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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1367 )Gähnend Autor : Florian Wachter Der Berliner Wahlkampf 2001 versprach ein spannender zu werden. Zündstoff für den Kampf um das Rote Rathaus gab es genug. Tatsächlich war er langweilig, findet auch Nikolaus Huss. Mit dem PR-Profi von wbpr Berlin sprach Florian Wachter.
wbpr ist eine Full-Service Agentur und arbeitet auch als Kommunikations-Dienstleister für Ministerien und Parteien.
Seit Frühjahr 1997 ist Nikolaus Huss Etatdirektor bei wbpr in
München; im Frühjahr 2001 übernahm er zudem die Geschäftsführung am Standort Berlin.
e-politik.de: Ich würde von einem langweiligen Wahlkampf in Berlin sprechen. Sie auch?
Nikolaus Huss: Ja. Ich glaube, es gibt drei Faktoren, die wichtig sind. Einmal die momentane Situation Berlins als neue Bundeshauptstadt, die in ihrer Stadtpolitik noch sehr provinziell ist und wo sich sozusagen der weltstädtische Anspruch noch nicht in der Stadtpolitik manifestiert hat.
e-politik.de: ... aber es war ja trotzdem ein Wahlkampf. Einer, bei dem man sich in andere Themen flüchtete ...
Nikolaus Huss: Das hatte am Anfang so einen Entertainment-Effekt. Da ging es darum: Hat man nun einen schwulen Regierenden Bürgermeister oder hat man einen Bürgermeister, der bekennender Münchner ist. Wenn solche Randthemen so hoch gespielt werden, ist das immer ein Zeichen, dass eigentlich das tatsächlich vorhandene Thema niemand so richtig ernst nimmt, nämlich: "Wie sanieren wir den Haushalt? Wie macht Berlin weiter?"
e-politik.de: Ist das aber nicht gerade ein Problem der Wahlkampfmanager, der politischen PR-Strategen?
Nikolaus Huss: Wir sind im Moment in einer Phase, wo die PR in der Politik entdeckt wird und sicher auch extreme Überzeichnungen stattfinden. Frank Steffel ist ein Beispiel dafür, dass es oft darum geht, einen schicken Namen zu haben. Dabei wird die politische Perspektive aus dem Auge verloren.
e-politik.de: Nehmen wir an, ich wäre als Berliner Spitzenkandidat zu Ihnen gekommen und hätte gesagt, verkaufen Sie mich mal, aber so, dass auch Inhalte ankommen. Was hätten Sie dann als politischer PR-Berater besser gemacht?
Nikolaus Huss: Es hängt schon damit zusammen, dass der Mut fehlte, über die Probleme zu reden. Wenn man das jetzt ernsthaft unter PR-Gesichtspunkten angeht, dann denke ich, dass diese Kurskorrektur dringend notwendig gewesen wäre. Auch wenn der, der sie als erster gemacht hätte, dafür zunächst nicht die Früchte geerntet hätte. Ich glaube aber, letztendlich hoffen die Berliner Politiker alle, dass der Bund es schon richtet. Weil er es sich nicht leisten kann, eine bankrotte Bundeshauptstadt zu haben.
e-politik.de: Hätte man die Finanzkrise der Stadt überhaupt wahlkampftechnisch verkaufen können?
Nikolaus Huss: Der Kern der ganzen PR ist es ja, Personen zu erreichen, die sich eigentlich nur im Vorbeigehen über Politik informieren. Und dann auch noch, diesen Personen zu sagen, dass sie eigentlich nichts kriegen. Im Gegenteil: Sie müssen mehr zahlen und kriegen noch weniger Leistungen.
e-politik.de: Gab es im Berliner Wahlkampf eine schlechte Wahlkampfkommunikation?
Nikolaus Huss: Na ja, die Leute machen immer den Fehler, zu sagen, wenn der Wahlkampf schlecht ist, dann ist auch die Kommunikation schlecht. Ich würde eigentlich den Spieß umdrehen. Man muss sich die Parteien anschauen. Denn das Geschachere um Posten zeigt eigentlich, dass die Parteien als Agenten von Politik weiterhin in der Logik von "Kriegst Du den Posten krieg ich den Posten" gefangen sind und eigentlich den Ernst der Lage nicht erkennen.
Weiterführende Links:
E-mail: fwachter@e-politik.de
Nach dem Studium der Pädagogik und Soziologie war Huss vier Jahre Geschäftsführer und Pressesprecher des Landesverbandes der GRÜNEN in Baden-Württemberg, danach
wechselte er zu Leipziger & Partner in Frankfurt. Anschließend ging er zu Ketchum Public
Relations in München.
Huss war auch Referent für Öffentlichkeitsarbeit in der Zentrale der Deutschen Telekom.
Zum anderen ist der Auslöser der Wahl eine skandalöse Finanzpolitik und die finanzielle Lage. Die wurde kurz hochgepusht. Und es ist eigentlich erstaunlich, dass auf einmal gar nichts mehr zu hören war. Was auch heißt, dass das Problem so groß ist, dass es die Perspektive der Wähler überschreitet. Und sie merken ja auch: Niemand sprach ernsthaft über das Problem. Irgendwie signalisierten alle, sie wollen weiter so machen.
Und das Dritte ist, dass aus New York nochmal ein zusätzlicher Impuls reingekommen ist, der die Leute ganz abgelenkt hat.
Allerdings finde ich die Reaktion der Wähler schon entsprechend. Die Unentschlossenheit vieler zeigte, dass sie das Herumdilettieren an Randthemen eigentlich richtig bewertet haben. Das es nämlich nicht zum Kern kam und sie sich deshalb nicht festlegen wollten.
Man redete nicht über die eigentlichen Themen sondern darüber, wie kommt einer an und darf er jetzt schwul sein und wie auch immer. Das hat mit den echten Problemen nichts zu tun. Und das merken die Wähler.
Nie habe ich vor einer Wahl so viele Wahlsendungen gesehen. Ich habe aber keine wirklich angeschaut. Weil ich das Gefühl hatte, da kommt nichts bei rum. Es fehlte also jemand, der das Thema mit einer persönlichen Glaubwürdigkeit verbindet. Der hätte das mit einer ganz anderen Dynamik gemacht. Aber diesen jemand gab es offenbar nicht. Und deswegen entwickelte sich der Wahlkampf nicht richtig.
Eine Dramatisierung der Situation wäre also nötig gewesen. Jeder muss mitkriegen, dass es 5 nach 12 ist. Nur dann kriegen sie solche Geschichten hin. In einem zweiten Schritt hätte man dann ein "einfaches" 5-Punkte-Programm präsentieren müssen, wie Berlin aus der Krise kommt.
Man hätte als Wahlkampfstratege in Phasen denken müssen. Die erste als Phase der Erschütterung über die ins Defizit wirtschaftenden Banker, die nebenher noch Erfolgsprämien abkassieren wollten ... und von der Politik mitgetragen wurden. Das hätte man richtig schmerzhaft und breit austreten müssen.
In der zweiten Phase hätte man dann die Lösungen vorgestellt. Denn den Endwahlkampf kann man natürlich nicht mit 5 nach 12 machen. Sie müssen die Wahrnehmung der Wähler so vorbereiten, dass sie auf Lösungen gucken. Sie müssen also ein Themen-Setting vorbereiten.
Zudem ist die Diskussion um Inhalte innerhalb der Parteien so schlecht. Folglich wird auch der Wahlkampf schlecht. Die falsche Kommunikation aus dem Wahlkampf resultiert also daraus, dass es eine ziemlich oberflächliche Diskussion in den Parteien gab. Und da muss man den Finger drauf legen: Sind eigentlich Parteien so, wie sie sich geben - besonders in Berlin im sog. "Nachkriegssumpf" -, richtig konstituiert?
wbpr im Internet: http://www.wbpr.de
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