e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1341 )


Terroranschlag in den USA - Archiv

Tuscaloosa, Mitte September 2001

Autor :  e-politik.de Gastautor
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Amerika ist ergriffen, auch und gerade in der Provinz. Unser Gastautor Martin Bäumel studiert seit einem Jahr an der University of Alabama Germanistik. Er schildert Eindrücke der vergangenen Wochen.


Tuscaloosa, Alabama ist eine typische amerikanische Stadt – beileibe nicht so groß wie New York, hier leben etwa 120.000 Menschen. Die Mentalität ist dem bayerischen "Mia san mia" nicht unähnlich, mit dem ich gross geworden bin. Nach anfänglichen Bedenken wegen der vielbeschworenen konservativen Einstellung des amerikanischen Südens habe ich mittlerweile erkannt, das alles eigentlich gar nicht so schlimm ist. Zumindest dachte ich das bis zum 11. September. Seitdem wandelt sich meine Einstellung von einem leicht ironischen Lächeln zu permanentem Bauchweh. Die Eindrücke, die ich hier gesammelt habe, geben kein repräsentatives Bild, aber sie vermitteln doch etwas von der alltäglichen Reaktion dieses Landes auf die "terrorist attack", die ihr geschütztes Dasein erschüttert hat.

Amerika wird überleben! – oder?

An jenem Dienstag hatte ich noch überwiegend daran geglaubt, mit vernünftigen Menschen zu tun zu haben. Das erste, was mir dann am Mittwoch am Campus auffiel, war ein Pickup-Truck, der an den Kofferraum ein kleines Ensemble montiert hatte: Eine Puppe mit Palästinensertuch, einer Bombenattrappe - und einer Schlinge um den Hals. Umrahmt wurde das ganze von einer amerikanischen Flagge. Immerhin musste er noch am Mittwoch diese Puppe entfernen. Die Begründung: "Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit, aber das stört den akademischen Prozess."

Ein Bekannter von mir, junger Deutsch-Student von 22 Jahren, den ich bisher für politisch durchaus versiert und intelligent gehalten habe, hat seinen Gefühlen folgendermaßen freien Lauf gelassen: "Am Anfang hatte ich sehr viel Angst, dass mir etwas Schreckliches zustoßen könnte. Aber jetzt weiß ich, dass die USA immer weiterleben werden." Das war allerdings schon am Donnerstag, als nicht, wie vielleicht erwartet, noch mehr Flugzeuge in noch mehr Symbole Amerikas geflogen waren. Konkreter wurde die Angst in den Studentenzitaten der Campus-Zeitung, die am Mittwoch - surprise, surprise - eine große Extraausgabe herausgegeben hatte. Ich zitiere: "Bevor wir uns versehen, werden sie McDonald's bombardieren." Die meisten anderen Zitate beschäftigten sich hauptsächlich mit dem "Zertreten des Gewürms", dem "Ausräuchern" und ähnlichen verbalen Ausfällen, die vom Präsidenten des mächtigsten Landes der Erde hinlänglich bekannt sind. Und auch wenn seine Cowboy-Metaphern bei meinen deutschen Ohren auf Entsetzen und Unverständnis stoßen, seine Landsleute spricht er damit durchaus an. Wie den Studenten in einer meiner Klassen, der von dem gesichtslosen Bösewicht sprach, dem man die Maske herunterreißen muss.

Es scheint die Leute hier schwer zu treffen, dass das Böse nicht so eindeutig identifizierbar ist wie im Kino. Denn wie kann so George Bushs Metapher vom Kampf zwischen Gut und Böse wirken? Übrigens beteiligen sich auch die Kirchen am Aufruf zu diesem Kampf. Es wird sehr viel aus dem Alten Testament zitiert... Damit passt dann auch zusammen, dass 70% der Leute einen Gegenschlag befürworten, auch wenn dabei "Tausende von unschuldigen Zivilisten" getötet werden sollten.

"Wird jetzt Wal-Mart weggebombt?"

Seit Mittwoch fühle ich mich sehr unwohl, wenn ich mich auf Tuscaloosas Straßen begebe. Nicht etwa, weil ich so arabisch aussehen würde (dann hätte ich ein ernsthaftes Problem), sondern weil ich Angst davor habe, noch mehr Menschen mit amerikanischen Fahnen an ihren Autos zu sehen, noch mehr Fastfood-Ketten, Autos, Supermärkte mit Schildern wie "God bless America"; vielleicht irgendwann einmal angesprochen zu werden, warum ich denn keine patriotischen Farben trage. Wenigstens um die Fahnen brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen. Die sind in Tuscaloosa ausverkauft.

All die demonstrative Zurschaustellung der eigenen Identität und Macht konnte allerdings nicht verhindern, dass die Menschen Angst bekommen haben. Als ich am Samstag bei Wal-Mart einkaufen war, knackte es auf einmal in den Lautsprechern und ein ohrenbetäubendes Pfeifen setzte ein – Rückkopplung! Hätte in normalen Zeiten kein Mensch darauf geachtet, blieben dieses Mal alle stehen. Und als das Pfeifen andauerte, fragte mich die alte Frau neben mir: "Heißt das jetzt, dass Wal-Mart weggebombt wird?"

Aber natürlich wird Amerika überleben!

Mittlerweile ist die Angst vor einem Untergang des besten Landes der Welt der eindeutigen Haltung gewichen, dass "wir ihnen schon zeigen werden, wer wir sind." Die Aufschriften an den Fastfood-Ketten, die Leuchtschriften der Banken und die aufgemalten Botschaften auf den Autos verlassen immer mehr das "God bless you" und gehen über zu "United we stand" oder "Let freedom win". Es mehren sich Äußerungen wie "Wir können nicht verlieren, denn wir sind Gottes eigenes Land." Und obwohl ich dachte, ich hätte mich an all den martialischen Gestus gewöhnt, erstaunen mich die Menschen um mich doch immer wieder. Das große Einkaufszentrum in Tuscaloosa hat einen kleinen Park, in dem schon immer einige Kriegsgeräte ausgestellt sind: ein Flugzeug, zwei Panzer, mehrere Geschütze. Seit Montag dieser Woche ist dieses ansprechende Ensemble umrahmt von etwa 80 amerikanischen Flaggen.

Die Kriegsbereitschaft ist natürlich sehr hoch, die endlich wieder gewonnene Einigkeit des ganzen Volkes angesichts dieser Tragödie wird immer wieder hervorgehoben. Doch es gibt auch andere Stimmen, wie die der Putzfrau meiner Professorin. Die Putzfrau ist eine Schwarze, und sie hat gesagt: "Wisst ihr, alle wollen jetzt den Krieg. Und wer wird sterben? Die Schwarzen und die Armen."

Die schwierige Suche nach den Bösen

Am Freitag nach dem Attentat hat hier am Campus eine Andacht stattgefunden, organisiert von der African American Student Association. Ich habe mich daran beteiligt, hauptsächlich weil ich darum gebeten wurde, die arabischen Studenten zu begleiten die dieser Andacht beiwohnen wollten. Die Übergriffe auf Araber - oder diese unglücklichen Menschen, die arabisch aussehen – hatten auch in Tuscaloosa schon beunruhigende Ausmasse angenommen. Erschossen wurde zwar noch keiner, aber Drohanrufe und verbale Ausfälle am Campus nahmen zu.

Auf dieser Andacht sprach das Oberhaupt der muslimischen Gemeinde in Tuscaloosa, um Stellung zu nehmen und um zu sagen, dass die Muslime der Stadt genauso mit den Menschen in New York und Washington mitfühlen wie alle anderen. Und dann hat er den bemerkenswerten Satz gesagt: "Wissen Sie, ich bin Amerikaner. Ich kam vor 25 Jahren in dieses Land, weil es mir Freiheiten bot, die ich zuhause nicht hatte. In diesen 25 Jahren habe ich Englisch gelernt. Noch immer habe ich einen leichten Akzent, aber ich habe längst vergessen, dass ich ihn habe. Seit Dienstag werde ich wieder daran erinnert."

Intelligente und erhellende Worte, die auch Zustimmung fanden unter den Zuhörern. Genauso wie die Worte der amerikanischen Studentin, die sagte "Ich bin mit amerikanischen Werten erzogen worden. Und bis heute dachte ich, Toleranz sei einer davon." Auch der Rektor der Uni sprach in seiner Rede lange über die Übereinstimmungen der Religionen und darüber, dass Krieg und Gewalt keine Antwort auf Krieg und Gewalt sein dürfen.

Doch dann kam leider der Bürgermeister. Er steht vor dem größten Problem in seiner bisherigen Laufbahn, weil er die letzten Wahlen nicht, wie erwartet, überragend gewonnen hatte, sondern im Gegenteil eine Stichwahl gegen seinen stärksten Konkurrenten überstehen muss. Und deshalb hat er gesagt: "Die Ereignisse vom Dienstag erinnern mich an meine Zeit als Soldat. Ich kann mich erinnern, was für ein schwerer Schock Pearl Harbour war. Zuerst wusste niemand, wie er darauf reagieren soll. Aber dann wurde mir klar, dass man dieses Böse, das uns damals angegriffen hatte, mit allen Mitteln bekämpfen und vernichten muss. Diese Motivation hat mir in der schweren Zeit des Krieges viel geholfen. Und so hoffe ich, dass auch dieser Dienstag der Anlass sein wird, das Böse endlich zu suchen und zu vernichten. Das sind wir den Menschen schuldig." Selbstverständlich ist die Pearl-Harbour-Parallele schon längst wieder abgedroschen. Dem Publikum gefällt sie immer noch.

Mehr und mehr Redner (es waren insgesamt zwölf) haben in die Worte des Bürgermeisters eingestimmt, Rache gefordert, Einigkeit gepriesen, Gott um Beistand gebeten im Kampf.

Es wurde spät, und somit Zeit, die Kerzen anzuzünden, die vor der Andacht ausgeteilt wurden. Dann trat der Chor der African American Association auf die Bühne und stimmte ein Lied an, in das fast alle Versammelten einstimmten: "I’m proud to be American" - Kerzen wurden gehalten, viele Fahnen wurden geschwenkt, einige Leute mussten sogar weinen.

Die Linke in Tuscaloosa

Natürlich gibt es auch in Tuscaloosa viele Menschen, die Krieg als eine falsche Antwort ansehen. Vor allem in den Fakultäten für Fremdsprachen und Kulturwissenschaften gibt es viele, die nach den Gründen für das Attentat suchen und dabei durchaus auch auf Seiten der USA fündig werden. Das Public Radio brachte eine zweistündige Dokumentation über die Entwicklung in Afghanistan, Pakistan, Iran seit den 80er Jahren. Die Graduate Student Association hatte ein Treffen zu den Hintergründen der USA-Politik im Nahen Osten. Doch wie überall hören und sehen das natürlich nur die Leute, die immer schon der Meinung waren, dass blindes Zuschlagen nicht helfen wird.

Martin Bäumel studiert Germanistik für den Master's Degree an der University of Alabama in Tuscaloosa.

Zum Dossier über die Terroranschläge in den USA





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