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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1950 )Tango Mortale Autor : e-politik.de Gastautor Die argentinische Misere scheint ein Musterbeispiel für das Versagen der politischen Klasse zu sein. Ihre wahre Ursache liegt aber tiefer: Im Versagen der zivilen Wertegemeinschaft. Von Christian Peters. Wie La Nación, eine der führenden Tageszeitungen Argentiniens, kürzlich berichtete, ist die Anzahl von Kindern, die in den letzten zwölf Monaten in Buenos Aires mit Schußwunden stationär behandelt werden mussten, gegenüber dem Vergleichszeitraum 1996-1997 um 650 Prozent gestiegen. Die Zahl ist noch alarmierender, wenn man bedenkt, dass sich Verletzungen dieser Art früher vor allem durch unsachgemäße Bedienung von Schusswaffen oder während Feierlichkeiten ereigneten. Chronologie der Krise Zerfall der zivilen Werte
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Die neue Statistik führt aber vor allem Kinder auf, die, selbst bewaffnet, bei Konfrontationen mit der Polizei verwundet wurden. Auch die Anzahl der durch Stiche verletzen Minderjährigen, die im Hospital Gutiérrez, der zentralen Kinderklinik von Buenos Aires, registriert werden, hat La Nación zufolge stark zugenommen. Dieser dramatische Anstieg von minderjährigen Gewaltopfern wird einerseits darauf zurückgeführt, dass die Delinquenten immer jünger werden - andererseits zeigt er aber auch, dass die Gewaltbereitschaft innerhalb der Bevölkerung gestiegen ist.
La Nación gelangt daher zu dem deprimierenden Schluss: "Weite Teile unserer Gesellschaft zeigen bereits eine kritische Missachtung der ethischen und moralischen Werte."
Am 19. Dezember 2001 traten Präsident de la Rúa und sein Wirtschaftsminister Cavallo zurück. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu vier Regierungswechseln, bis der Peronist Eduardo Duhalde am 1. Januar 2002 Chef einer Übergangsregierung wurde, die bis zu Neuwahlen am 25. Mai 2003 im Amt bleiben soll. Wegen der anhaltenden Kapitalflucht war eine der ersten Amtshandlungen von Duhalde die Aufhebung der Peso-Dollar-Parität (1 Peso entspricht 1 US-Dollar), die seit 1991 die Hyperinflation im Land in Schach gehalten hatte. Die Freigabe der Währung bewirkte eine massive Abwertung des Peso - 73 Prozent bis heute. Die Menschen verloren einen Großteil ihres Ersparten, Armut und Hunger machten sich breit.
Dennoch greift es zu kurz, nach dem Motto der Demonstranten "Que se vayan todos" ("Sie sollen alle abhauen") allein die üblichen Verdächtigen ins Visier zu nehmen.
Es ist die argentinische Gesellschaft selbst, die verhindert, dass die hoch industrialisierte und mit natürlichen Ressourcen gesegnete Heimat zu sich selbst findet. Bis heute ist es nicht gelungen, einen Kanon von zivilen Werten zu etablieren, dem sich die Menschen verpflichtet fühlen. Das Konzept der res publica ist weitgehend unbekannt, der Einzelne handelt fast ausschließlich nach Maßgabe des eigenen Wohlergehens. Gewiss hat die politische Korruption dem Land enorm geschadet - aber auch viele normale Bürger scheinen sich gerade diejenigen als Vorbilder gewählt zu haben, die sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichern.
So schätzte der Chef-Berater des früheren Wirtschaftsministers Cavallo, Horacio Liendo, dass Argentinien jährlich allein neun Milliarden Peso durch Steuerhinterziehung verlorengehen. Schuld daran sind die 5,2 Millionen Schwarzarbeiter und der argentinische "Volkssport", bei geschäftlichen Transaktionen auf Rechnungen zu verzichten, um zumindest die Mehrwertsteuer zu sparen.
Genau genommen gibt es nur drei Dinge, auf die alle Argentinier gleichermaßen schwören und die so etwas wie ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen können: Der Tango, das argentinische Rindfleisch und der Fußball, genauer gesagt: Diego Armando Maradona. Das frühe Ausscheiden bei der WM 2002 war eine nationale Tragödie, auch deshalb, weil man gegen England unterlag, das Land, das 1982 im Falkland-Krieg die argentinischen Streitkräfte gedemütigt hatte.
Lesen Sie auch den 2. Teil der Analyse von Christian Peters über die Konsequenzen und Perspektiven der Krise in Argentinien
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