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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1187 )Die (Re-)Politisierung der Playstation-Generation? Autor : Jochen Groß Am Sonntag Abend beendeten D-Flame, Denyo 77 und Jan Delay ihre "60 Hz-Tour" in der Münchner Reithalle. Mit ihr verfolgten sie nicht nur den musikalischen "Flash", sondern auch die Repräsentation politischer Inhalte. Jochen Groß war vor Ort. Jan Delays Album "Searching for the Jan Soul Rebels" hat durch politisch explizite Texte den Feuilletons kräftig Zunder geliefert. Die Aufregung über "Söhne Stammheims" und "www.hitler.de" ist indes weniger wegen der radikal gesellschaftskritischen Texte zu verstehen. Viel schwerer wiegt die Tatsache, dass dies ein MTVIVA-kompatibles Album zu sein scheint und die bisher im A-Teens-Wahn unpolitischen 12-18jährigen "vergiften" könne. Hinter den kruden Vermutungen, Jan Delay aka Eißfeldt initiiere die Wiederauflage der RAF steckt vielmehr die Angst vor allem popkulturell- und im speziellen HipHop-Kultur-Unbedarfter, dass MTVIVA, Bravo und Top of the Pops durch populäre Musikformate politisiert werden könnten, ohne selbst die Fäden dabei in der Hand zu halten. Politik im HipHop Dass politisch motivierte und gesellschaftskritische bis -ablehnende Inhalte auch mit der deutschen HipHop-Kultur fest verwoben sind und auch mindestens seit Advanced Chemistry ("Fremd im eigenen Land") präsent sind, wird hierbei gern übersehen. Ebenso wie die konsequente und anhaltende Missinterpretation der hierbei verwendeten Codes. Dies ist in einer Situation der Selbstreflexion offenbar schwierig zu überblicken. Denn bei ähnlich gelagerten Diskursen im Ausland tritt man als Fremdbetrachter weitaus differenzierter und reflektierter auf, als dies jetzt der Fall ist. Zu denken ist hier nur etwa an die in den USA immer noch präsente Diskussion um Eminem, oder auch den französischen Eklat mit NTM
("Nique ta mère"). Das Problem: Die Entschlüsselung von Codes Als die eigenen Kinder nicht betroffen waren, schien HipHop noch nicht problematisch zu sein, schließlich regte sich niemand über "Get funky Bulle" auf der ersten Platte der Absolute Beginner auf, die damals vielleicht 5.000 Abnehmer fand. Besonders grotesk erscheint der Wirbel um Jan Delay vor dem Hintergrund der derzeitigen allgemeinen Lobpreisung Blumfelds. Die Band, die über Rocko Schamoni (ein guter Freund Blumfelds und Mitwirkender auf "Searching for the Jan Soul Rebels") durchaus politisch auf einer ähnlichen Linie mit Eißfeldt bzw. den Absolute Beginnern liegen dürfte, hat mit "Diktatur der Angepassten" sicher keinen Song geschrieben, der allgemeine inhaltliche Zustimmung im Feuilletonisten-Lager hervorrufen dürfte. Autonomisierung der Jugend Ganz anders liegen die Dinge natürlich bei der Playstation-Generation der 12-18jährigen, für die (deutscher) HipHop so selbstverständlich in die Charts gehört, wie für andere U2 und die A-Teens. Diese Eingebundenheit in eine spezifische (Sub-)Kulturfom ermöglicht die Kommunikation über eigene Codes, wie das in jeder anderen Musikrichtung oder auch anderen subkulturellen Gruppe selbstverständlich und auch allgemein anerkannt ist. Hier finden Sie eine Besprechung von Jan Delays Album "Searching for the Jan Soul Rebels". Das Copyright des Fotos liegt bei Eimsbush/Buback.
E-mail: redaktion@e-politik.de
Der Grund für die Akzeptanz, ja sogar das Wohlwollen gegenüber nicht weniger expliziten Bands wie Blumfeld, den Goldenen Zitronen oder Rocko Schamoni ist durch die von (fast) allen entschlüsselbaren popkulturellen Codes zu begründen. Gerade Blumfelds musikalische Form des Schlagers ist tief verwurzelt in der musikalischen Landschaft und dementsprechend eindeutig dem richtigen Kontext zuzuweisen. Blumfeld repräsentieren demnach so etwas wie die avantgardistische Speerspitze des aufgeklärten und vielleicht auch linken Feuilletons. Es handelt sich hier um intellektuelle Kunst und deshalb muss provoziert und polarisiert werden.
Gefährlich? Keinesfalls, schließlich handelt es sich um Künstler und die, die dürfen das. HipHop ist als eigenständige Kunstform (noch) keineswegs akzeptiert. Zudem bedient sie sich ganz eigener Codes, die inkompatibel zu bisherigen Deutungsmustern sind. Damit wird eine stimmige Verarbeitung von Jan Delays und anderen Alben unmöglich. Eine kritische Selbstreflexion dieses Sachverhaltes wird aber dennoch nicht vollzogen, sondern es wird über eine neue Gefahr fabuliert. Die eigentliche Gefahr, die hier gesehen wird, resultiert aber nicht aus den konkreten politischen Einstellungen und Statements, sondern vielmehr aus den neuen, unzugänglichen Codes, die die alten zu verdrängen scheinen und den eigenen Zugang zu einer Jugendkultur und damit auch zur Einflussnahme versperren.
Zu den Distinktionsmitteln des HipHop gehört eine politische Haltung (attitude), die mittels Reimen codiert wird und entsprechend ihrem Kontext dechiffriert werden muss. Nur so lassen sich auch die beim Münchener Konzert der Eimsbush-Clique zutage getretenen Ambivalenzen erklären, die dem außenstehenden Beobachter reichlich befremdlich erscheinen mögen und seine "klassischen" Entschlüsselungsmechanismen ins Leere laufen lassen. Während die Videoleinwand Wolfgang Grams Festnahme zeigt und Jan Delay forsch gegen Axel Springer, politischen Mainstream, die Konsumgesellschaft und drohende Abhängigkeiten von Spielkonsolen rappt, stehen die Zuhörer vor dem Merchandise-Stand und versorgen sich mit T-Shirts und CDs, unterhalten sich über neue Bestmarken bei der letzten Tomb Raider-Session und verschicken schnell zahllose SMS an Freunde, wie geil denn das Konzert sei. Kurz darauf recken alle ihre Handys und singen lauthals mit bei "Vergiftet":
"Jochen mag die Handys nicht, denn die sind vergiftet". Ausdruck besonderer Codes der HipHop-Kultur, die - vielleicht - als Abgrenzung erstellt wurden. Vielleicht sogar gegen die Feuilletonisten, die sich immer gerne an die Front neuer popkultureller Strömungen stellen (Drum & Bass, 2Step), um eben jene peinlichen Deutungsfehler von Musik, von denen hier die Rede war und zu denen ihnen der Bezug fehlt, zu vermeiden. Diese Vermeidungsstrategie wurde im Rahmen der "60-Hz-Tour" wunderbar und prototypisch ad absurdum geführt und alle, die Jan Delay durch die Kodierung hindurch verstehen ("Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt"), freuen sich, dem Establishment eine Harke geschlagen zu haben. Unter ihnen: Der Autor.
Weiterführende Links:
Homepage von Buback Records: http://www.buback.de
Homepage der Absolute Beginner: http://www.beginner.de
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