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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1494 )Der streikende Professor Autor : Alexander Lahl, Thomas Mehlhausen Ende November 2001
streikten Professoren der Freien Universität Berlin gegen den
Afghanistan-Krieg und eine deutsche Beteiligung daran. Unter ihnen war auch
Wolf-Dieter Narr. Ein Interview von Thomas
Mehlhausen und Alexander Lahl. e-politik.de: Herr Narr, am 20. und 21.11. streikten Sie zusammen mit anderen Professoren der FU, indem Sie ihre Lehrveranstaltungen ausfallen ließen. Was waren Grund und Ziel dieser Aktion? Wolf-Dieter Narr: Wir haben nicht gestreikt im üblichen Sinne, sondern wir haben unsere Lehrveranstaltungen umfunktioniert. Das heißt, wir waren durchaus in der Uni
und haben mit den Studenten diskutiert, aber nicht den normalen Lehrinhalt,
sondern über das, weswegen wir die Arbeit niedergelegt haben, nämlich wegen des
durch die BRD unterstützten Krieges gegen den Terrorismus und speziell gegen
Afghanistan, der eine qualitative Schwelle überschritten hat. Wir glauben, dass
die den USA von Bundesregierung und Parlament zugesagte Solidarität weder mit
sinnvoller Solidarität noch mit Verantwortungsbewusstsein zu tun hat. e-politik.de: Wie begegnen sie den drei der häufigsten
genannten Argumente für einen militärischen Einsatz der Bundeswehr: Erstens dem
juristischen Argument des Verteidigungsfalls der NATO, zweitens dem
historisch-komparativen Argument des zögerlichen Verhaltens der Alliierten in
den 30er Jahren gegenüber Hitler und drittens dem moralischen Argument des
menschenverachtenden Regimes der Taliban? Wolf-Dieter Narr: Das juristische Argument würde gelten, wenn einer der NATO-Staaten in
irgendeiner Weise direkt angegriffen worden wäre. Aber das ist doch kein
Kriegs- oder Verteidigungsfall. Die juristische Argumentation ist genau die
gegenteilige: Gegen Terrorismus führt man keinen Krieg, sondern unternimmt
irgendwelche Arten von nationaler und internationaler antikriminalistischer
Aktion. Die NATO hat schon ihre "höflingshafte Solidarität" mit den USA
erklärt, bevor man auch nur in etwa die Bedeutung dieser Zusage abschätzen
konnte. Insofern haben die NATO-Staaten bestenfalls fahrlässig entschieden,
schlimmstenfalls haben sie gegen alle Formen von internationalem Recht
verstoßen. e-politik.de: Aber die Wehrhaftigkeit von Demokratien gegen
terroristische Angriffe ist doch generell notwendig. Welche Alternativen zum
Krieg als Mittel gegen den internationalen Terrorismus sehen Sie? Wolf-Dieter Narr: Das Problem ist, dass alle sogenannten Alternativen verlangten, dass
diejenigen, die gegenwärtig herrschen, die Einsicht haben müssten, dass ihre
Art von Herrschaft mittel- und langfristig nicht diejenige ist, die das 21.
Jahrhundert gewaltfreier macht. Wenn man nämlich das Ziel hat, den Gewaltpegel
zu senken, dann darf kein Kapitalismus betrieben werden, der permanent neue
Ungleichheit aufbaut, wie es gegenwärtig der Fall ist. Schlimm, was in New York
und Washington passiert ist, aber umso schlimmer ist es, dass die Leute nicht
aufwachen und versuchen zu verhindern, dass weltweit Menschen krepieren und
nicht einmal die Minima aller Menschenrechte gewahrt werden, von Integrität,
Freizügigkeit, Meinungsfreiheit und all diesem schönen Kram ganz zu schweigen.
Langfristig heißt das also nicht Krieg sondern die bereits angespochenen
ökonomischen Maßnahmen. e-politik.de: Aber das Problem besteht doch darin, dass das
investierte Geld meist nicht bei den Hilfsbedürftigen ankommt sondern bei den
Herrschenden, also die Strukturen nicht verändert, sondern eher noch gestärkt
werden. Wolf-Dieter Narr: Klar ist, so peinlich das menschenrechtlich gesprochen ist, dass man
nicht kurzfristig eine Situation ohne Ungerechtigkeit und Leiden schaffen kann.
Es gibt keinen "goldenen Weg". Aber sicher ist, dass viele Dinge nicht zu tun
sind, z.B. eine neoliberale Strategie zu betreiben, die "marktwirtschaftliche"
Formen überall dort installieren will, wo es den eigenen Interessen dient.
Wichtig ist, dass durch internationale Kooperation die Situation gebessert
wird, aber nicht durch die wunderbaren Helfer, auch nicht die NGOs, sondern
durch Gruppen im Land, denn sonst zerstört man deren Selbständigkeit. Alle
möglichen Afghanistankonferenzen können sinnvoll oder wichtig sein, aber es
muss darauf geachtet werden, dass die Gruppen nicht nur Puppen sind, dass in
der Tat die Taliban mit dabei sind, ob die mir nun sympathisch sind oder nicht.
Ich muss dann also menschenrechtliche Realpolitik betreiben. e-politik.de: Wie bekämpfe ich aber kurzfristig Terrorismus? Wolf-Dieter Narr: Zunächst können sie nicht mit der Terrorismus-Pauschale argumentieren.
Das ist ein Zack-Begriff - da können sie alles reinstecken, was ihnen passt.
Zuerst muss nachgewiesen werden, dass Herr bin Laden und seine Gruppe für den
Anschlag vom 11.9. verantwortlich sind. Und dann ist es natürlich sinnvoll,
dieser Leute habhaft zu werden. Aber was macht man denn mit denen? Hinrichten?
Hat davon jemand etwas? Der Strafgesichtspunkt spielt nur eine unwichtige
Rolle. Jemanden zu bestrafen, ist nur zweckmäßig, wenn ich die Situation dadurch
verbessere, also z.B. die Wiederholung ausschließe. Wenn es nur um die Bestrafung
selbst geht und diese ungeheuer kostspielig ist, dann bestrafe ich mich dabei
selber. Man muss also ein Mittel finden, bei dem die Kosten der Bekämpfung der
Täter nicht den Nutzen übersteigen. Doch das passiert gerade. Die Kosten der
jetzigen Bekämpfung bedeuten, dass weltweit überall gerüstet wird und dass
weltweit neue "Terrorismen" geschaffen werden. e-politik.de: Sie befinden sich im letzten Jahr ihrer
Lehrtätigkeit. Welche Forderungen stellen Sie an Ihre jüngeren Kollegen? Wolf-Dieter Narr: Von einem Professor muss verlangt werden, dass er sich entsprechend der
Aufklärungsdefinition von Kant verhält: Den Mut zu haben, sich seines eigenen
Verstandes zu bedienen. Professoren sollten die Probleme nicht kurzfristig,
sondern mittel- und langfristig angehen und haben die verdammte Pflicht und
Schuldigkeit, diesen Kantschen Mut umzusetzen und dann ab und zu die Stimme zu
erheben. Dass dies nicht der Fall ist, ist eines der größten Probleme der
Universitäten. Die deutschen HochschullehrerInnen sind zu macht- und herrschaftsnahe
und sie haben sich quer durch die Geschichte immer dadurch ausgezeichnet, dass
sie den Kotau vor der herrschenden Politik gemacht haben. Stattdessen müssten
sie eine institutionalisierte Distanz zu ihr haben, damit sie der Gesellschaft
alternative Denkmöglichkeiten geben können. Wolf-Dieter Narr,
geboren 1937 in Schwenningen, lehrt Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut
der Freien Universität Berlin und ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des
Komitees für Grundrechte und Demokratie. Weiterführende Links:
E-mail: redaktion@e-politik.de
Versprochen haben wir uns zunächst einmal gar nichts. Weder ist die Universität blockiert worden noch hat es ein großes Aufsehen in der Öffentlichkeit gegeben. Um ein wirksames Zeichen zu setzen, wären wesentlich mehr HochschullehrerInnen nötig gewesen. So wie die
Universität ist und so wie die HochschullehrerInnen in der Regel sind, ist
leider nichts anderes zu erwarten.
Das historische Argument
ist völlig außerhalb jedes sinnvollen Kontextes. Man zieht falsche Lehren aus
der Geschichte, wenn man die gescheiterte Appeasment-Politik der 30er Jahre
jetzt zum Anlass nimmt, überall den starken Mann zu mimen. Die Konsequenz aus
der Appeasment-Politik wäre, dass man früh mit einer Gesamtpolitik anfängt, die
die Ursachen bekämpft, z.B. weltweit eine Ökonomie zu installieren, die auf
eine erhebliche Umverteilung dringt, so dass anderen Ländern und Menschen die
gleichen Chancen gegeben werden. Ansonsten sind Aggressionen und auch weitere
Kriege vorprogrammiert.
Zum dritten Argument:
Zweifellos kann niemand das Taliban-Regime gutheißen, das nicht einmal die
Minima der Menschenrechte achtet. Aber einen Politikwechsel kann man nicht
erreichen, indem man weitere Tausende von Menschen zur Flucht treibt und tötet.
Außerdem geht es den Amerikanern und den Europäern gar nicht um die
Menschenrechte in Afghanistan - in der Bush-Rede vom 19. September kommen die
Menschenrechte gar nicht vor - sondern primär um westliche Geopolitik und
Geoökonomie, die darauf abzielt, die momentane Ungleichheitsverteilung in den
nächsten Jahrzehnten beizubehalten.
Ich müsste vielmehr
überlegen, wie ich die Täter bzw. Hinterleute zunächst isolieren kann, dann
aber auch möglicherweise zu einer Form des Verhandelns komme. Das ist nicht
schön aber notwendig, damit es möglichst wenig zivile Opfer gibt. Außerdem muss
ich dann fragen, was die Hintergründe dieser Leute sind. Denn - auch wenn es
manchmal schwer zu akzeptieren ist - nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter
sind Menschen. Niemand wird terroristisch geboren, sondern das ist eine
Konstellationsfrage.
Das OSI im Web: http://www.polwiss.fu-berlin.de/
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