Global village wider Willen?

Klaus Brill will in seinem Buch Deutsche Eiche made in China die Globalisierung anschaulich machen. Sein Geburtsdorf Alsweiler soll gemäß der Devise „Jedes Kaff ist ein Kosmos“ als Untersuchungsobjekt herhalten und die globale Kompression greifbar machen. Der journalistische Weltenbummler Brill gibt sich dabei aber bedenklich heimatverbunden. Von Markus Rackow

Die meisten Prozesse kann man erst beurteilen, wenn sie abgeschlossen sind. Im Falle der Globalisierung aber fürchten viele ihre horrenden Konsequenzen. Dabei deutet das Suffix „-ierung“ an, dass ein noch unbestimmter Prozess und kein Naturgesetz gemeint ist. Die Vielfältigkeit der Phänomene, die mit dem Begriff beschrieben werden, sollten misstrauisch machen, ob denn wirklich jeder genau weiß, was Globalisierung ausmacht. Globalisierung ist ein riskanter catch-all-Begriff, was ihn besonders leicht politisch ausschlachtbar macht.

Auch Klaus Brill ist vor dieser Gefahr nicht gefeit, Globalisierung zum deus ex machina zu machen. In seinem Buch Deutsche Eiche made in China ist er bestrebt, sich der Globalisierung über die Empirie zu nähern. Während die Soziologin Saskia Sassen – in ihrem Buch The global city : New York, London, Tokyo – dies über die These versucht, dass Globalisierung von den Finanzzentren der Welt ausgehe, folgt Brill hier der Logik der „Globalisierungs“-Theoreme: Globalisierung ist weltumspannend, aber gerade deshalb im Örtlichen verwurzelt.

Heimatdorf als Studienobjekt

Anhand seines Heimatdorfs Alsweiler, einer 2500-Seelen-Gemeinde im Saarland, zeichnet der einstige Auslandskorrespondent der Süddeutschen Zeitung eine Art dörfliches Stillleben, das durch die Zeitachse der Dorfhistorie an erschreckender Bewegung gewinnt. Der dörfliche Mikrokosmos dient ihm als Vehikel zur Makroebene, zur Welt, die die Globalisierung scheinbar zeitlich und räumlich komprimiert. Die ambivalente Dynamik dieser Veränderungen, der dörflichen Wirtschaftsstruktur und Lebenswelt, illustriert er anhand verschiedenster, über Jahre zusammengetragener Licht- und Schattenseiten:

Da ist das alte Denkmal „Hiwwelhaus“, das durch zivilgesellschaftliches Engagement und EU-Gelder zum Veranstaltungsort saniert und so vor dem Verfall gerettet wird – gegen anfänglichen Widerstand im Dorf. Ausgestorbene Tierarten werden wieder angesiedelt – während zugleich neben der Floren- auch eine Faunenverfälschung zu beklagen ist, dem globalen Handel „sei Dank“. Die Billigfluglinie Ryanair fliegt von einem ehemaligen US-Militärflughafen in die Welt, während die Handelskette Globus eben jenen auch erobern will. Globus schafft Arbeitsplätze, ist aber auch mitverantwortlich für den Leerstand im Dorfzentrum, für das Sterben der Bäckereien und Tante-Emma-Läden. Eine Bundesstraße walzt sich durchs Dorf, bindet es an den Verkehr an und ist zugleich eine Schneise in der dörflichen Straßenkommunikation. Wohnungsleerstand zieht schwer integrierbare Individualisten und Migranten an, während eine Thailänderin voll akzeptiert und sogar ihre Beherrschung der Alsweiler Mundart konzediert wird. Vereine und Männergesang leiden an Mitgliederschwund, alte Rituale werden weiter gefeiert – mit fremden Inhalten. „Precision farming“ ersetzte, nach Brill, die alte bäuerliche Plackerei, die sich auf die Schreibtischbewältigung der EU-Bürokratie verlagerte. Ein Forstunternehmen exportiert massenhaft nach China – lokal ansässige Unternehmen gehen leer aus, bestellen sie doch zu geringe Mengen.

Verherrlichung vergangener Dorfromantik

Vieles von dem ist bekannt, wenngleich gemütlich zusammengetragen. Doch nicht wenige der genannten Beispiele verwirren den kritischen Leser: Ist das alles Globalisierung? Verbirgt sich da nicht eher technischer Fortschritt? Oder Effekte der Bildungsreformen der 1960er? Ist der Schwund an Kirchengängern eine Dimension von Globalisierung oder nicht eher Säkularisierung? Und ist die Invasion von US-Fernsehprogrammen nicht eher Amerikanisierung? Hat sie nicht tiefer liegende Gründe? Schließlich ist es kein Automatismus, dass solche Programme auf Akzeptanz stoßen. Was hat der Pillenknick mit Globalisierung zu tun? Ist die Familiengröße nicht schon lange am Schrumpfen? Auch der wertende Tonfall gibt gelegentlich Rätsel auf: Was ist der Vorzug eines lokal hergestellten Schreibheftes gegenüber einem aus England? Brill kommt es vor allem auf die Herstellung, die gemeinsame Arbeit, die Rituale an, weniger auf deren Ergebnis oder Inhalt: Das Gemeinsame zählt.

Was sich ausgibt als Buch über Globalisierung, liest sich über weite Strecken zwar gut, aber als bedenklich sentimentale Beschönigung dörflicher Idylle. Zwar ist sich Brill dessen bewusst, wenn er in einem Anflug von Selbstkritik sich selbst als „participant observer“ einstuft und auch oft von der Enge des Dorfs berichtet. Der Eindruck drängt sich aber auf, dass er hier mehr als nur teilnehmend, sondern befangen schreibt und nicht als schmeichelnder Beobachter. Brill befleißigt sich als Dorfpropagandist, schmeißt eine getarnte Dorfchronik auf den Markt und versucht als einer der Wortführer im öko-konservativen Diskurs von Dezentralisierung und regionaler Identität zu avancieren.

Alle müssen mit anpacken, um das Dorf zu schützen

Diese Kritik am Schluss zwar vorwegnehmend, strotzt sein Buch nämlich trotzdem vor lokalpatriotischem Jargon. Das Einlullen in die verletzliche dörfliche Unschuldigkeit immunisiert beinahe gegen Kritik. Die gelegentlich unfokussierte Aneinanderreihung von Geschichtchen und Anekdoten verströmt einen lesefreundlichen Charme. Leider wirkt sie aber auch wie eines der allerseits bekannten Lokal-„Käseblätter“, wenngleich mit pointiert politischer Mission: Das „Dorf als weltgeschichtliche Idee und Lebensform“ gilt es vor Urbanisierung und „neuartigem Nomadentum“ zu schützen.

Um das zu erreichen soll nicht nur die dörfliche politische Autonomie vor obrigkeitsstaatlichen Struktur- und Kreisreformen geschützt und durch basisdemokratische Beteiligung ausgebaut werden. Der Autor schreckt auch nicht davor zurück, einen indirekten Zwang zum Engagement zu begrüßen, indem Individualisten steuerlich sanktioniert werden. Das soziale Miteinander sei nämlich die große Stärke der Dörfer, durch die ihre Menschen wichtige soziale Kompetenzen vermittelt bekommen, die auf dem globalen Markt verwertbar sind. „Im Dorf geboren zu werden ist heute also keine schicksalhafte Fügung mehr, die auf ewig bestimmte Wege versperrt.“

Alsweiler erscheint dabei aber oft eigentümlich privilegiert und elitär: Ein Dörfler nach dem anderen wird vorgestellt, wie er in Peking arbeitet oder ein globales Unternehmen leitet. Andere Dörfer in Deutschland und der Welt dürften sich da weniger glücklich schätzen. Schlecht ist die Globalisierung also doch nicht? Hat sie nicht gar etwas natürliches, wie Brill an einer Stelle mutmaßt? Oder ist sie nicht doch vor allem auf den kulturellen Wankelmut und Hirngespinste zurückzuführen? Ist sie gar ein stummer Zwang, da die teure, wertvolle Dorfkultur dem billig verfügbaren Konsum nichts entgegensetzen kann? Wie auch immer: „Die Globalisierung fällt nicht vom Himmel. Sie wird von Menschen gemacht“, stellt Brill fest. Globalisierung geht nur wenn alle mitmachen – wie im Dorf.

Brill, Klaus
Deutsche Eiche, Made in China- Die Globalisierung am Beispiel eines deutschen Dorfes
(2009), München, Karl Blessing Verlag
352 Seiten, ISBN 978-3-89667-374-9, 19,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Karl Blessing Verlag (Cover) und bei der Süddeutschen Zeitung (Portrait).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Es liegt an uns allen

Gerechtere Globalisierung

Globalisierung – eine Schimäre?