Aufstandsbekämpfung verlangt Mut

Cover_CreveldMartin van Creveld zählt zu den renommiertesten Militärhistorikern unserer Zeit. In seinem jüngsten Werk gelingt ihm das Kunststück, die Chronologie des Krieges nicht nur auf das Wesentliche zu fokussieren, sondern auch entscheidende Unterschiede herauszudestillieren. Seine Lektionen werden nicht vielen gefallen. Von Michael C. Pietsch

Studenten neuzeitlicher und neuerer Geschichte werden sich darin einig sein, dass sich sowohl der erste vom zweiten Weltkrieg, wie auch beide von den Nahost-Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn fundamental unterscheiden. Martin van Creveld, Militärhistoriker an der Hebräischen Universität Jerusalem, zeigt in seiner Analyse Die Gesichter des Krieges, dass es so einfach nicht ist.

Im Gegenteil, die genannten Konflikte haben in ihrem Wesen, und darum geht es ihm, mehr gemeinsam, als sie trennt. Darin liegt ein Verdienst seines jüngsten Buches: Obwohl auch er nicht in toto auf den politischen, wirtschaftlichen oder demografischen Kontext der von ihm untersuchten Kriege verzichten kann, bleibt er auf das Wesen eben dieser bewaffneten Auseinandersetzung konzentriert. So kommt er zu seinen teils überraschenden, aber immer überzeugend vorgetragenen Schlussfolgerungen.

Das Wesen des Abnutzungskrieges

Das nüchterne Herausschälen wesentlicher Elemente des ersten Weltkrieges führt van Creveld zur wenig kontroversen Charakterisierung desselben als Abnutzungskrieg. Dennoch bereitet dieses erste Kapitel nur die Bühne, auf der die kommenden Konflikte seziert werden. Der bereits von Erich Ludendorff am Ende des ersten Weltkriegs vorausgesehene totale Krieg traf ein und führte zu der Überwindung des starren Abnutzungskrieges in den Schützengräben. Letztlich folgte aber, so van Creveld, auf jede technische Neuerung, die der immer systematischere Forschungs- und Fertigungsprozess hervorbringen sollte, bald eine Gegenwaffe. Defensiv- und Offensivtechnik und –taktiken hielten sich – mehr oder weniger – im Gleichgewicht. Als Fazit formuliert van Creveld: „Kriege werden durch eine Kombination aus Qualität und Quantität, Informationen und brutaler Gewalt entschieden.“

Für beide Weltkriege und, wie van Creveld zeigt, auch die Nahost-Kriege, denen die Schlachten von Kursk und die Blitzkriege von 1940/41 als Blaupause dienten, bedeutet dies, dass es sich immer um eine Variante des Zermürbungskrieges handelte. Während das innovative Potenzial oder die Qualität des Kriegsgerätes, ebenso wie überlegene Operationsverfahren oder auch Informationen am Beginn eines Krieges entscheidenden Einfluss haben könne, liege der Vorteil umso stärker bei der wirtschaftlich-demografisch überlegenen Partei, je länger der Konflikt andauert. Eine Gesetzmäßigkeit, die van Creveld im Folgenden in veränderter Form auch für asymmetrische Konflikte aufstellt.

Die Entwicklung der Atombombe als Zäsur

Portrait_CreveldBeide Weltkriege sind aus Sicht des Autors nur „ein einziges Glied in einer langen Reihe.“ Erst die Entwicklung und Verbreitung der Atomwaffe brach mit der Gesetzmäßigkeit einer sich ständig verfeinernden und immer größer werdenden Kriegsmaschinerie, die kriegerische Auseinandersetzungen letztlich auch zu ihrer eigenen Rechtfertigung provozieren musste. Mit Erreichen des atomaren Patts und overkill sollten aber alle Gedankenspiele über einen Krieg zwischen Atommächten fortan auf den ursprünglichen Gedanken der Nicht-Abwehrbarkeit von Nuklearwaffen zurückgeworfen werden.

Dass die USA seit 1945 öfter, länger, und intensiver als andere Staaten in konventionelle Auseinandersetzungen verwickelt waren, erklärt der Autor auch mit dem (eigentlich unlogischen weil obsoleten) Aufbau riesiger und technologisch state of the art verkörpernder Arsenale und der verhängnisvollen Symbiose von Pentagon und militärisch-industriellem Komplex. Die Analyse dieses Paradoxons gipfelt in einer tragischen Erkenntnis: „hätten die mächtigsten Länder nur 10 Prozent ihrer Rüstungsausgaben umgeleitet (…), dann hätten sie ohne weiteres jeden Mann, jede Frau und jedes Kind auf dem Planeten ernähren können.“ Letztlich war es dieses immer kostspieligere Rennen um das Vorhalten des modernsten Waffenarsenals, das die USA finanziell in die heutige prekäre Lage bringen sollte. Es bleibt abzuwarten, ob Obama den Einfluss der militärisch-industriellen Lobby dauerhaft beschneiden kann – im kommenden Jahr sinkt der Verteidigungsetat der USA zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.

Guerilla, Terrorismus und Lektionen für erfolgreiche Aufstandsbekämpfung

Die Untersuchung der „Chronologie des Scheiterns“ fortschrittlicher und hoch gerüsteter Streitkräfte, die als „Ordnungskräfte“ gegen extrem schwache „Aufständische“ antraten, birgt für den kundigen Leser zunächst wenig neues. Aber die Analyse der erfolgreichen Aufstände, mehr noch die der erfolgreichen Aufstandsbekämpfung, führen van Creveld schließlich zu seiner zentralen These, dass „das eigentlich Ziel die Moral der Bevölkerung sein (muss), denn von ihr werden die Aufständischen unterstützt, und ohne sie können sie nicht überleben.“ An zwei historischen Beispielen leitet er seine Schlussfolgerungen für erfolgreiche Aufstandsbekämpfung ab.

Den Erfolg der Briten in Nordirland erklärt van Creveld durch eine Kombination von überlegener Informationsgewinnung, konsequent durchgehaltener Professionalität, und eiserner (Selbst-)Disziplin der Streitkräfte. Diese Faktoren führten dazu, dass die Unterstützung für die Aufständischen langsam weg brach während der Kampfgeist der Besatzer gewahrt blieb. Die konsequente Entsagung des Einsatzes weit überlegender Waffen, die Beschränkung auf das absolut Notwendige um den Konflikt im Zaum zu halten, waren nach Ansicht des Autors das Erfolgsgeheimnis.

Die Niederschlagung des Aufstands in Hama (Syrien) durch Hafis al-Assad führt van Creveld zu der zweiten Alternative, einer „Weiterführung“ machiavellistischer Handlungsempfehlungen: Es geht um nichts geringeres als die entschlossene Durchführung eines „Massakers“ an den Aufständischen und der sie umgebenden Zivilbevölkerung. Skrupellosigkeit und Entschlossenheit der Aufstandsbekämpfer sollen so demonstriert und die Moral vor allem aller Sympathisanten gebrochen werden. Zugleich werde die Moral der eigenen Truppen bei nur einer, wenn auch besonders grausamen Operation, weniger zermürbt, als dies im Verlauf einer lang andauernden Kampagne gegen einen asymmetrischen Feind der Fall wäre. Möglichst sollen auch die Medien im Nachgang breit über das Massaker berichten und die Aufstandsbekämpfer in jedem Statement entschlossen und ohne Anflug von Reue und Bedauern ihr Handeln als alternativlos verteidigen.

Die Analyse des bisherigen Scheiterns der USA im Irak führt van Creveld konsequenterweise darauf zurück, dass die USA zwischen beiden Methoden hin- und herlaviert und damit ihre eigene Glaubwürdigkeit verspielt haben. „Bald setzen sie ihre ganze Feuerkraft ein, um ihren Gegner scharenweise niederzumachen, dann wiederum empfangen sie ihn mit offenen Armen. Bald zerstören sie, dann bauen sie wieder auf. Bald töten sie unschuldige Menschen, dann zahlen sie Entschädigung.“ Dies führe, so van Creveld’s Fazit, zu einer weder eingeschüchterten noch freundlich gesinnten Bevölkerung – tertium non datur!.

Die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus wird mit keiner dieser Methoden wirkungsvoll bekämpft werden können. Hierüber ist sich auch der Autor im Klaren, bietet aber leider keine dritte Alternative an. Er ist ja auch Historiker.

Creveld, Martin van,
Gesichter des Krieges, Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute,
(2009), München, Siedler Verlag,
352 S., ISBN -3-88680-895-3, 22,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Siedler Verlag (Cover) und Adi Mendlin (Portrait). Der Verlag im Internet.


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