Die Macht der Studenten – II

Auch Schüler protestierenDie Bologna-Reform ist das verkorkste Resultat einer parteiübergreifend seit Jahrzehnten unterschätzten Bildungspolitik. Abermals erleben wir die Auswirkungen unseres falschen ökonomischen Denkens. Ein Gastkommentar von Prof. Dr. h.c. Peter Finke

Selbst die für Bildungsdeutschland miserablen Pisaergebnisse haben es nicht vermocht, eine in Schulfragen völlig verschlafene Politik wirklich aufzurütteln. Dabei zeigt hier schon das ökonomische Denken, wie ressourcenverschwendend unsere ideologisch fixierten Hüter der traditionellen Dreigliedrigkeit agieren. Marode Gebäude, unzureichende Geräteausstattung, viele fehlende Pädagogen, am Rande der Erschöpfung arbeitende, noch dazu gelegentlich von Kultusministern selbst geschmähte Lehrer sind ein Ausdruck hiervon.

Man hat den Schulen (und Universitäten) über alle Jahrzehnte der Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben, was sie brauchten. Man hat ihren Beitrag zum Aufbau unserer Zukunft sehr erheblich unterschätzt. Schüler und Lehrer sind noch ärmer dran als Studierende und Professoren. Sie bilden die Bildungsnachhut, obwohl sie den Hauptkörper der Bildungsarbeiter darstellen. Von der Wichtigkeit der Vorhut, dem ganzen Vorschulbereich, will ich hier nicht reden.

Was schließen wir daraus?

Die Politik hat die wahre Dimension des Problems noch immer nicht begriffen. Alle Merkelschen Bildungsgipfel sind Show-Veranstaltungen dagegen. Sie folgen dem Schavanschen Motto: andere beschuldigen und etwas Geld geben. Ansonsten hoffen sie auf den Fetisch Wachstum, getreu dem Mantra des wahren Bildungsministers der gegenwärtigen Regierung, Rainer Brüderle: Wo leben wir eigentlich?

Den Studenten oder der Wirtschaft?Die Schüler und Studenten sind nicht machtlos, im Gegenteil. Niemand verkörpert so glaubwürdig wie sie die Sorgen, die Angst und die Wut angesichts einer bedrohlich erscheinenden Zukunft. Sie verteidigen keine Privilegien, sondern äußern nur Wünsche und Hoffnungen. Sie sind nicht von irgendjemandem angestiftet, sondern verkörpern die Missstände selbst. Sie erheben zu bescheidene Forderungen und laufen deshalb Gefahr, noch weniger zu bekommen, aber dies macht ihren Protest kaum angreifbar. Sie führen diejenigen vor, die das Desaster angerichtet haben, und darin haben sie Recht.

Wir müssen wohl aus alledem schließen, dass die Politik kaum in der Lage ist, ernste Probleme aus eigener Analyse in vollem Umfange zu erkennen und zu lösen. Hierzu bedarf es friedlicher, aber massiver Anstöße der wirklich Betroffenen. Auch aus der Wissenschaft muss hier noch mehr an Unterstützung kommen. Sie muss ihre verlorenen Freiräume zurückfordern. Das eher hilflose Lavieren der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, macht denen kaum Mut, die um unser aller Zukunft kämpfen.

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Finke (geb. 1942) lehrte seit 1982 Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld. Er ist 2006 aus Protest gegen die unzumutbaren Folgen der Bologna-Reform freiwilllig vor der Pensionsgrenze aus dem regulären Dienst ausgeschieden. Hauptwerk: Die Ökologie des Wissens. Exkursionen in eine gefährdete Landschaft. Freiburg: Alber 2005.


Die Bildrechte liegen bei Lemmonmuffin (Studentenproteste) und bei Andreas Schepers (Schavan) und unterliegen einer Creative-Commons-Lizens.


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