e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 2156 )
Das Politische Buch - Sachbuch
Jürgen Maruhn: 17. Juni 1953 - Der Aufstand für die Demokratie
Autor : Susanne Schulz
E-mail: redaktion@e-politik.de
Eine kurze Sammlung zu den Ereignissen und Hintergründen der Massendemonstrationen des 16. und 17. Juni 1953, lässt - abwechslungsreich zusammengestellt - neun Autoren zu Wort kommen.
"Unter dem Beifall der Bevölkerung in Ost und West sind nun zwei Jugendliche auf das Brandenburger Tor hinaufgestiegen" sendete der Radiosender RIAS am 16. Juni 1953. "Nun geht die rote Fahne runter. Die Demonstranten klatschen. Sie rufen: 'Wir grüßen das freie Berlin.'" Die Euphorie der damaligen Demonstranten und auch derer, die für den RIAS über sie berichteten, schwingt noch heute mit in den Worten der Mitschnitte und Mitschriften.
Der Leser des vorgelegten Buches bekommt die Chance den 16. und 17. Juni 1953 in der DDR aus den Augen verschiedener Zeitzeugen mitzuerleben. Fritz Schenk beispielsweise, damals Mitarbeiter der Staatlichen Plankommission der DDR, liefert eine spannende Innenansicht, wie sich die Ereignisse des 17. Juni in der Plankommission der DDR zeigten. Vom geschichtlich interessierten Laien bis zum sachkundigen Politologen - für jeden ist etwas dabei.
Die drei Hauptaspekte des Juni-Aufstandes
Der Band gliedert sich chronologisch in drei Teile, die drei wesentliche Fragen rund um den 17. Juni aufwerfen und mit verschiedenen Ansätzen beantworten.
Die Frage, warum die Bauarbeiter von der Stalin-Allee und mit ihnen viele andere, auf die Straße gingen und den "Spitzbart" loswerden wollten, beantworten zwei Wissenschaftler und ein Publizist aus ihrer jeweiligen Sicht. Während der Geschichtsprofessor Werner Müller die Rolle der 2. Parteikonferenz der SED 1952 nach Fehlbeschlüssen untersucht, erklärt Torsten Diedrich für den militärischen Laien verständlich, was die massive Aufrüstung der Kasernierten Volkspolizei (KVP) seit 1952 für fatale Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft hatte.
Im zweiten Teil, wo man den Hergang des Aufstandes erwartet hätte, kommt stattdessen der wissenschaftlich Interessierte auf seine Kosten. Man erfährt, was hinter den Kulissen der SED ablief, wie sehr sie von dem Diktum der Sowjetunion abhängig war und wie sich Wirren in der Sowjetführung nach Stalins Tod auf die DDR auswirkten. Nicht umsonst heißt das Kapitel "Die SED-Herrschaft wird entschleiert" und nicht "Was ist eigentlich passiert?".
Im dritten Kapitel wird endlich auch ein aktueller Bezug hergestellt: ein Vergleich der Juni-Revolution 1953 mit der November-Revolution 1989. Die beiden Aufsätze des letzten Teils wollen den 50. Jahrestag genutzt wissen, damit der 17. Juni im deutschen Geschichtsbewusstsein zu neuem Leben erweckt wird und Teil einer deutschen demokratischen Tradition wird.
Eine abwechslungsreiche Mischung
Insgesamt eine gelungene Zusammenstellung, denn sie verbindet Erlebnisberichte mit historischem und wissenschaftlichem Hintergrundwissen. Beispielsweise befasst sich der theoretische Background mit dem Urfehler, der der kommunistischen und sozialistischen Realität von Anfang an anhaftete: Die Schaffung einer "neuen Spaltung der Gesellschaft". Von der Seite der praktischen Beobachtung her berichtet Manfred Wilke, Leiter des Foschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, von dem Werk des jugoslawischen Kommunisten Milovan Djilas "Die neue Klasse", erschienen 1957 in den USA. Djilas kritisierte die Entstehung einer herrschenden Elite in den kommunistischen und sozialistischen Staaten, die durch ihre Spaltung von der Arbeiter- und Bauernklasse keine Legitimation mehr besäße. Von theoretischer Seite her erklärt Ehrhart Neubert, Bereichsleiter bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, das selbe Phänomen mit der französischen Totalitarismusforschung Claude Leforts. Lefort bezeichnet die von der kommunistischen Ideologie mystifizierte Einheit von der Gesellschaft als "Phantasma", welches nur durch Gewalt aufrechterhalten werden könne.
Der Überblick fehlt
Leider bietet der kleine Band keinen einheitlichen Überblick über den Hergang des Aufstandes, der gerade für jüngere Leser wichtig gewesen wäre. Die verschiedenen Einzelaspekte des 17. Juni, die in den Aufsätzen aufgegriffen werden, können so nur mit Vorwissen in einen zusammenhängenden Rahmen eingeordnet werden. Lediglich das zweiseitige Vorwort schlägt einen großen Bogen von der napoleonischen Herrschaft bis zur deutschen Wiedervereinigung 1989, was in einem eigenen Beitrag mehr hätte ausgearbeitet werden sollen.
Trotz der im ganzen informativ zusammengestellten Aufsätze, erschlägt gleich der erste Beitrag den Leser streckenweise mit einer Fülle an Ulbricht-Zitaten, die derart gehäuft weniger Authentizität als Verwirrung erzeugen. Das Phänomen des "Zuviel-Zitierens" taucht noch einmal im Text von Manfred Rexin zum "'Feindsender' RIAS" auf. Hier stört sich der Leser nicht an den vielen Zitaten, dafür aber daran, dass nicht ganz klar ist, was eigentlich die Aussage des Aufsatzes sein soll. Spannend ist es dennoch, weil man das Gefühl hat, einem mehr emotionalen Erinnerungsbericht eines Zeitzeugen zu lauschen.
Jürgen Maruhn (Koordination): 17. Juni 1953 - Der Aufstand für die Demokratie
Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München
Akademie für Politische Bildung, Tutzing
Druck+Verlag Ernst Vögel GmbH, 2003, 1. Auflage
149 Seiten
frei erhältlich bei der Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München
Brienner Str. 41
Zurück zum Dossier
Weiterführende Links:
Bayerische Landeszentrale für Politische Bildung: http://www.km.bayern.de/blz/index2.html
Akademie für Politische Bildung, Tutzing: http://www.apb-tutzing.de/
© 2003 - e-politik.de - Der Artikel ist
ausschließlich zur persönlichen Information bestimmt. Weitergabe an Dritte nur nach
schriftlicher Genehmigung.