e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 2151 )


Glossen

Sehr geehrter Herr Mehdorn...

Autor :  Florian Baumann
E-mail: redaktion@e-politik.de

Tarifdschungel, Unpünktlichkeit und Co - ein Brief von Florian Baumann an den "kundenfreundlichsten Manager" Deutschlands.


Sehr geehrter Herr Mehdorn,

seit Jahren wirbt Ihr Unternehmen mit dem Spruch: "Die Bahn kommt!". Soweit schön und gut. Vollständig müsste der Slogan aber lauten: Die Bahn kommt - früher oder später. Wobei früher oder gar pünktlich in der Regel nicht vorkommt. Aber Hektik und Eisbahn passen halt auch nicht zusammen. Wie zu Großvaters Zeiten bummeln die Züge über Deutschlands Gleise. Irgendwie schön. Nostalgie pur, oder?

Es gibt da nur einen Haken. Nicht, dass ich Ihnen vorschreiben möchte, wie Sie das Unternehmen Deutsche Bahn zu führen hätten; ich mach mir bloß langsam echte Sorgen. Immer mehr Bahnkunden steigen wieder auf andere Beförderungsmittel um. Zum Beispiel aufs eigene Auto. Ist im Prinzip kein Problem, die Amerikaner haben ja im Irak Ölvorräte für die nächsten hundert Jahre gesichert. Wenn da nicht diese Geschichte mit der Umwelt wäre. Gut, man könnte ja einwenden, wer viel tankt, zahlt auch viel Ökosteuer. Richtig. Aber, wer weiß, für was Ihre Freunde in Berlin dieses Geld ausgeben. Zudem glaube ich, dass es unserer Umwelt lieber wäre, wenn wir weniger Ökosteuer zahlen und dafür mehr Rücksicht auf sie nehmen würden.

Und dabei kommen Sie, Herr Mehdorn, ins Spiel. Das Tolle an der Bahn ist nämlich, dass da ganz viele auf einmal reinpassen und die Schienen sind auch schon da. Wir wären also alle relativ mobil und könnten zugleich die Umwelt schonen. Von allen Verkehrmitteln ist die Eisenbahn nämlich das umweltfreundlichste. Abgesehen von der Pferdekutsche vielleicht. Wenn aber jetzt niemand mehr Bahn fährt, funktioniert die ganze Sache nicht.
Ich selbst bin ja mittlerweile vom Zughasser zum Bahn-Junkie mutiert. Liegt aber wohl daran, dass ich das Abenteuer liebe. Und seien wir uns doch mal ehrlich, Bahnfahren ist das spannendste, was diese Republik momentan zu bieten hat. Aber viele meiner Mitreisenden sind dem Druck nicht mehr gewachsen: Stellen Sie sich doch mal vor, dass Ihre Oma eine Bekannte in Wuppertal besuchen möchte. Kein Problem sagen Sie? Omi steigt in Berlin in den Zug unterhält sich während der Fahrt nett und ist auch schon da. Prima!
Aber betrachten wir uns diesen Vorgang doch einmal genauer: Ihre werte Großmutter müsste sich fast einen Monat vor dem geplanten Besuch überlegen, wann Sie den nach Wuppertal möchte. Nachdem Sie dann drei Tage im Bahnhof campiert hat kann Sie nach einem etwa zehnstündigem Beratungsgespräch eine Fahrkarte käuflich erwerben. Diese ist dann bloß leider so teuer, dass Omi sich in Wuppertal nicht einmal mehr ein Stück Kuchen zum ,Käffchen' leisten kann. Und falls sie jetzt auch noch krank werden sollte, so dass sie Tante Else gar nicht besuchen kann, kostet sie der Spass ganze 15€ Stornogebühr. Sie finden die Geschichte arg übertrieben? Mag sein, aber viel Phantasie braucht man dafür nicht mehr.

Da ist noch eine Sache, die ich nicht verstehe. Seit geraumer Zeit haben alle Schaffner in Ihren Zügen diese topmodernen Hightech Karten-Verkaufs-Computer. Warum konnte man trotzdem bestimmte Fahrkarten - wie zum Beispiel das Twen-Ticket - nur am Bahnhof kaufen und nicht beim Zugpersonal? Ist eigentlich egal, weil diese vergünstigten Fahrscheine für Jugendliche ohnehin der Preisreform zum Opfer gefallen sind. Recht so, diese Studenten und Azubis leben sowieso alle in Saus und Braus auf Kosten anderer.

Verspätungen, hohe Preise und unfreundliches Personal. Das sind die Kleinigkeiten, die gegen das Zugfahren in der Bundesrepublik sprechen. Wenn es weiter nichts ist. Als kundenfreundlichster Manager Deutschlands haben sie sich natürlich voll und ganz für alle Bahnfahrer eingesetzt. Nahezu umgehend wurden die beiden "Verantwortlichen" für die Preisreform entlassen.
Ohne dreist erscheinen zu wollen: ich glaube nicht, dass es auf Dauer die beste Lösung ist, sukzessive die komplette Führungsmannschaft der DB AG zu entlassen. Wenn Sie für jeden Fehler in Ihrem Unternehmen einen Ihrer Kollegen entlassen wird es bald sehr einsam sein, in der Firmenzentrale in Berlin. Aber, wie sagt man? Live is lonely at the top! Vor allem, wenn einem noch 120 Millionen Euro Verlust, allein im ersten Quartal 2003,im Nacken sitzen.

Ihr Kunde,
Florian Baumann

PS: Falls Sie schon einmal den eigenen Rücktritt erwägt haben, möchte ich Ihnen davon abraten. Den erstens ist Flucht keine Lösung - siehe Dr. Kimble - und zweitens kann es bei der Bahn nur bergauf gehen.





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