e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 678 )


Fußball

Jugoslawien und die Fußball-EM 2000

Fußball ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Autor :  Andreas Groß
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Für UEFA-Präsident Johansson war die Sache eigentlich klar: Es sei nicht vorstellbar, dass Jugoslawien an der Fußball-Europameisterschaft 2000 teilnehme. Doch die jugoslawischen Kicker sind angetreten. Andreas Groß über das Politikum "Fußball".


1992 wollte die UEFA keine jugoslawischen Fußballer sehen. "Unfair und skandalös" nannte Vojislav Raicevic, Präsident des jugoslawischen Fußballverbands, das Urteil damals. Dabei war nicht nur sein Land, sondern auch die Nationalmannschaft längst zerfallen, Kroaten und Slowenen wollten nicht mehr für Jugoslawien spielen. Acht Jahre und einige Tausend Tote später ist das, was vom ehemaligen Jugoslawien übrig geblieben ist, international isoliert. Auch im Land selbst hat sich die Lage keinesfalls verbessert. Eine freie Presse gibt es praktisch nicht mehr, Oppositionspolitiker müssen ständig um ihr Leben bangen.
Und doch hat sich eines fundamental geändert: Die jugoslawische Nationalmannschaft darf in diesem Jahr wieder an der Europameisterschaft teilnehmen.

Am 8. Juni, zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel, entschied das zuständige Gericht in Brüssel, den Fußballern die Einreisegenehmigung nach Belgien zu erteilen. Mehrere Vereinigungen von Kosovo-Albanern hatte dagegen geklagt, dass die Europameisterschafts-Teilnahme Jugoslawiens gegen Beschlüsse der EU verstoßen würde. Die europäischen Staaten hatten Jugoslawien nach dem Krieg im vergangenen Jahr mit Sanktionen belegt, die bis heute in Kraft sind. So werden die EU-Länder beispielsweise aufgefordert, Repräsentanten des jugoslawischen Staates die Einreise zu untersagen. Dazu gibt es eine lange Namensliste mit den unerwünschten Personen. Weder Trainer noch Spieler des jugoslawischen EM-Kaders tauchen auf dieser Liste auf. Andererseits ist die Liste nur ein provisorisches Hilfswerkzeug, das ständig überarbeitet wird, alleine entscheidend ist die Bezeichnung "Repräsentant des Landes".

Das Wappen auf der Brust, die Hymne auf den Lippen

Ist die Fußball-Nationalmannschaft ein Repräsentant des Landes?
Aus deutscher Sicht würde man die Frage nach manchen Spielen am liebsten verneinen. Tatsächlich werden die Spieler nicht von der Bundesregierung, sondern vom Deutschen Fußball-Bund nominiert. Im Prinzip gibt es überhaupt keine Verbindung zwischen dem Team und dem deutschen Staat. Bezahlt werden sie von ihren Vereinen und Dribbelkönig Oliver Neuville spricht nicht mal die deutsche Sprache. Die Mannschaft ist also kein Repräsentant des Landes.

Wenn sie aber kurz vor Spielbeginn nebeneinander auf dem Rasen stehen, in ihren Trikots mit dem deutschen Bundesadler auf der Brust, und etwas schief die deutsche Nationalhymne singen, dann tun sie das auch für ihr Land. In Frankreich vielleicht etwas mehr, in Deutschland etwas weniger. Auf jeden Fall aber wird es sich der Staatschef des neuen Europameisters nicht nehmen lassen, den Spielern für ihre Verdienste zu danken. Also ist die Mannschaft doch Repräsentant des Landes.

Politik ist, wenn Jugoslawien trotzdem spielt

Das Gericht in Brüssel hat sich für die erste Variante entschieden und die Europäische Kommission hat Jugoslawien bereits herzlich willkommen geheißen. Der Ausrichter der EM, der Europäische Fußballverband UEFA, hat niemals ernsthaft über einen Ausschluss der Mannschaft nachgedacht. Zwar mussten einige der Qualifikationsspiele nach der Bombadierung Belgrads vor einem Jahr verschoben werden, mehr aber auch nicht.

Dabei war eigentlich klar vorgegeben, wer oder was unter die Sanktionen fällt. Beim Ausschluss der Jugoslawen 1992 hieß es in der entscheidenden UN-Resolution 757/92, dass Personen oder Gruppen, die Jugoslawien repräsentieren, nicht mehr an Sportveranstaltungen teilnehmen dürfen. 1999 erklärte die EU, dass "die Bundesrepublik Jugoslawien von der Teilnahme an internationalen Sportveranstaltungen abgehalten" werden soll.

Vor einem Jahr war man sich also noch einig, dass die jugoslawische Nationalmannschaft ihr Land und damit das Milosevic-Regime repräsentiert. Folglich sollte sie nicht die Möglichkeit haben, dem Regime bei der EM eine Bühne für seine Propaganda zu bieten. Wieso aber steht das jugoslawische Team entgegen dem Wortlaut der EU-Sanktionen nun doch auf dem Platz? Der Sinneswandel ist wohl kaum darauf zurückzuführen, dass in Jugoslawien Fußball und Politik zwei Paar Schuhe sind. Beim Sieg über den Erzfeind Kroatien zu Anfang des Jahres feierten Tausende Fans in den Straßen von Belgrad ihre neuen Helden.

Vielmehr steht die EU mit ihren Sanktionen relativ alleine da. Anders als 1992 gibt es heute keine Unterstützung durch die UNO mehr. Gerade auf unabhängige Verbände wie die UEFA hätte eine völkerrechtlich bindende Entscheidung der UNO deutlich größeren Einfluss als Richtlinien der EU. Wahrscheinlich aber ist die Entscheidung sogar ein bewusstes Signal der EU an Restjugoslawien, das Land wieder in Europa einbinden zu wollen. Die Sanktionen werden aufgeweicht, beginnend mit einem eher unpolitischen Bereich.

Schön gespielt, Jungs!

Ob dieses Signal erkannt wurde, muss sich erst noch zeigen. Nur einmal angenommen, am Tag des Endspiels ertönt zum Auftakt auch die Hymne Jugoslawiens als einem der beiden Finalisten. Rund 90 Minuten später reckt Jugoslawiens Kapitän Sinisa Mihailovic als neuer Europameister den Pokal in den Himmel von Rotterdam. Auf den Rängen des Stadions werden die blau-weiß-roten Flaggen der Republik Jugoslawien geschwenkt. Was wird Slobodan Milosevic in Belgrad wohl verkünden? Dass die Mannschaft schönen Fußball gespielt hat?

Collage: Copyright bei UEFA / Andreas Groß





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