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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1904 )Peter Handke: Der Bildverlust - oder durch die Sierra de Gredos Autor : Sead Husic Serbien ist das Traumland von Peter Handke. Und dorthin verlegt er auch die Handlung seines neuesten Buches. Sead Husic hat es gelesen. Serbien lässt Peter Handke, den österreichischen Aufrührer und Besserwisser,
nicht los -- auch nicht in seinem jüngsten Opus Der Bildverlust oder durch
die Sierra de Gredos. Die Buchrezensenten der vergangenen Monate haben kaum
erkannt, wieviel Serbien in dem Buch von Handke steckt und wie oft, teilweise
geradezu plump, Handke anspielt auf Serbien und damit auf sein Traumland, dass
es aber so nie gegeben hat.
Ein Träumer mit langsamer Sprache
Der Autor erzählt die Geschichte einer Frau, die eine Reise antritt durch
die urwüchsige Sierra de Gredos, die, man erkennt es oft nur allzudeutlich, an
Serbien erinnert (und wahrscheinlich auch Serbien ist) und ihre
"Flusshafenstadt" (Originalton Handke) verlässt, um ihr Ziel zu erreichen.
Bekannte Orte Langeweile und Blendung Peter Handke:
Der Bildverlust
oder die Reise durch die Sierra de Gredos,
E-mail: redaktion@e-politik.de
Am Ende des Buches weiss man, es ist der Autor, der ihr Ziel ist, und mit dem
sie schlussendlich zusammentrifft. Bis dahin beschreibt Handke Landschaften,
Täler, Berge, dunkle Straßen, die Geräusche der Wälder und den Geschmack unserer
Welt zwischen Technik und Natur. Und in allem liegt natürlich die Ehrlichkeit
des Landes, die Wahrheit der dort lebenden Menschen, die Anständigkeit eines
Volkes, dass von einer bösen Übermacht angegriffen und zerstört werden soll.
Der Autor steht in der
Sierra de Gredos und hört einen ersten einzelnen "...Glockenschlag von der
Stadtrandkirche, und fast zugleich die Stimme des Muezzin vom benachbarten
Minarett, beantwortet von einem wiederholten Eulenruf aus dem Waldhügel." Wo
soll das sein? In der Sierra de Gredos? Nein. Das ist in der Serbischen Republik
Bosniens oder in Serbien, dem Kosovo, vielleicht in der ehemaligen
jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien.
Es gibt viele solcher Anspielungen.
Überraschend, dass dies von den Handke-Kennern und Feullietonisten nicht erkannt
wurde. An einer anderen Stelle erzählt die Frau, deren Namen außer ihr selbst
niemand kennt, aus einer nordwestlichen Hafenstadt über die Ausweisung ihre
Bruders aus irgendeinem Land. Und ihm wird ein Paß seiner Wahlheimat
ausgehändigt. "Die Wahlheimat gab es als ein Staatsgebilde nicht mehr.
Während seiner Haftzeit war sie einem anderen, neugegründeten Staat
zugeschlagen. Sein Paß galt nicht mehr. Das Land, in das er nun ausgeflogen
werden sollte, war, angrenzend an seine Heimat, das einzige auf dem Kontinent,
wo der Paß eine kurze Übergangsfrist noch als Ausweis geduldet wurde (anerkannt
blieb er freilich in einer Inselrepublik nah dem Südpol und zwei Zwergstaaten,
einem im Himalaya und einem anderen, der ein ehemaliges Indianerreservat war,
das sich für unabhängig von den USA erklärt hatte)."
Die kleinen, guten Staaten,
mit den guten anständigen Völkern halten eben zusammen, sagt uns der
Großschriftsteller Handke damit.
Nur leider erkannten viele nicht seine Absicht und
seine Anklage gegen die moderne von Technik und Medien abhängige Gesellschaft.
Im Bildverlust wird nur noch eines deutlich: Handke hat sich seit seinen
Publikumsbeschimpfungen literarisch nicht mehr weiterentwickelt. Deshalb baut
er Luftschlösser in Niemandsländern und behauptet gegen die Wahrheit sein
fiktionales Reich, das schon immer in der Sierra de Gredos, in Serbien lag.
Schließlich treffen sich also Erzähler und die Reisende Frau in einem Dorf. Der
Erzähler: "Sie redeten in jener Nacht abwechselnd in verschiedenen Sprachen. In
einer jeden hatten die zwei einen gleich klingenden Akzent: den von
Dörflern, von aldeanos. Wie sie stammt der Autor aus einem Dorf, und sie und
er hatten sich getroffen in einem dritten Dorf."
Irgendwie würgt Handke die Geschichte zu ihrem Ende hin und man ärgert sich
über diesen Unbeugsamen, sturköpfigen Erzähler. Man will abraten von ihm und
ihn verteufeln und weiß doch, man muss dieses Buch gelesen haben, weil eine
Kraft darin steckt, die einen berührt, oft genug in blanker Wut.
Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 2002,759 Seiten,
29,90 EURO,
ISBN 3-518-41310-4.
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