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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1514 )Links nach Rechts - 2. Teil des Interviews mit Burkhard Schröder
Autor : Florian Wachter
E-mail: fwachter@e-politik.de
Über ein Jahr ermittelte die Berliner Staatsanwaltschaft gegen den Journalisten und Autor Burkhard Schröder wegen seiner Link-Sammlung zu rechten Websites. Anfang Dezember 2001 wurde das Verfahren eingestellt. Mit Schröder sprach Florian Wachter.
e-politik.de: Wie geht man denn dann im Internet mit Rechtsextremismus um? Muss man solche Seiten zensieren oder sperren?
Schröder: Das funktioniert technisch nicht. Wer das behauptet hat normalerweise keine Ahnung. Und ich fände es fatal, wenn diejenigen das nicht sehen könnten, die dumm sind. Gleichzeitig aber jene, die wissen, wie man das umgeht, dürften es sehen. Das ist ein Zeichen, das finde ich schon zynisch.
Es ist doch sehr strittig, was Rechtsextremismus wirklich ist. Ich gebrauche den Begriff überhaupt nicht, weil er unwissenschaftlich ist.
Wenn man etwas schlecht findet, kann man nur etwas besseres machen. Aber solange es eine Nachfrage gibt, gibt es auch ein Angebot. Daran muss man sich orientieren. Man muss die nachfragenden Leute angehen, aber nicht das Medium, was die Botschaft überbringt, prügeln für die Botschaft.
e-politik.de: Wenn Sie den Begriff Rechtsextremismus nicht verwenden, mit welchem Begriff würden Sie denn arbeiten wollen?
Schröder: Ich würde mit den internationalen Begriffen arbeiten. Nämlich mit Rassismus und Antisemitismus. Der Begriff Rechtsextremismus ist auch sehr deutsch, weil er suggeriert, dass die Gesellschaft in der Mitte intakt ist und an den extremen Rändern eben nicht.
Ich halte eine völkische Definition der Nation, die auch in Teilen der demokratischen Parteien Konsens sind, für viel gefährlicher als jemand, der wie der Nazi Gary Lauck 85 Hakenkreuze auf seiner Website hat. Wenn man das Jugendlichen zeigt, die lachen darüber. Aber subtiler Nationalismus, der völkisch und rassistisch ist, ist nicht immer als solcher zu erkennen und wirkt natürlich viel mehr als plumper Antisemitismus...
e-politik.de: Da würden Sie wohl Widerspruch ernten, wenn Sie sagen, über die paar Hakenkreuze auf der Seite von Lauck lachen Jugendliche ...
Schröder: ... Das ist meine Erfahrung. Ich habe sehr viele Vorträge in Internet-Cafes vor Jugendlichen gehalten. Das ist das Erste, was ich denen zeige. Wenn man das nämlich länger als 5 Minuten anschaut, ohne das einem übel wird oder das man lacht, dann ist demjenigen sowieso nicht mehr zu helfen.
e-politik.de: Aber die Rechtsextremisten nutzen doch gerade das Internet, um Jugendliche für Ihre Propaganda zu vereinnahmen. Dann wäre das doch ein Widerspruch. Dann macht sich ja jeder Nazi lächerlich, der sich im Netz mit einer Website präsentiert.
Schröder: Die Medienforschung ist völlig zerstritten, aber in einem einig: Medien - und dazu gehört auch das Internet - verstärken schon vorhandene politische Meinungen. Ich ändere meine Meinung also nicht durch den Anblick rechter Propaganda. Wenn ich Sympathien dafür habe, wird es vielleicht verstärkt, weil ich eher an Hintergrundinformationen in dessen Sinne herankomme.
Aber wer kein Nazi ist und kein Rassist ist, der wird auch nicht durch den Anblick von Nazi-Seiten zu einem solchen. Man muss nicht die Realität mit der Widerspiegelung in den Medien verwechseln. Und das wird in Deutschland noch häufig gemacht.
e-politik.de: Trotzdem bleibt das Problem: Der Wust an üblen braunen Homepages.
Schröder: Die Frage ist doch, wie kriege ich rassistische Einstellungen aus den Köpfen der Menschen raus. Man muss sich Gedanken machen, wie so etwas zustande kommt. Und meine These ist, dass ein rassistischer Diskurs in der Gesellschaft, der zum Beispiel sagt "Deutscher ist, wer so und so ist" (das ist für jeden Ethnologen zum Kopfschütteln), die Basis ist. Und an den Rändern der Gesellschaft und bei extremen Gruppen zeigt sich das nun sehr brutal aber auch sehr dumm.
Die eigentliche Ursache liegt aber in der Mitte. Darüber wird aber nicht diskutiert. Wir reden immer nur davon, die guten Symbole zu zeigen. Die meisten Websiten, die sich gegen Rechts wenden, halten es fast ausnahmslos für so gefährlich, dass sie es nicht verlinken. Das ist ein völlig falsches Signal. Wenn ich vor etwas warne, dann wird es doch gerade angesurft. So wäre ich ja auch.
Deshalb glaube ich, dass die bisherige Politik im Web und Usenet kontraproduktiv ist. Sie macht genau das interessant, was die Jugendlichen eigentlich nicht sehen wollen.
Man muss offensiv sagen, "wenn Ihr auf diese Seite geht, dann kriegt Ihr subtile antisemitische Propaganda, weil ... Und wenn Ihr auf diese Seite geht, das sind Nazis, obwohl es nicht draufsteht".
Es gibt eben Seiten der NPD, da steht es halt nicht drauf. Und das muss man Jugendlichen schon vorher sagen.
Und ich habe den Ehrgeiz, dass meine Linksammlung die vollständigste Sammlung - auch mehr als die von Nazis selbst - ist. So müssen selbst die Nazis, wenn sie sich über Ihre Szene informieren wollen, auf meine Seite gehen. Und das ärgert sie natürlich.
Hier geht es zum 1. Teil des Interviews!
Das Interview wurde auch für das F.A.Z. Business-Radio geführt und in leicht gekürzter Version am 23.12.2001 ausgestrahlt.
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Themen/Virtualität/Extremismus im Netz
Weiterführende Links:
Homepage von Burkhard Schröder: http://www.burks.de
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