Auf in ein chinesisches Jahrhundert?

hongkong-punschrulle.jpgDie Angst geht um. Angst vor einem erstarkten China, das sich nach Einschätzung mancher Experten zur alleinigen Supermacht des 21. Jahrhunderts aufzuschwingen droht. Für eine realistische Perspektive bleibt in dieser aufgeregten Debatte wenig Raum. Ein Kommentar in drei Teilen von Daniel Müller – Teil 1: Wunschbilder und Realität.

In von den Medien und in der Politik gleichermaßen geführten China-Diskursen gilt der Bedeutungsverlust des Westens als ausgemachte Sache.
Während die Einführung marktwirtschaftlicher Reformen im Reich der Mitte unter Deng Xiaoping noch als Bestätigung des westlichen Modells mit allgemeiner Genugtuung registriert wurde, wächst nun das Unbehagen vor dem erwachenden Koloss.

Berufsalarmisten, aber auch einige besonnene Analysten sprechen gar von einem asiatischen Jahrhundert, das am weltpolitischen Horizont aufzieht. Es scheint, als würde die in den 1980er Jahren rege geführte Debatte um die „japanische Gefahr“ dieser Tage eine Neuauflage in Form eines eilig herbei geschriebenen China-Hype´s erleben.

Insbesondere Teile der Wirtschaftspresse ergehen sich regelrecht in Begeisterung über die wundersamen Geschichten aus dem Morgenland. Der Buchautor Frank Sieren etwa sieht nichts weniger kommen „als das Ende der Welt, so wie wir sie kennen“ kommen. Deutschland müsse deshalb den China-Code dechiffrieren und wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen, um nicht überrollt zu werden und als „Freiluftmuseum“ zu enden.
Die politischen Entscheidungsträger ihrerseits greifen diesen Trend dankend auf und begründen ihre Handlungen zunehmend mit Sachzwängen, die aus diesem verkündeten Gezeitenwechsel in der Weltpolitik erwachsen sollen. Dass dabei vor allem der Sozialstaat im Fadenkreuz steht, könnte einen Hinweis auf die eigentliche Intention der Euphoriker liefern, die den Aufstieg Chinas förmlich herbeizuschreiben versuchen. Sie scheinen in einer Opposition zum kontinentaleuropäischen Sozialstaatsmodell zu liegen.

Einmalige Wachstumsphase

Angesichts der überschwänglichen Reaktionen auf der einen und der tiefen Resignati-on auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie folgenschwer und nachhaltig der Erfolg Made in China tatsächlich ist. Trotz der atemberaubenden Fortschritte bleibt das Land eine Gleichung mit vielen Unbekannten.

Die Wachstumszahlen für sich genommen sind in jedem Fall beeindruckend: Keine Wirtschaft wächst so schnell wie die der Volksrepublik, durchschnittlich um 9 Prozent und das seit nunmehr 25 Jahren – ein historisch einmaliger Vorgang. Das Land erwirtschaftet ein sattes Plus in der Außenhandelsbilanz und zog im Jahr 2005 mehr als 50 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen an. Nach Schätzungen des IWF könnten die chinesischen Devisenreserven im Jahr 2007 auf über eine Billiarde Dollar anwachsen. Darüber hinaus verfügt China mit circa 20 Prozent der Weltbevölkerung über einen äußerst attraktiven Absatzmarkt.

Dabei sollten allerdings nicht die Relationen aus dem Blick geraten: Sowohl im absoluten und erst recht im relativen Vergleich liegt China noch weit hinter Japan, der EU und den USA zurück. Das chinesische Pro-Kopf-Einkommen beträgt gerade einmal ein Dreißigstel des amerikanischen. Nach Angaben der Weltbank leben 200 Millionen Chinesen unter der Armutsgrenze.

Instrumenteller Umgang mit Marktkräften

Wallstreet.jpgDie Wachstumsmusik spielt aber ohne jeden Zweifel im Fernen Osten. Bei vielen westlichen Unternehmen herrscht denn auch eine regelrechte Torschlusspanik. Ohne ein Engagement auf dem chinesischen Zukunftsmarkt, so die Befürchtung, verliere man den Anschluss an die globale Ökonomie. Diese Einstellung versetzt die Chinesen in eine vergleichsweise komfortable Lage. Geschickt nach der Formel Know-how gegen Marktanteile verfahrend, ist es ihnen möglich, selbst zu entscheiden mit wem man was und wie viel davon herstellt. Bei allen ausländischen Beteiligungen gilt eine 50prozentige Sperrklausel.

Dieser instrumentelle Umgang mit den Marktkräften birgt für den Westen mit seiner völligen Fixierung auf kurzfristige Gewinne, den Shareholder-Value, die Gefahr, dass er sukzessive seinen technologischen Vorsprung verliert und nach den arbeitsintensiven auch die technologieintensiven Produktionsabläufe abwandern. Dem Westen bliebe dann kein Bereich mehr, auf dem er einen besonderen Wettbewerbsvorsprung vorweisen kann.

Eine Hochrechnung der bisherigen Wachstumsraten lässt China im Jahr 2030 zur größten Volkswirtschaft werden, mit entsprechendem wirtschaftspolitischen Gewicht. Eine strategische Herausforderung ersten Ranges für die westlichen Industrieländer stellt China also allemal dar.

Ungelöste Probleme der Ökonomie

Die chinesische Führung denkt gar ernsthaft darüber nach, wie das Wachstum ein Stück weit gedrosselt werden kann. Dies ist eine für deutsche Ohren eine fast unglaubliche Nachricht. Deshalb die Feststellung verwundern, dass Chinas Volkswirtschaft eine ganze Reihe von Schwachpunkten aufweist. Aber noch ist die Umstrukturierung unrentabler Unternehmen nicht weit fortgeschritten. So existieren etliche staatseigene Firmen nur, weil sie durch staatliche Banken unterstützt werden.

Mit einem schnellen Umbau ist nicht zu rechnen, da eine Entlassung der in diesen Firmen Beschäftigten die ohnehin exorbitant hohe Arbeitslosigkeit, von der schätzungsweise bis zu 200 Millionen Menschen betroffen sind, weiter erhöhen würde. Die Kredite, der Gesamtvolumen mehrere Hundert Milliarden US-Dollar betragen soll, werden in aller Regel abgeschrieben.

Zudem werden massive Investitionen in die Infrastruktur benötigt, um nach den Küstenregionen auch im Landesinneren Entwicklung zu erzeugen. Immer noch arbeiten circa 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft; die Wachstumsraten sind hier wesentlich schwieriger zu steigern. Die Verkehrs- und Kommunikationsnetze sind in einem desolaten Zustand, so fern überhaupt vorhanden. Der Profilierungsdrang etlicher Lokalfürsten erschwert eine effektive Abstimmung und verzögert notwendige Modernisierungsmaßnahmen. Das Reformtempo scheint sich insgesamt zu verlangsamen.

Unwägbarkeiten der Weltwirtschaft

ShellMartinez-refi.jpgKaum Erwähnung in den Medien findet auch die Tatsache, dass etwa die Hälfte der chinesischen Exporte von ansässigen ausländischen Unternehmen stammt. Die chinesische Erfolgsgeschichte muss in diesem Zusammenhang also ein Stück weit relativiert werden. Die simple Extrapolation bisheriger Wachstumsraten hingegen verkennt, dass eine Reihe von Unwägbarkeiten bestehen: So wird die weitere wirtschaftliche Entwicklung von externem Kapitalzufluss und der Bereitschaft des Westens, insbesondere der USA abhängen, chinesische Waren abzunehmen. Ob dass  eine verschärfte Wettbewerbssituation zu einem Aufkommen von weit reichenden protektionistischen Maßnahmen führen wird, erscheint zumindest nicht ausgeschlossen.

Das vehemente politische Störfeuer aus Washington im Fall der gescheiterten Übernahme der kalifornischen Unocal durch das staatliche chinesische Öl-Unternehmen CNOOC hat bereits entsprechende Tendenzen offenbart. Des Weiteren ist auch nicht gesagt, dass China seinen großen Wettbewerbsvorteil, die niedrigen Produktionskosten, auf alle Zeit wird aufrecht halten können. Schon jetzt wandern einzelne Produktionszweige in noch günstigere Standorte wie Vietnam oder Indonesien ab. Ein Selbstläufer ist das chinesische Wachstum also in keinem Fall.


Zum zweiten Teil dieser Serie: Innere PProbleme


Weiterführende Literatur:

Shuxun Chen / Charles Wolf (Hrsg.): China, the United States, and the Global Economy
Santa Monica 2001

George Gilboy: The Myth Behind China´s Miracle, in: Foreign Affairs 83, 2004, 4, S. 33 – 48

Karl Pilny: Das asiatische Jahrhundert. China und Japan auf dem Weg zur neuen Weltmacht
Frankfurt am Main 2005

The Economist, A Survey of the World Economy: The new Titans, 16. 9. 2006

Lester Thurow: Die Zukunft der Weltwirtschaft, Frankfurt am Main 2004


Die Bildrechte liegen bei PhotoCase.com (Hongkong) und sind gemeinfrei (Wallstreet, Ölraffinerie).