e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 881 )


Kabarett - CD Klassiker

Und wer zahlt's?

Gerhard Polt: Und wer zahlt's?

Autor :  Claus von Wagner
E-mail: redaktion@e-politik.de

Unangenehm – wie angenehm! Gerhard Polt lässt nach zweijähriger Tonträgerabstinenz wieder etwas von sich hören. Wer zahlt's?, fragt er auf seiner aktuellen CD. Claus von Wagner hat sie sich angehört.


Der Polt spielt nicht, der ist einfach so! Vorsicht, auch wenn der Satz einleuchtend klingen mag: Er ist falsch. In einem Interview im Fränkischen Tag sagte Polt einmal, es gehe ihm wie jedem Erzähler. Er habe zwar ein grundlegendes „Verständnis für niedrige Instinkte, Abgründiges in einem selber und im Mitmenschen, der, obwohl im Grunde sympathisch, unschuldig grausam ist." Doch dieses Verständnis endet spätestens dann, wenn Menschen die Dunkelheit ihrer Seele nach außen kehren. In seinem oberbayerischen Heimatdorf Neuhaus (nahe dem idyllischen Luftkurort Schliersee), findet er jede Menge davon. Vom saufenden Gemeinderatsmitglied bis zur vom Ehrgeiz zerfressenen Tenniskindmutter.

Polt beobachtet präzise. Im Wirtshaus, auf kulturellen Veranstaltungen oder beim Besuch des in der Nähe seines Wohnhauses befindlichen Tennisplatzes. Wie mit einem Dampfhammer drischt er bei seinen Bühnenauftritten nicht nur der bayerischen Welt ihre eigenen Phrasen und Dummheiten um die Ohren. Unter dem Deckmantel scheinbarer Zustimmung zu einer bestimmten Art des Fühlens und Denkens entlarvt er diese durch konsequente Überspitzung. Verzichtet dabei bewusst auf jegliche Intellektualisierung und sichert sich so auch Publikumsschichten, die mit Satire eigentlich gar nichts am Hut haben. Die verzweifelten Abwehrreaktionen gegen soviel „Wahrheit" empfinden viele Zuschauer als Lachen.

Armut ist ohne Geld nicht denkbar

Die aktuelle CD ist der Abschluss einer als Trilogie angelegten Reihe von Ausschnitten aus Polts Live-Auftritten. Nach Der Standort Deutschland und Attacke auf Geistesmensch, heißt es jetzt: Wer zahlt's? Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern scheinen die Themen hier grundlegender, ja fast philosophisch angelegt. Kein Wunder, fragt Polt doch neben der Kostenerstattung auch nach Toleranz, Bildung, Realität und Freiheit. Abstrakte Begriffe, denen der Kabarettist mit Gedanken einfacher Menschen Leben einhaucht:

„Bildung bringt den Menschen dazu, dass er wieder auf des Einfache kommt, net auf des Hochgestochene. Des is der Sinn der Bildung. Franz Josef Strauß - war ein gebildeter Mann, aber dem hod ma an Obatzdn geben, na war er zufrieden." Ein Stück weit trifft das auch auf Polt selbst zu. Nie hat er Menschen vom hohen Ross „hochgestochener" Bildung auf den Kopf gespuckt. Stets ist er hinabgestiegen, hat sich als Beobachter auf Augenhöhe des kleinen Mannes begeben und ihm von Hand den Spiegel auf das Brett vorm Kopf genagelt.

Von Cäsar zu Alfons Pröbstl

Bildung nutzt der gebürtige Münchner lieber als Quelle für seine geschichtlichen und philosophischen Querdenkereien. So gelingt es ihm immer wieder gänzlich neue Perspektiven zu entwickeln: „Die Tatsache, dass wir Deutschen den zweiten Weltkrieg gewonnen haben, verdanken wir meiner Ansicht nach eindeutig am Amerikaner." Doch der lasse den Deutschen dafür zahlen. Russland, Polen, Afrika: „Wenn in Asien eine Wüste austrocknet – wer zahlt die? Mir." Das Entsetzen des Kleinsparers in seiner herrlichsten Fratze. Angst vor der Armut scheint ohne Geld nicht denkbar. Und ein Buffet ohne rhetorische Eröffnung auch nicht.

Man stelle sich vor: Die Speisen liegen einladend bereit, aber ein kleines durchgeistigtes Männlein schiebt sich mit unterwürfigen Entschuldigungsgesten aufs Rednerpult. Kündigt unheilsschwanger noch ein paar kurze Anmerkungen an, ehe es mit unerbittlicher Konsequenz zu schwadronieren beginnt: Von den Cheopspyramiden ins Zweistromland, über Nebukadnezar vorbei an Griechenland nach Latium ins vierte Jahrhundert vor Christi. Dann Renaissance, es schmeckt nach Abendland, ein Metternich, ein Gaius Julius Cäsar. Dann endlich der Rede Sinn: „Vielen Dank Alfons Pröbstl dem Mitbegründer der bayerischen Landesbodenkreditanstalt und sämtlicher Filialen." Touché, Herr Polt.

Auf deutsch gesagt: Die halten's Maul

Auch der Staat Bayern meldet mehrere Treffer. Ein Schüler ist durchgefallen wegen Mathematik – und jetzt? „Jetzt muss er so lang wieder Latein lernen, bis er endlich in Mathe gut ist. Er sagt, das ist das bayerische Bildungssystem." Tut weh, oder, Frau Hohlmeier? Die Erkenntnisse der Figuren auf der Bühne schmerzen. Stichwort Zivilcourage: „Es gibt in diesem Lande viele Leute, die Hilfe bräuchten, (...) aber die, wo wirklich Hilfe brauchen die schreien net, die san staad. Auf deutsch gesagt: Die halten's Maul. Warum? Weil's eh wissen, dass ihnen keiner hilft." Die Geschichten, die Polt erzählt, sind Ausfluss unserer Gesellschaft. Nie bewegt er sich außerhalb dieses Kontextes, behält immer den Gesamtzusammenhang im Auge. Jede Nummer steht für sich und doch fürs Ganze. Die Veröffentlichung als Trilogie ist deshalb nur konsequent. Eine CD reicht eben nicht aus für den Gedankenkosmos eines Gerhard Polt.

Eine Frage bleibt: Macht es sich Polt nicht zu einfach, wenn er nur die leichten Ziele, also den Beamten, den Stammtischparolenmaulaufreißer oder den selbstverliebten Festredner mimt? Nein. Mit großem Einfühlungsvermögen und behutsamer Beobachtung verleiht Polt auch dem größten Deppen noch einen Rest an Würde. Deshalb sind seine Nummern ja so schrecklich, weil die Figuren (leider) keineswegs dumm sind. Sie zu unterschätzen – und das weiß Polt – wäre ein großer Fehler. Das würde sie lächerlich machen, verharmlosen und der Verniedlichung anheimführen. So aber stehen sie da auf der Bühne: verstrickt in ihre Menschlichkeit, mit all ihren Widersprüchen und Lebenslügen, nackt aber keineswegs wehrlos und ereifern sich mit Bauernschläue und Boshaftigkeit über das Treiben in der Welt: „Wenn ein Nichtschwimmer ersauft, ist des irgendwie konsequent. Tragisch ist es, wenn ein Schwimmer ersauft."

Polt und Karl Valentin

Polts Vortagsweise ist ungemein kraftvoll und direkt. Wenn er vor Erregung stotternd, nach Worten ringend, mit gepressten Vokalen am Ende eines Satzes noch eins seiner berühmten „Net?" herausdrückt, hält man unwillkürlich den Atem an. Fatal, der folgende Lachkrampf artet aus in einen Hustenkrampf. Unverwechselbar, wie diese raue und energische Stimme, mit dem leicht bedrohlichen Unterton, sich mühelos aus grollenden Tiefen in beißende Höhen windet. Man hört förmlich, wie sich jemand lustvoll durch den zähen Brei der Ignoranz und Idiotie quält und dabei mit unverminderter Kraft, grimmig aber liebevoll, die menschlichen Abgründe enthüllt. Dabei sieht sich Gerhard Polt nicht als Weltverbesserer. Er will den Menschen schlicht als Mensch darstellen. Ganz im Sinne eines von ihm geschätzten Karl Valentin oder Jacques Tati. Wenn sich dann beim Zuschauer der Blickwinkel ein wenig verändert, ist er zufrieden. So ist er halt, der Polt ...




Gerhard Polt: „Und wer zahlt's?"
Aufgenommen in Basel und Landsberg
Alle Texte von Gerhard Polt („Historische Dimensionen" in Zusammenarbeit mit Hanns Christian Müller)
KEIN & ABER Records
Vertrieb über Buchhandel durch Eichborn AG
ISBN 3-906547-36-1

Foto: Copyright liegt bei KEIN & ABER Records


Zur Dossierübersicht: Gerhard Polt - Das Dossier





Weiterführende Links:
   Polt & die Biermösl-Blosn: http://www.biermoesl-blosn.de/polts.htm
   Polt Biographie, Laudatio, Discographie: http://www.jupiter-records.de


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