e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1829 )


Ochsentour - die Kolumne zur Bundestagswahl 2002

Ochsentour, die 17.: Ist der Wahlkampf schon gelaufen? (04. August 2002)

Autor :  Alexander Wriedt und Sead Husic
E-mail: redaktion@e-politik.de

Noch sind die Masken nicht gefallen, noch spielen sowohl Sozialdemokraten als auch Christdemokraten nicht alle ihre Karten aus - im Kampf um die meisten Stimmen am 22. September. Von Alexander Wriedt und Sead Husic.


Sie sind vorn und doch warnen einige der Unionisten vor zuviel Siegesgewissheit. Das Mobilisierungsniveau der CDU/CSU müsse erhalten bleiben, denn sonst drohten viele Wähler am 22. September zu Hause zu bleiben.
Gleichzeitig droht den Christenparteien ihr langjähriger Mehrheitsbeschaffer, die Freie Demokratische Partei (FDP) abhanden zu kommen, dessen Umfragewerte eingebrochen sind.
Anscheinend haben die Wähler genug von Klamauk, Spaß und Möllemannschen Größenwahn. Der Parteivorsitzende Guido Westerwelle verschoss zudem viel zu früh seine Wahlkampfmunition. Wie man hört, ließen bereits einige Male Camper die Luft aus den Reifen des Guidomobils raus, was der Liberale gar nicht lustig fand.

Und dann ist da noch Edmund Stoiber. Wie erst jetzt bekannt wurde, schloss den der Medienberater Michael Spreng vor einigen Monaten in den Schlafzimmerschrank seines Wolfratshausener Hauses ein, weil mit Stoiber Zitat Spreng "Kein Blumentopf, ja nicht einmal ein Plastikschützenpokal auf 'ner Kirmes in Duisburg zu gewinnen ist."
Stoiber, wild fluchend und nach seiner Frau um Hilfe schreiend, eingeschlossen im mittleren Wandschrank (dem, wo jene Zudecke deponiert ist, auf dem das Konterfei von Franz-Josef Strauß zu sehen ist), soll sich mittlerweile darin verlaufen haben und die Tür nicht finden.

Derweil engagierte Spreng den freundlichen, schwulen Traunsteiner (Oberbayern) Siegmar Oberleitner, der Stoiber zum verwechseln ähnlich sieht für die Wahlkampfzeit, auf dass der, weich und gelassen, durch die Republik tourt und Sympathie versprüht, wie Edi sonst nur Spucke, wenn er sich erst mal in heiße Rage geschrieen hat.
Jetzt aber, da der Druck aus den Reihen der Unionisten größer wird und man Angst verspürt kurz vor dem Ziel noch zu straucheln, weil das Profil der CDU/CSU nicht scharf genug ist, besinnt sich der Medienberater bald wieder auf den Schlafzimmerschrank in Wolfratshausen, wo ein Stoiber steckt, der ganz anders kann.

Hartes Vorgehen gegen Ausländer und die "Durchrassung der deutschen Gesellschaft", weg mit der Homo-Ehe, zurück zur Atomkraft, Ehre, Gott, Nation... ja, so in etwa hört sich das dann an, wenn, wie gesagt, der echte Edi sich in die Debatte um die richtige Politik für dieses Land einmischt.

Die Ochsentour ist also noch nicht vorbei, weder für die Sozialdemokraten, noch für den bayerischen Gotteskrieger mit seinen Fußtruppen aus der Ära des Helmut Kohl.

So!, oder kann es doch sein, dass das schon alles gewesen sein soll.
Im rot-grünen Lager sieht es da anders aus: Da muss niemand gewaltsam in die Schlafzimmerschränke der Wahlkampfmanager gesteckt werden - man verkriecht sich freiwillig darin.
Joschka Fischer ist von der Bildfläche verschwunden, Arbeitsminister Walter Riester überlässt lieber einem ehemaligen VW-Manager das Feld der Arbeitsmarktpolitik und Bundeskanzler Gerhard Schröder hält sich zurück.
Seine Frau, die bei BILD Doris Köpf war, weiß, dass "durch eine Dramaturgie von Namen, wie im Fall der Bonusmeilen, Politik gemacht wird". Dahinter stecke allerdings nicht Friede Springer, sondern die "neue, junge BILD-Führung".
Regelmäßig stellen Diekmann und seine Redakteure einen Politiker nach dem anderen an den Pranger, bevorzugt aus dem rot-grünen Lager. Sie führen damit die gesamte Koalition vor, wie einen Bär, der an seinem Nasenring durch die Manege gezogen wird.

Arbeitslosigkeit, Gesundheitsreform, Verbraucherschutz, EU-Osterweiterung, ein möglicher Angriff der USA auf den Irak - alles keine wirklichen Themen mehr.
Der einzige, der noch zu kämpfen bereit ist, ist Generalsekretär Franz Müntefering. "Münte" verlangte sofort, dass die Lufthansa die Liste mit den Namen herausrückt.
Denn er weiß: In dem Moment, in dem die Namen auf einmal veröffentlicht werden, verpufft die Wirkung des "Skandals", der im Vergleich zu Korruption und Schwarzer Kassen nur aufgeblasenes Theater ist.
Doch die Lufthansa rückt die Liste nicht raus und pocht auf Vollmachten der Betroffenen. "Münte" tobt, denn der Verdacht liegt nahe, dass die Liste von Lufthansa-Mitarbeitern herausgegeben wurde. "Die Bild kann die Namen nur von der Airline haben. Der Zugriff auf die Meilenkonten ist passwortgeschützt. Diesen Code kennt nur der Abgeordnete selbst", sagt eine Sprecherin des Bundestages.

Der Kanzler, der vor kurzem noch auf Plakaten für die Lufthansa warb, ist außer sich. "Wenn bei denen jemand Material weitergibt, können sie es uns doch nicht mit lächerlichen Datenschutz-Bürokratismus kommen", heißt es aus der Umgebung des Kanzlers.
Denn er hört die Uhr ticken: Sommer, Scharping, Özdemir. Der Kanzler als Macher findet im Moment nicht statt. Wenn er die Wahl noch gewinnen will, dann muss dieser Zirkus aufhören. Und zwar in den nächsten Tagen, bevor die Deutschen aus dem Urlaub zurück sind.
Dabei hatte sich der Bundeskanzler mit Springer geeinigt: Schröder sorgt dafür, dass keine ausländischen Investoren die Springer-Anteile des insolventen Kirch-Konzerns abgreifen (siehe Artikel im Freitag). Springer hält dafür still, macht im Wahlkampf keine Stimmung für die Union.

Doch beim konservativen Medienhaus denkt man mittlerweile anders: Rot-grün hat die Wahl bereits verloren, Gerhard Schröder wird nach nur vier Jahren das Bundeskanzleramt wieder verlassen müssen. Bis zur Bundestagswahl lässt sich in Sachen Kirch sowieso nichts mehr drehen.
Es bleibt eine Hoffnung für Schröder: Neben Günter Nooke (CDU) hat die Bild-Zeitung jetzt erstmals einen CSU-Mandatsträger auf die Liste gesetzt: die Bundestagsabgeordnete Renate Blank. Hat Friede Springer jetzt eingegriffen, aus Sorge um das Ansehen des Verlages ihres verstorbenen Mannes?
Sollten die Christen nun in das Meilentheater einbezogen werden, könnte das wieder die Chancen der Genossen auf eine Trendwende erhöhen.


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