Auf dem ex-jugoslawischen und albanischen Gebiet ist es mittlerweile schwierig geworden, zwischen politischen Institutionen und Mafia-Clans zu unterscheiden. Von Albanien bis Serbien oder Montenegro, Bosnien und bis – vor einiger Zeit – zum Kroatien Tudjmans breiten sich Staaten oder staatsähnliche Gebilde aus, die tief von kriminellen Gruppierungen unterwandert werden. Diese bedienen sich des atavistischen Lockmittels des Nationalismus auf dem Balkan, um ihre eigenen Machtpositionen zu festigen und die "Geschäfte" auszuweiten. Dabei ist es noch schwerwiegender, dass diese mafiösen Unternehmenskonglomerate über die Adria eng mit unseren Verbrechensorganisationen, angefangen mit denen in Apulien wie der Sacra Corona Unita und ähnlichen, verbunden sind.
Der Balkan – eine Gefahr für Italien und Europa
Deshalb stellt es für Italien und Europa die oberste Priorität dar, den Kampf unter Einsatz aller verfügbarer Mittel gegen das organisierte Verbrechen aus dem Balkan aufzunehmen, das droht, unser gesellschaftliches und politisches System zu unterwandern.
Balkanisierung ist also nicht das, wovon uns die Lehrbücher erzählen - ein unentwirrbarer Knoten erbitterter Nationalismen - , sondern das Entstehen von Mafia-Staaten. Diese haben wenig gemeinsam mit den europäischen Nationalstaaten, sondern viel mehr mit den kriminellen Oligarchien, die in den letzten Jahren überall Macht und Einfluss erobern, besonders dort, wo sich einst das sowjetische Imperium befand. Das alles bedeutet, dass uns die kriminelle Tendenz der gegenwärtigen "Herrschaftssysteme" des Balkans, die mit unseren Mafia-Organisationen auf das Engste verbunden sind, beunruhigen sollte. Sind wir uns dieser Gefahr bewusst? Das ist zu bezweifeln.
Nationalismus als Vorwand für Staatskriminalität
Obwohl sich die Öffentlichkeit Westeuropas mit dem Balkan beschäftigen musste, ist sie oft der ethnisch-nationalistischen Begründung der Konfliktparteien gefolgt. Besonders während des Bosnienkrieges fand eine regelrechte Identifikation mit dieser oder jener Seite im Kampf auf dem Balkan statt, beziehungsweise es folgte die Dämonisierung ihrer Gegner. Bekannte Intellektuelle haben uns erklärt, warum die Kroaten (Alain Finkielkraut) oder warum die Serben (Peter Handke) Opfer einer internationalen Intrige sind. Das Schwarz-Weiß-Schema hat seine Vorteile – es erspart einiges Kopfzerbrechen - , aber es hilft nicht, die wahren Verhältnisse der Balkankonflikte oder das, was tatsächlich auf dem Spiel steht, zu verstehen.
Parteinahme für den einen oder anderen Kontrahenten neigt dazu, Propaganda der politisch-mafiösen Gruppen von der anderen Adriaküste unkritisch zu übernehmen. Die Akteure auf dem Balkan setzen dabei nationalistische Hysterie geschickt dazu ein, um unrechtmäßigen Familien- oder Gruppeninteressen einen politischen Anstrich zu verleihen.
Widerspruch "Nationalismus – Internationale Kriminalität"
Nationalismus ist freilich nicht nur ein rhetorischer Deckmantel. Vielmehr drückt er tief verwurzelte Wahrnehmungen aus. Aber die Führer und die lokalen Kriegsherren benützen ihn, um ihren schmutzigen Geschäften zusätzlich sozusagen eine "Seele" zu geben. Diese Geschäfte sind typischerweise transnational.
Sie kennen weder Grenzen noch Volkszugehörigkeit noch Religion, auch wenn sie ethnisch-religiöse Gruppen oder solche, die sich so bezeichnen, benützen, um sich in einem Gebiet aufzubauen und auf die Institutionen einzuwirken. Man muss daran erinnern, dass der sogenannte "Balkanpfad", über den Drogen, Waffen und jede Art von Schmuggelware – darunter Tausende illegaler Einwanderer, die die Mafiabosse tatsächlich wie Ware behandeln – fließen, einer der wichtigsten Wege des internationalen Schmuggels ist.
Ohne ein gemeinsames Projekt gerät Europa in den Balkan
Die Adria ist heute eine durchlässige Grenze, die wir nicht kontrollieren können. Das Fehlen eines europäischen Projektes für den Balkan hat unser "nahes Ausland" in einen endemischen Brandherd einer kriminellen Infektion verwandelt. Wenn wir diesen nicht unter Kontrolle bekommen, werden wir früher oder später in ihn hineingeraten. Wir werden selbst ein Teil des Balkans werden (das eine oder andere Symptom ist bereits vorhanden), auch aus dem Grund, da wir uns bereits dem einen oder anderen Mafia-Staat aus politischen oder geopolitischen Gründen annähern mussten.
Beispiele hier für sind: Das Kroatien Tudjmans, das Serbien Milosevics zu den Zeiten des Dayton-Vertrags, das Albaniens Berishas und Nanos und schließlich die UCK, eine Narkoguerilla, für die wir den Kosovo-Krieg geführt haben.
Bewusstsein für den Zusammenhang Kriminalität - Staat
Leider liegt bis jetzt weder in Italien noch in anderen europäischen Ländern eine detaillierte und umfassende Analyse dieser Verflechtung von Kriminalität und Staat vor, die für uns viel gefährlicher ist als der Mikronationalismus. Ein wichtiger Schritt nach Vorne wurde mit dem Stabilitätspakt erreicht, der die Gewährung von Wirtschaftshilfe für Südosteuropa an die Kooperationsbereitschaft dieser Länder bei der Kriminalitätsbekämpfung bindet. Von den Worten zu den Taten ist es aber noch ein langer Weg.
Übersetzung aus dem Italienischen: Roman Maruhn
Foto: zeigt den Hafen von Bar in
Montenegro. Von hier werden unversteuerte Zigaretten nach Italien
geschmuggelt.