e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1944 )


Das Politische Buch - Tipp der Woche

Cover des Buches

Wladyslaw Szpilman: Das wunderbare Überleben. Warschauer Erinnerungen 1939 - 1945.

Autor :  Marius Lechler
E-mail: redaktion@e-politik.de

Den erschütternden Bericht einer unglaublichen Überlebensgeschichte legt der polnische Starpianist Wladyslaw Szpilman mit seinen Erinnerungen vor. Marius Lechler hat das Buch gelesen.


Es ist eigentlich eine unerzählbare Geschichte, die der im Jahre 2000 verstorbene Pianist Wladyslaw Szpilman auf etwas mehr über 200 Seiten zu Papier gebracht hat - eine Geschichte des unvorstellbar großen Verlusts, des Terrors und des unendlichen Leidens, aber vor allem eine Geschichte des geradezu wahnwitzigen Glücks, das dem gebürtigen Juden durch die Zeit des Holocausts und des Warschauer Ghettos half und ihn aus der Hölle des Nationalsozialismus lebend entkommen ließ.

Der Starpianist im Ghetto

Szpilmans Erinnerungen beginnen mit dem Beginn der deutschen Besatzung in Polen, die zum ersten Mal das relativ behütete und mit bescheidenem Wohlstand gesegnete Leben des Komponisten und Rundfunkpianisten zu beeinflussen begann. War zuvor das Leben für Juden in Warschau zwar auch nicht gerade leicht, änderte sich im Herbst 1939 einfach alles auf einen Schlag: Das Warschauer Ghetto wird errichtet und der Musiker und seine Familie lernen das Leid kennen, das sich hinter den gerade erst errichteten Mauern verbirgt.

Ein "sachlicher" Bericht - und gerade deshalb so berührend

Szpilman beschreibt dies alles - den beginnenden Hunger, die Menschen, die Ehre und Anstand für einen letzten Rest Reichtum verraten, die Grausamkeit der Deutschen, die täglich steigende Zahl der Toten - mit lakonischer Ironie und beinahe unbeteiligter Distanz. Jedoch nur beinahe - vergisst man als Leser doch in keiner Zeile, dass der Autor selbst Teil dieser Hölle ist, in ihr leben muss und ihr zu entkommen versucht. Der Pianist registriert die Schrecken, die sich ihm jeden Tag von Neuem bieten, sachlich und ohne an seinem eigenen Leid zu ersticken - und gerade diese Leistung inmitten undenkbarer Gräueltaten den Willen zum Leben niemals zu verlieren, macht "Das wunderbare Überleben" so kraftvoll. Als Szpilman immer wieder dem Tod durch schier unglaubliche Begebenheiten entkommen kann, eröffnet sich ihm die Wichtigkeit, einfach nur diesen einen Tag zu überleben - und das jeden Tag aufs neue. Seine gesamte Familie wird nach Ausschwitz abtransportiert - er wird auf dem Bahnsteig von einem Ordner, der ihn erkannte, zu Seite gestoßen. Szpilman kann dem Ghetto entkommen und versteckt sich mit Hilfe befreundeter Polen in zahlreichen konspirativen Häusern - so lange und so erfolgreich, dass dieses "wunderbare Überleben" noch während der Kriegszeit zu einem veritablen Wunder wird.

Das größte Wunder von allen

Auf seiner Odyssee in den verlassenen Ruinen von Warschau in den letzen Tagen des Krieges widerfährt dem Überlebenskünstler, der doch einst ein begnadeter Klavierspieler gewesen war, dann das größte Wunder: In einer verlassenen Villa, in der er nach Essbarem sucht, trifft der Jude Szpilman - ausgemergelt und dem Tode nahe - auf einen deutschen Wehrmachtsoffizier. Dieser jedoch erschießt ihn nicht, sondern lässt ihn, nachdem er den halbverhungerten Flüchtling nach seinem Beruf gefragt hat, auf dem Flügel der ausgebombten Villa ein Klavierkonzert vorspielen - im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben. Schließlich wird es dieser deutsche Offizier sein, der zum endgültigen Retter für den Pianisten wird; er versorgt ihn mit Essen und Kleidung bis zur deutschen Kapitulation.

Ein Zeugnis des Überlebens und seine Transformation

"Das wunderbare Überleben" bewegt den Leser nicht nur als zeitgeschichtliches Dokument des Holocausts, sondern lässt ihn auch teilhaben an den zutiefst persönlichen Erinnerungen eines Mannes, der die Hölle auf Erden auf geradezu abenteuerliche Weise überlebt hat - ein Umstand, der der Geschichte Wladyslaw Szpilmans nun dazu verholfen hat, von Starregisseur Roman Polanski - selbst gebürtiger Pole, Jude und Überlebender des Ghettos - verfilmt zu werden. Die Bilder, die sein Film "Der Pianist" auf die Leinwand bringt, um Szpilmans Aufzeichnungen lebendig werden zu lassen, sind hart, anrührend und kompromisslos ehrlich - einer der besten Filme über den Holocaust seit langem. Gerade diese Visualisierung der Geschichte des jüdischen Pianisten auf der "großen Leinwand" macht sie aber so eindringlich, dass sie gerade auch auf Papier von vielen Lesern neu entdeckt werden sollte.

Zur e-politik.de-Filmrezension: Der Pianist.

Zum Interview mit Adrien Brody, dem Hauptdarsteller im Film Der Pianist.


Wladyslaw Szpilman:
"Das wunderbare Überleben.
Warschauer Erinnerungen 1939 - 1945",
Verlag 1998
240 Seiten, 12,95 Euro,
ISBN: 3-430-18987-X.

Wladyslaw Szpilman:
"Der Pianist. Mein wunderbares Überleben",
Ullstein Verlag 2002,
232 Seiten mit Fotos zum gleichnamigen Film
7,95 Euro,
ISBN: 3-548-36351-2.





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