst du dich mit seitenlangen Dokumentationen über "Hitlers langen Schatten", und lässt Berlin mit überlebensgroßen Führergedenkplakaten zukleben. Da fühlen sich dann auch mal unsere nichtdeutschsprechenden Nachbarn auf den Schlips getreten.

Und deshalb sehe ich momentan keine Zukunft mehr für uns. Mein Abo ist abbestellt.

In Trauer, Gerald

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