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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1721 )Ausflug in die Hauptstadt - Teil 2 Autor : Thomas Mehlhausen "So wie ein Soldat davon träumt, General zu werden, so möchte ein Journalist Dichter werden." Philosophische Überlegungen eines Dozenten der Journalistischen Fakultät Tiraspol. Ein Bericht aus der Hauptstadt Transnistriens Die Universität in Tiraspol Nach einem knappen, aber herzlichen Begrüßungswort des Präsidenten der Universität sollte uns der Dekan der journalistischen Fakultät in die Geheimnisse der hiesigen Journalistenausbildung einweihen. Studenten dieser Fakultät saßen schon tuschelnd auf den hinteren Bänken. Seine graue Aktentasche unter den Arm geklemmt beobachtete der Chefredakteur der staatlichen Zeitung "Pridnjestrowje" Wladimir Maslenikov im Hintergrund das Geschehen. Im schwarzen Anzug, die grauen Haare sauber zur Seite gescheitelt und eine Hornbrille auf der Nasenspitze balancierend begrüßte uns der Professor freundlich. Der Redner sprach fast anderthalb Stunden über die "Journalistenausbildung in Moldawien", möglichst politische Themen meidend. Ob es jemandem neu war, dass ein Journalist wissen müsse, "was auf der ersten, zweiten und dritten Seite" stehe? Dann gab er mit erhobenem Zeigefinger zu Bedenken, ein Journalist müsse sich heutzutage auch mit der Technik auskennen. Mein Blick schweift über die vielen Schreibmaschinen am Fenster. Zensur gäbe es nicht, aber die Persönlichkeitsrechte müssten eingehalten werden. Eine Nachfrage, ob diese vage Formulierung nicht leicht zum Objekt der Willkür werden kann, wird kurz beantwortet: "Wenn ich gewußt hätte, dass ich falle, so hätte ich etwas darunter gelegt." Nicht nur schweigende Lämmer Beim Herausgehen aus dem Hörsaal sprachen mich drei junge Studentinnen auf den Vortrag und meine Einschätzung der Arbeit der Medien ihres Landes an. Ich erklärte ihnen, dass der Vortrag wenig neue Informationen enthielt und in Transnistrien offensichtlich ein anderes Verständnis von Zensur herrsche als in Deutschland. Kurz darauf stehen wir in dem mit neusten Computern ausgerüsteten Redaktionsbüro der Staatszeitung, die sowohl als Gesetzblatt dient als auch Nachrichten und Analysen publiziert. Als wir aus der Tür schritten, kam uns Maslenikov mit einem Papierbündel entgegen. Die neuesten Nachrichten vom Präsidenten. Ohne Änderungen werden sie übernommen. Diese vom Präsidenten kontrollierte Zeitung ist, wie wir vom Maslenikov erfahren, mit 20 Kopeken erheblich billiger als alle anderen Konkurrenzblätter. Am Vortag erfuhren wir von Sergej Kotowskij, Chefredakteur und Eigentümer einer der fünf privaten Zeitungen Transnistriens "Dobry Den", dass seine regierungskritische Zeitung trotz Preisunterschiede vergleichbare Auflagen zu verzeichnen habe. Seine Zeitung kann als für transnistrische Verhältnisse kritisch bezeichnet werden, so mußte sie ihre Existenz bedrohende Bußgelder hinnehmen. Deswegen hält die innere Zensur auch in seinen Redaktionsräumen Einzug: Der letzte Prozess hätte die Zeitung fast in den Bankrott getrieben. Die Berichterstattung der Zeitung über die korrupten Geschäfte des örtlichen Bürgermeisters wurden als Verletzung der Persönlichkeitsrechte gewertet und mit 25 000 $ Bußgeld geahndet. Immerhin, der Bürgermeister wurde infolge des Berichtes seines Amtes enthoben. Doch die Abspaltung Transnistriens unterstützt Kotowskij schon: "Die Abspaltung Transnistriens von Moldawien sei nötig gewesen, um dem moldawischen Nationalismus entgegenzutreten. Die Unabhängigkeit von der Sowjetunion machte keinen Sinn." Am Rande der Menschentraube um den in ernster Miene redenden Maslenikov treffe ich wieder auf eine der Journalistik-Studentinnen, die uns hierher gefolgt ist. Es stellte sich heraus, dass jene Studentinnen neben ihrem Studium bei Maslenikovs staatlicher Zeitung arbeitet und trotzdem meine kritische Meinung teile. Die Sonnenbrille in ihre dunklen Haare geschoben klärte sie diesen scheinbaren Widerspruch: "Um Geld zu verdienen, muß ich schreiben, an was ich nicht glaube, denn wenn ich schreibe, was ich tatsächlich denke, wird es nicht abgedruckt." Die freie Wahl in der transnistrischen TV-Landschaft Der nächste Termin war ein Treffen mit der Chefredakteurin des einzigen privaten Fernsehsenders Transnistriens. Die Redaktionsleiterin erzählt uns: "Unser Sender "TV Freie Wahl" gehört mehrheitlich dem Konzern "Sheriff". Gerichtsverfahren gab es zum Glück bislang nicht, da Streitfragen vorsichtig von beiden Seiten beleuchtet und somit keine radikale Position einseitig vertreten wird." Der Professor führte uns einige Treppen nach oben ins Studio des staatlichen Fernsehsenders "TV PMR", der mit dem privaten "TV Freie Wahl" kooperiert. Ein Mitarbeiter führt uns durch das modern eingerichtete Studio und erzählt uns, dass der Redaktionschef von dem "Ministerium für Information" eingesetzt wird. Plötzlich stürmt ein Reporterteam in den Raum und fragt nach dem Grund des so kurzfristig angekündigten Besuches und nach unserer Einschätzung der Pressefreiheit. Froh wieder in Rybniza zu sein, erzählte ich von unserem Ausflug. Aufmerksam lauschte meine Gastgeberin meinem Bericht über die aufschlußreichen Erfahrungen dieser Reise. Im dritten Teil wird von einem Besuch in der Hauptstadt Chisinau des "Mutterlandes" Moldawiens berichtet. Der deutsche Botschafter, DAAD-Vertreter, oppositionelle und staatstreue Medienvertreter vermittelten einen Überblick über die aktuelle politische Lage im Land. Im dritten Teil wird von einem Besuch in der Hauptstadt Chisinau des "Mutterlandes" Moldawiens berichtet. Der deutsche Botschafter, DAAD-Vertreter, oppositionelle und staatstreue Medienvertreter vermittelten einen Überblick über die aktuelle politische Lage im Land. Zurück zum Dossier.
E-mail: redaktion@e-politik.de
Der uns begleitende Universitätsdozent Dr. Schlootz antwortete diplomatisch: "Eine Funktion der Medien ist es, Skandale aufzudecken. Dort, wo Medien nicht über Skandale berichten, ist entweder das Paradies oder Transnistrien". Zwei Stunden später erschien dies ungekürzt auf den Fernsehbildschirmen des Landes. Nachdem die Kameras ausgeschaltet worden waren, beklagte eine der Reporterinnen die eingeschränkte journalistische Arbeit.
Kehren Sie zum ersten Teil zurück, so können Sie über die ersten Eindrücke der ersten Tage in der transnistrischen Stadt Rybniza und von Erfahrungen aus Gesprächen mit Transnistriern lesen.
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