Wechselstimmung am Pazifik

Pinera_asiBei der Präsidentschaftswahl in Chile geht der Rechtskonservative Sebastián Piñera mit Vorsprung in die Stichwahl – die Meinung über ihn aber ist gespalten. Von Steffi Fetz

Obwohl die Wahlplakate vor drei Tagen abgehängt werden mussten, lächelt Sebastián Piñera am Wahlsonntag in der Kommune Recoleta im Norden der chilenischen Hauptstadt Santiago noch alle 100 Meter im Großformat von den Häuserwänden. Der Kandidat des rechten oppositionellen Parteienbündnis „Koalition für den Wechsel“ kann es sich leisten, die dafür fällige Strafe von rund 1000 Euro pro Plakat zu zahlen. Er ist Multimillionär, einflussreicher Geschäftsmann, beteiligt an einem Fernsehsender, dem beliebten Fußballclub Colo-Colo und der Fluggesellschaft LAN, die eine Monopolstellung im chilenischen Luftraum innehat. In den Wahlkampfwochen sind seine Werbeaktionen nicht zu übersehen. Seine Plakate pflastern die zentralen Plätze der chilenischen Orte und lassen nicht einmal zwei Meter Platz zwischen den Stellwänden.

Ein Favorit auf der Rechten…

1.LaMonedaBereits vor der Wahl ist klar, dass Piñera es auf jeden Fall in die zweite Runde am 17.  Januar schaffen wird, falls keiner der vier Kandidaten die absolute Mehrheit erreicht. Der Politiker der Partei „Nationale Erneuerung“ verspricht eine Million neue Arbeitsplätze und will – so steht es in seiner Wahlwerbung – „das Fest der Kriminellen und Drogenhändler beenden“, sowie Inkompetenz und Korruption in seiner Regierung nicht tolerieren.

Das kommt an. Auch bei José, der im Wahllokal der Schule „Liceo Industrial“ im Norden Santiagos seine Stimme abgegeben hat. „Heutzutage gibt es in Chile viel mehr Korruption als noch vor ein paar Jahren“, sagt er. Der 55-Jährige schaut dabei vom Geländer des dritten Stockwerks auf das Treiben im Schulhof hinab. Er hat lange im Ausland gelebt: In Brasilien, Argentinien und einigen afrikanischen Ländern: „Ohne Kohle geht da gar nichts“, sagt er. Mittlerweile habe er diesen Eindruck auch immer mehr hier in seinem Land. „Viele Dinge sind einfach schlecht organisiert, ein Wechsel ist unbedingt notwendig“, fügt José hinzu und spielt damit auf den Wechsel hin zum rechten Lager an, der „Koalition für den Wechsel“.

Die ersten Tische der einzelnen Wahllokale schließen. Der Fernsehsender Chilevisión überträgt live aus dem Wahllokal des Estadio Nacional, wo die ersten Stimmen ausgezählt werden. An diesem geschichtsträchtigen Ort, der nach dem Militärputsch 1973 einige Monate als Internierungslager gedient hat, faltet eine Wahlhelferin die Stimmzettel auf, eine andere liest laut vor. Sie sind dabei von einer Traube aus Menschen und Mikrophonen umringt. Bei Stimmen für den rechtskonservativen Kandidaten Piñera jubeln die anwesenden Wähler am lautesten. Auf den Fernsehbildschirmen läuft währenddessen mit, welcher der vier Kandidaten wie viele Stimmen hat. Die Zahlen bewegen sich im Bereich zwischen acht und 80. Auch auf anderen chilenischen Kanälen können die Einwohner in Echtzeit mitverfolgen, wie sich die Stimmanteile entwickeln. Obwohl diese Ergebnisse nicht repräsentativ sind, liegt der 60-jährige Unternehmer Piñera bei den ersten Hochrechnungen einige Stunden später deutlich vorne.

… zwei Konkurrenten auf der Linken

FreiOminamiMit letztlich rund 44 Prozent hat er für die Stichwahl am 17. Januar gegen Eduardo Frei eine gute Ausgangsposition. Obwohl die geschlagenen zwei Kandidaten wie Frei beide links der Mitte einzuordnen sind, könnten einige Wähler des mit 20 Prozent Drittplatzierten Marco Enriquez-Ominami zu Piñera wandern. „ME-O“, wie er kurz genannt wird, ist als unabhängiger Kandidat angetreten, nachdem die „Concertación“, die „Koalition der Parteien für Demokratie“, ohne Vorwahl Frei als gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten bestimmt hatte.

Dieses Bündnis stellt seit dem Ende der Diktatur Augusto Pinochets vor 20 Jahren die Regierung. Somit stand auch der Wahlkampf des erst 36-jährigen charismatischen Ominamis unter dem Motto der Veränderung. Wie aus dem Nichts begeisterte der Sohn des einstigen Anführers der marxistisch-leninistischen Revolutionsbewegung MIR, Miguel Enriquez, der 1974 während der Militärdiktatur umgebracht wurde. Bei Wahlkampfveranstaltungen feierten seine Anhänger Ominami wie einen Popstar. Küsse flogen ihm zu, jeder wollte ihn anfassen. Auf Wahlplakaten streicht er sich lässig das Haar aus der Stirn. Mit eben dieser Handbewegung übersetzen auch die Gehörlosendolmetscher im Fernsehen seinen Namen. In seiner Rede am Sonntagabend gibt Ominami keine Empfehlung zur Stimmabgabe für die zweite Runde. Eine Veränderung gebe es seiner Meinung nach mit beiden verbliebenen Kandidaten nicht.

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Die Bildrechte liegen bei der Autorin (Regierungspalast), bzw. bei den Kandidaten Sebastian Piñera, Eduardo Frei und Marco Enriquez-Ominami und unterliegen einer Creative-Commons-Lizenz.


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