e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1504 )


Der Politische Film

Christian Klar (l.) im Gespräch mit Günter Gaus

Reue ist im politischen Kampf kein Begriff

Autor :  Alexander Wriedt
E-mail: redaktion@e-politik.de

Erstmals im Fernsehen: Der ehemalige Terrorist Christian Klar stellt sich den Fragen von Günter Gaus. Ein TV-Tipp von Alexander Wriedt.


Als Christian Klar am 16. November 1982 verhaftet wurde, leistete er keinen Widerstand. Der "schlimmste Terrorist der RAF", wie ihn die Bild Zeitung einmal genannt hat, soll kampfmüde gewirkt haben nach all den Jahren in der Illegalität. An mehreren Morden, unter anderem an Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und an Bank-Manager Jürgen Ponto, war er beteiligt. Sechs Jahre lang jagte der hochgerüstete Polizeiapparat der Bundesrepublik einem Phantom nach. Und nun, an jenem Nachmittag im Sachsenwald bei Hamburg sollte diesem Kämpfer der zweiten RAF-Generation der revolutionäre Elan ausgegangen sein?

"Das ist eine Verhöhnung von jemandem, den sie lange gesucht und gefunden haben", sagt der 49-Jährige, der seit 19 Jahren im Gefängnis sitzt, dem Journalisten Günter Gaus. Er habe Illegalität vielmehr als große Freiheit empfunden. Gaus filmte für seine Sendung "Zur Person" im Besucherraum des Gefängnisses Bruchsal in Baden-Württemberg. Klars Blick fixiert nichts, sondern verebbt im Raum: Der Gefangene wirkt tief verstört. Er konzentriert sich mühsam. Zwei Jahrzehnte Haft haben ihre Spuren hinterlassen.

Unerwünschte Fragen

Die Antworten des Befragten sind ähnlich gestrickt, wie die anderer Mitstreiter: Phrasen ersetzen genaue Formulierungen, unerwünschte Fragen werden als unerheblich abgetan. Ob er Schuld fühle oder Reue empfinde, fragt Gaus. Klar verneint. Vor dem Hintergrund seines Kampfes seien das keine Begriffe. Ob er denn nicht persönlich solche Gefühle habe? "Ich respektiere die Gefühle der anderen, mache sie mir aber nicht zu eigen", erklärt er. Denn: "Gerade hier in den reichen Ländern zählen so viele Menschenleben nichts". Auf die Frage, was ihn zur Gewalt getrieben habe, antwortet er, dass es schwierig sei, da etwas Einzelnes herauszunehmen. Am ehesten wohl die "Erfahrung einer kollektiven Lebensweise."

Klar antwortet zögernd, ringt nach Worten. Und dieses Ringen scheint nicht Ausdruck eines Nachdenkens zu sein. Dem Gefangenen fällt es schwer, überhaupt ein paar gerade Sätze herauszubringen. Keine Frage, die Haft hat ihn gebrochen. Er erzählt am Anfang des Gesprächs von der Chemie des Knastes, die keiner verstehen könne, der nicht selbst einmal dort gewesen sei. Arno Widmann versucht in der Berliner Zeitung den schleppenden Verlauf des Gesprächs zu erklären: "Er sucht nach sich. Oder doch jedenfalls nach dem, der antworten wird".

Grundlagen des bewaffneten Kampfes

Doch der Zuschauer wird das Gefühl nicht los, dass Klar auch vor der Haft nicht gerade ein Intellektueller gewesen ist. Es erstaunt die Gründlichkeit, mit der er die theoretischen Grundlagen der eigenen Weltanschauung untersuchte: "Ein Schulfreund hat mir mal an einem Nachmittag die Arbeiterbewegung erklärt." Für Klar und seine Mitstreiter folgte daraus, dass "kommunistische Vorstellungen keine Theorie sind". Da ist es nur folgerichtig, dass man angelehnt an die Arbeiterkämpfe in den Zwanziger Jahren und die Befreiungsbewegung in der Dritten Welt in den Untergrund geht und den bewaffneten Kampf aufnimmt.

Das Medienecho ist stark: Von der Bild Zeitung über die Süddeutsche bis hin zum Sozialistenblatt Neues Deutschland, rezensieren mehrere Zeitungen das Gespräch aus dem Knast. Der Berliner Tagesspiegel druckte eine Zusammenfassung ab. "Eine eisgraue Gespensterstunde" erlebte Willi Winkler von der Süddeutschen, als er sich das Interview ansah. Denn: "Nichts scheint sich geändert zu haben seit den versteinerten Siebzigern". Die Faszination, die von den Siebzigern und dem Terrorismus ausgeht, scheint vor allem bei den Journalisten, die damals jung waren, ungebrochen zu sein.

Zwischen den Zeilen ahnt man ein wenig die Überlegung: Haben wir nicht damals alle an eine andere Gesellschaft geglaubt? Gespräche wie dieses mit Klar, erwecken allerdings bei Nachgeborenen den Eindruck, dass die Debatten der Siebziger von Anfang an weniger von intellektuellem Tiefgang, als von genau dem Starrsinn geprägt waren, der heute den Eindruck der Versteinerung erweckt.

Das Interview "Zur Person" von Günter Gaus wird am 23. Dezember 2001 um 23.35 Uhr auf Sat 1 ausgestrahlt.

Bild: Copyright liegt beim ORB





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