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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 643 )Berliner Republik - Bleiwüste mit dezentem Cover Autor : Roman Maruhn Berliner Republik ist eine neue Politik-Zeitschrift, die von Nachwuchs-Politikern der SPD herausgegeben wird. e-politik.de hat das Blatt unter die Lupe genommen. Die Titellettern erinnern den Leser eher an die Weimarer Republik - wenngleich es
damals bereits das Bauhaus als progressive Designschmiede gab - aber nicht an eine
dynamische Berliner Republik. Gewöhnungsbedürftig für ein Magazin ist der
sparsame, ja spartanische Gebrauch von Farbe, der aber wiederum bei dem hier
geübten sorgfältigen Einsatz für große Aufmerksamkeit sorgt. Ansonsten herrschen
optische Schwarz-Weiß-Malerei und changierende Grautöne vor. Die Länge der einzelnen Artikel - zwischen zwei und fünf Seiten - entspricht einem
Magazinformat. So schafft es die Berliner Republik verschiedene Themenkomplexe mit
zum Teil großer Perspektivenvielfalt zu behandeln, ohne den Leser zu ermüden. Sprachrohr sozialdemokratischer Vordenker oder Regierungs-Fanzine? Seit dem Rückzug Oskar Lafontaines aus der Bundesregierung beobachtet die
Öffentlichkeit gespannt die Umsetzung des Wahlslogans „Neue Mitte" in reale
Politikinhalte. Die Berliner Republik schafft diesem Unterfangen ein Diskussionsforum
und eine Ideenplattform. Die Macher des Blattes sind zehn jüngere SPD-Bundestagsabgeordnete - nicht
unbedingt „Junge Wilde", sondern eher der personelle und ideologische Unterbau des
„Dritten Weges". Von insgesamt 36 Autoren der ersten Ausgabe des Jahres 2000 sind
knapp zwei Drittel dem Regierungslager direkt oder indirekt zuzuordnen. Was kann
ihre Absicht mit der Berliner Republik sein? Eine nationale Nabelschau oder der
Transport eines neuen Politikstils? Der Inhalt dreht sich im Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe um Deutschlands
Verhältnis mit und seine Stellung in der EU, sowie um die Außenwirkung der
Bundesrepublik unter Gerhard Schröder. In der „Abteilung Politik und Symbole"
werden Zeitfragen in Verbindung mit Persönlichkeiten und beispielhaften Vorgängen
thematisiert. Als Reformwerkstatt betätigt sich der dritte Teil des Magazins, die
„Baustelle Berliner Republik". Die Sozialstaatsdebatte, aber auch der aktuelle
Parteispendenskandal werden hier zum Gegenstand von Denkmodellen. Die Rubrik
„Generationenfragen" dürfte wohl einen inhaltlichen Schwerpunkt darstellen, da der
auch finanzielle Ausgleich zwischen Jung und Alt für die SPD eine Frage der
Zukunftsfähigkeit ist. Einerseits muss sie ihre Stammklientel an sich binden und
andererseits junge Wähler erschließen. In „Dritte Wege" findet die Internationale der
Neuen Mitte ihren Platz. Von der Grundsatzdiskussion über die Reform der
europäischen Sozialdemokratie bis zum Modell „New Labour" lässt sich hier eine
papiergewordene innerparteiliche Diskussion festmachen. Ein umfangreiches, aber auch teures Magazin Berliner Republik ist eine umfassende Zeitschrift, die den programmatischen Ansatz
der alten Parteizeitung Vorwärts wieder stärker artikuliert. Da aber der Ansatz der
„Neuen Mitte" in der SPD umstritten ist, kann die Berliner Republik zur Zeit noch nicht
für die gesamte Sozialdemokratie sprechen. Daher ist das Heft für den
reformorientierten Sozialdemokraten sicherlich eine Pflichtlektüre. Und damit ist auch
alles erklärt: Dieses Heft kann und wird nicht zu einer überparteilichen Lektüre
werden, was zu bedauern ist. Zu sehr haftet ihm der Stallgeruch der Wahlkampagne
von 1998 an. Die breite intellektuelle Öffentlichkeit wird sich scheuen, eine Zeitschrift
zu lesen, die explizit durch ihre Themensetzung große Teile der Gesellschaft
ausschließt und sich verdächtig macht, Partei- und Regierungspolitik zu
transportieren. Gelänge es dem Redaktionsteam, dieses Forum für alle Meinungen
umfassend zu öffnen und modernes Regieren in den Mittelpunkt zu stellen, dann wäre
die Berliner Republik sicherlich ein interessantes Vordenkerblatt und könnte als
solches die deutsche Diskussionskultur beleben. Das ist aber scheinbar nicht die
Absicht der Herausgeber und so wird es wohl beim Sprachrohr des
Modernisiererflügels der SPD bleiben. Ein Grund auf die Zeitschrift verzichten zu können, ist sicherlich der überzogene Preis
von insgesamt 20,-- DM pro Einzelheft. Das ist eindeutig zuviel Geld für 96 Seiten
Kurzartikel, die zu wenige tiefgreifende Hintergrundinformationen und zu viele
Meinungsäußerungen oder Standortbestimmungen anbieten. Bezug:
E-mail: rmaruhn@e-politik.de
Berliner Republik
Einzelheft DM 17,-- + DM 3,-- Porto und Verpackung; Jahresabo (Vier Nummern), DM
60,-- und für Studenten DM 48,--
Berliner vorwärts Verlagsgesellschaft mbH
Stresemannstraße 30
10963 Berlin
Tel.: 030-25594-130
Fax: 030-25594-190
Weitere Informationen:
vorwaerts.abo@customer.inx.de
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