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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 719 )Michael H. Kater: Ärzte als Hitlers Helfer Autor : e-politik.de Gastautor Eine Aufarbeitung der Rolle der Ärzte im Dritten Reich verspricht die Studie "Ärzte als Hitlers Helfer" von Michael H. Kater. Ein Anspruch, dem das Buch nach Meinung des Mediziners Bruno Bader nicht gerecht wird. Hans Mommsen bezeichnet Katers Buch in seinem Geleitwort als "Standardwerk für die Sozialgeschichte des Dritten Reiches". Angesichts von 20 Seiten Tabellen und 111 Seiten Fußnoten bei einer Bibliografie von über 900 Büchern und Veröffentlichungen muss man Mommsen beipflichten. Bei allerdings nur 364 Seiten Text erwartet man eine extreme Dichte der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Aussage. Und genau hier kommt der Leser ins Schwimmen:
Im ersten Kapitel "Organisatorischer und sozioökonomischer Hintergrund" werden viele Zahlen über Ärztedichte und Veränderung der Arztzahl im Dritten Reich genannt und die Struktur der Ärzteorganisationen "Nationalsozialistischer Deutscher Ärztebund" (NSÄB), "Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands" (KVD) und "Reichsärztekammer" (RÄK) erklärt, von der Gleichschaltung bis zur Zwangsmitgliedschaft. Zudem werden die Differenzen zwischen Fach- und Allgemeinärzten sowie der "Alltag der Ärzte im Dritten Reich" mit politischen Schulungen, der gesetzlichen Regelung des Titels Heilpraktiker, der Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht und den Mißständen und zunehmenden Destruktion der medizinischen Einrichtungen bis Kriegsende beleuchtet. Zahlenspiele
Im zweiten Kapitel gehen die Zahlenspiele weiter mit den Mitgliedschaften der Ärzte in der NSDAP, SA, SS und im NSÄB. Im dritten Kapitel beschreibt Kater die Diskriminierung der Ärztinnen, da die NS-Ideologie die Frau als Mutter favorisierte. Bis zu der jetzt erreichten Seite 189 ist immer noch wenig Konkretes im Sinne des Buchtitels zu entdecken. Das folgende vierte Kapitel verspricht mehr. "Die Indoktrination der medizinischen Wissenschaft durch die NS-Ideologie" führt ein in die "Rassenkunde" als universitäre Pseudodisziplin. Jetzt fallen Namen und Fakten im Zusammenhang mit medizinischen Experimenten. Ebenso werden im Folgekapitel "Das Wesen und der Mechanismus der Politisierung der Fakultäten" Professoren demaskiert, die aus Opportunismus, Ruhmsucht und Geldgier in der Hochschulhierarchie aufstiegen. Allerdings geraten wir im fünften Kapitel "Medizinstudenten am Scheideweg" wieder ins Allgemeine.
Hitlers Helfer?
Mehr Aussagekraft besitzt das letzte Kapitel "Die Verfolgung der jüdischen Ärzte", wobei auch hier das meiste bekannt klingt und die Suche nach den "Helfern" nach wie vor offensteht. Nimmt man den Schluß "Die Krise der Ärzte und der Mediziner unter Hitler" dazu, liegt uns ein Buch vor, das den Anspruch wissenschaftlich erarbeiteter Neuheit nur beschränkt erfüllt. Vergleicht man beispielsweise Ernst Klees "Euthanasie im NS-Staat" von 1983 und "Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer" von 1997, wird einem der Mangel an Präzision und Dokumentation im Text von Katers Buch bewusst.
Dogmatische Sätze
Worte wie "vermutlich" und "wahrscheinlich" sind in ihrer Aussagekraft oder besser: schwäche undienlich. Noch schlimmer sind Sätze wie folgende, die in allen Kapiteln immer wieder auftauchen: "... bereits vor 1933 wurden Deutschlands Ärzte im Kollektiv zu Hitlers Helfern, ...", "... denn einige Ärzte ... haben das hippokratische Ethos nicht verletzt ...", " ... Werdegang der Ärzte im Dritten Reich der guten, die am Galgen endeten, der schlechten, die in Auschwitz arbeiteten, und der ’normalen’, die einfach überlebten.", "Im Februar 1933 begrüßten die meisten Ärzte das neue Regime.". Ja woher weiß Kater das alles? Diese dogmatischen Sätze erscheinen willkürlich und sind in ihrer Pauschalierung nicht haltbar. Auch Sätze wie "Überzeugte Nazis und umsichtige Karrieretypen neigen charakteristischerweise dazu, zur SS zu wechseln." demonstrieren allenfalls ihre Belanglosigkeit.
Dennoch: In Ansätzen wertvoll
Daniel Goldhagen schreibt im Vorwort von "Hitlers willige Vollstrecker": "Es geht nicht um die Wahrheit von Verallgemeinerungen als solchen, sondern darum, ob man sie verifizieren und belegen kann." Weiter schreibt er: "Die Vorstellung einer Kollektivschuld lehne ich kategorisch ab (....) Nun können aber nicht Gruppen, sondern nur Individuen als schuldig betrachtet werden, und zwar schuldig dessen, was sie persönlich getan haben."
Um nochmals im Vergleich Klees Buch über die Euthanasie zu erwähnen: Hier findet man fast auf jeder der 450 Seiten ausführliche Dokumentationen von Briefen und Verhandlungsprotokollen einzelner verbrecherischer "Helfer". Hier trifft der Satz Goldhagens zu: "Dennoch sollte man nur die Menschen als schuldig betrachten, die tatsächlich verbrecherisch gehandelt haben." Katers Aussage, dass Ärzte im Kollektiv zu Hitlers Helfer wurden, wirkt undifferenziert und eben unwissenschaftlich. Vieles in Katers Arbeit wird entwertet durch eben diese Pauschalierung, schade, da die Aufarbeitung der Verbrechen deutscher Ärzte ebenso wie anderer Berufsgruppen immer noch aussteht und dringend notwendig ist. Und noch notwendiger ist die Aufarbeitung von "Helfern Hitlers", die nach dem Krieg untertauchten oder leider auch wieder zu Ehren und Würden kamen. Kater sollte dies mit seinem riesigen wissenschaftlichen Quellenapparat in Angriff nehmen. Dieses Buch fehlt uns hier zur Bewältigung einer schrecklichen Vergangenheit!
Michael H. Kater: "Ärzte als Hitlers Helfer"
Dr. Bruno Bader ist Internist. Er lebt in Fürstenfeldbruck bei München.
E-mail: redaktion@e-politik.de
Wo aber bleiben die Ärzte als "Helfer"?
Umso peinlicher Katers Klage im Prolog seines Buches, dass Klee seine Publikation "verschwiegen" habe. Ernst Klee wusste sicher warum. Mit einem Wort, die Ausführungen und Schlußfolgerungen Katers sind in allen Kapiteln durchwebt von pauschalen Aussagen und verschwommenen Folgerungen.
Und Katers Behauptung, "... die Mehrheit der deutschen Ärzte sich politisch mit dem Dritten Reich identifizierte.", stürzt den Leser in Ratlosigkeit, wenn kurz zuvor von durchschnittlich 45 Prozent Mitgliedschaft der deutschen Ärzte in der NSDAP zu lesen ist. Noch haltloser wird diese Formulierung, wenn Kater zugibt, dass rein formal Niederlassungen der Ärzte gebunden waren an eine Mitgliedschaft in einer NS-Organisation. Kater spricht von "Mischformen" der Ärzte zwischen Überzeugung und lediglichen Lippenbekenntnissen. Im nächsten Satz urteilt er: "Ein solches Verhalten war typisch für viele normale Ärzte, ja für die gesamte deutsche Elite, ...".
Wissenschaftlichkeit entsteht auch nicht durch Ausdrücke wie "Gier" der arischen Ärzte oder deren "bösartige Eifersucht".
Und genau hier wird Katers Buch in Ansätzen wieder wertvoll, wenn er den Werdegang einzelner Ärzte bis zu ihrer verbrecherischen Laufbahn beschreibt, wo er von freiwilligen Mitgliedschaften von Ärztepersönlichkeiten in SA und SS bereits vor 1933 schreibt und dann die erneute Karriere dieser Ärzte nach 1945 erwähnt, nicht zuletzt die unrühmliche Karriere des frühen SS-Mitgliedes Dr. Sewering als Chef der deutschen Ärzteschaft in den 70er Jahren. Erst in diesen Einzelfällen wird der Titel "Ärzte als Helfer Hitlers" verständlich. Denn in den meisten Kapiteln wird das Gesundheitswesen im Dritten Reich beschrieben, aber nur wenig eben diese Helfer. Besser hätte man den Originaltitel "Doctors under Hitler" belassen sollen.
Europa Verlag, Hamburg, 2000, 576 Seiten
58,50 DM
Original: "Doctors under Hitler" 1989, University of North Carolina Press
ISBN 3-203-79005-X
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