e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 2153 )


Das Politische Buch - Biografien / Erinnerungen

Sibylle Krause-Burger - selten opportunistisch immer zeitkritisch

Toleranz muss da aufhören, wo der Fanatismus anderer beginnt

Autor :  Markus Kink
E-mail: redaktion@e-politik.de

Manchmal provokant, manchmal unbequem, selten opportunistisch, immer auf den Punkt. Nicht umsonst zählt Sibylle Krause-Burger zu den hochdekorierten Journalisten Deutschlands. Markus Kink hat sie interviewt.


Im zweiten Teil des Interviews spricht Sibylle Krause-Burger über ihr jüngstes Buch "Schau ich auf Deutschland". Sie erzählt über ihre Einstellung zu Provokation, warum die Deutschen von ihren Neurosen nicht loskommen und gewährt einen kurzen Blick auf ihre publizistischen Pläne.

e-politik.de: In Ihrem Buch "Schau ich auf Deutschland" vertreten Sie oft unpopuläre Meinungen. Lieben Sie es, den Leser zu provozieren?

Krause-Burger: Ich bin nicht provozierend, um zu provozieren. Ich denke nur, dass viele Leute sich ihre Meinungsbildung zu leicht machen.

e-politik.de: Wie im Falle des Streits um das Kopftuch einer islamischen Lehrkraft?

Krause-Burger: Man schaut schnell hin, denkt sich, ja warum sollen die Leute denn nicht mit Kopftuch rumlaufen. Nur, in diesem Kopftuchstreit geht es um öffentliche und staatliche Schulen. In so einer Einrichtung kann eine Lehrerin nicht für Diskriminierung eintreten: dass Frauen sich nicht zeigen dürfen, sich verhüllen müssen, dass sie dem Manne dienen, nicht schwimmen gehen dürfen, sich zuhause unterwerfen sollen, dass sie nur dazu da sind, einem Mann zu gehören, der sie auspacken und anschauen darf, aber draußen als Großmutter durch die Gegend laufen müssen, obwohl sie erst 18 sind, und so weiter. Das alles symbolisiert das Kopftuch. Inzwischen haben höchste Gerichte das ja bestätigt und ich war von Anfang an der Meinung, dass so etwas mit unserer Verfassung nicht vereinbar ist. Manche hantieren dann mit dem Begriff "liberal", aber Liberalität gegenüber denen, die Liberalität bekämpfen wollen, ist der falsche Weg. Ich wollte nicht provozieren, ich hab mir nur die Mühe gemacht darüber nachzudenken.

e-politik.de: Diese Diskussion, so wie sie stattfand, war so gesehen eng verbunden mit der "deutschen Anständigkeit", der Sie ein ganzes Kapitel widmen.

Krause-Burger: Ja und Nein. Dieser falsche Begriff von Liberalität ist, glaube ich, nicht auf Deutschland beschränkt. Er hat vielleicht etwas mit den Erfahrungen zu tun, die Europa mit dem Nationalsozialismus und anderen autoritären und totalitären Ideologien gemacht hat: ‚Dort ist alles verboten worden und wir erlauben nun alles.' Man muss gründlich nachdenken und nach dem Rezept verfahren: Wir erlauben alles, was mit unserer liberalen, toleranten Verfassung im Einklang steht.' Ich sag's jetzt mal extrem: Wir können nicht die Todesstrafe verbieten und allen Gruppen, die sich für die Todesstrafe stark machen das Feld überlassen. Das ist ein falscher Begriff von Liberalität. Toleranz muss da aufhören, wo der Fanatismus anderer beginnt.

e-politik.de: Sie beschreiben im Buch recht anschaulich die Deutsche Neurose, die sich Deutschland mit den Erfahrungen der NS-Zeit zugezogen hat. Mittlerweile ist die zweite Nachkriegsgeneration erwachsen und noch immer bestimmt das Thema oftmals die öffentliche Debatte(Bush-Hitler Vergleich, Antisemitismus- Streit, Judenstern-Vergleich, etc.). Ist diese Erfahrung so tief im Volksbewusstsein verankert?

Krause-Burger: Ja, das glaube ich schon. Sehen Sie, Deutschland, vor dem ersten Weltkrieg, war ein fortschrittliches Land, sowohl was wissenschaftliche und kulturelle Aspekte betraf, aber auch in der Toleranz gegen die Juden. Politisch war es zwar ein wenig rückständig, aber das Kaiserreich war kein totalitäres, sondern ein autoritäres Regime und im Grunde war es doch schon ein richtiger Rechtsstaat. Mit der technischen und kulturellen Blütezeit Ende des vorletzten Jahrhunderts waren wir sogar auf dem Weg eine der fortschrittlichsten und kreativsten Zivilisationen zu werden. Aber Deutschland ist auch eine verspätete Nation. Erst seit Bismarck gibt es einen einheitlichen Staat. Mit dem Aufschwung des Nationalsozialismus, der auch als Kompensation zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der 1920er Jahre so schnell Fuß fassen konnte, kam dieser Einbruch. Dieser Rückfall in die Barbarei.

e-politik.de: Und was war der Auslöser für die Neurose?

Krause-Burger: Die Menschen konnten sich damals nicht vorstellen, dass so etwas passiert. Wir könnten das in der heutigen Zeit auch nicht, wenn wir nicht um die Ereignisse des 20. Jahrhunderts wüssten. Ich komme aus einer jüdischen Familie. Auch Angehörige von mir sind umgekommen, weil sie das auch nicht glauben konnten, es sich nicht vorstellen konnten. Ich denke das war eine solche Katastrophe für dieses hochzivilisierte und kultivierte Volk, dass so etwas wie der Holocaust geschehen konnte. Dieser Rückfall von einem derartig hohen Grad der zivilisatorischen Entwicklung in viehische und barbarische Zustände hat ein nationales Trauma ausgelost, das uns noch lange beschäftigen wird…

e-politik.de: Müsste das nicht langsam verarbeitet sein?

Krause-Burger: Schon in der Bibel steht, dass Schuld bis ins dritte oder vierte Glied weitergegeben wird und soweit sind wir ja noch lange nicht. Und selbst wenn alle, die es erlebt haben, tot sind, die anderen Nationen werden es niemals vergessen, vor allem wenn ein Rechtsradikaler bei uns etwas macht, das er genauso natürlich auch in anderen Ländern tun würde. Politik in Deutschland ist nicht denkbar, ohne dieses Bewußtsein. Das müssen wir uns vergegenwärtigen. Aber ich finde, wir sollten langsam nicht mehr neurotisch darauf reagieren, sondern gelassen und vernünftig.

e-politik.de: Sie beschreiben in "Schau ich auf Deutschland" auch viele humoristische Vorkommnisse. Ich denke da etwa an die Sache mit Ex-Bahnchef Heinz Dürr, der während eines Vortrages einen "unwichtigeren" Herrn aus der ersten Reihe entfernen ließ um selbst den VIP-Platz zu besetzen. Leider werden solche Anekdoten von Kollegen nur selten veröffentlicht. Warum?

Krause-Burger: Die Kollegen haben keine Zeit. Sie müssen immer dem jeweils Aktuellsten hinterher rennen, das kurz anschauen und gleich rausknallen. Und natürlich passiert einem so etwas hübsches nicht jeden Tag. Es war natürlich ein Glücksfall, dass ich da in Reihe sechs saß, den Heinz Dürr kenne und das aus nächster Nähe beobachten konnte. Das war wirklich wunderbar.

e-politik.de: Haben Sie noch andere Anekdoten aus dieser Kategorie auf Lager?

Krause-Burger: Viele, viele, aber keine, die mir jetzt so spontan einfällt. Ich mache den Job ja seit dreißig Jahren und da erlebt man schon so einiges.

e-politik.de: Sie haben bereits Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Helmut Schmidt, die gesamte Regierung Kohl, die Politiker, die gleich nach der Wende aus dem Osten kamen und zahlreiche Top-Manager aus führenden Unternehmen portraitiert. Wen würden Sie denn gerne noch portraitieren, wer fehlt Ihnen auf Ihrer Liste?

Krause-Burger: Schwierige Frage. Im Moment finde ich Deutschland niemanden so richtig interessant. Aber ich habe etwas vor und das erschient mir das interessanteste im Moment: Ich möchte Helmut Schmidt und Helmut Kohl in ihren Berliner Büros besuchen und mit Ihnen über die aktuelle Entwicklung reden.

e-politik.de: Das wird dann wohl auch Ihr nächstes Buch?

Krause-Burger: Nein. Wenn's klappt, wird's ein Artikel.

e-politik.de: Und ihr nächstes Buch?

Krause-Burger: Das hab ich zwar im Kopf, aber es bringt Unglück, wenn man das zuvor verrät.

e-politik.de: Dann wünschen wir Ihnen viel Glück und vielen Dank für das Gespräch.


zu Teil Eins des Interviews

zur Rezension des Buches "Schau ich auf Deutschland"

zur Rezension des Buches "Marsch durch die Illusionen"


Das Copyright des Fotos liegt bei Noel Tovia Matoff, Hamburg.





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